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Statistik kritisch hinterfragen

Weiterführend:

Lehrplan 21Zyklus 3 (7.–9. Klasse) · 6 Kompetenzen
  • MA.3.B.1.iGrundanspruchErgebnisse zu funktionalen Zusammenhängen überprüfen, insbesondere durch Interpretation von Tabellen, Graphen und Diagrammen
  • MA.3.B.2.eGrundanspruchHäufigkeiten experimentell bestimmen und Vermutungen zu Wahrscheinlichkeiten formulieren; unbekannte Fragestellungen zu Kombinatorik/Wahrscheinlichkeit bearbeiten
  • MA.3.C.2.gGrundanspruchAbhängigkeit zweier Grössen mit Funktionsgraph darstellen; Graphenverläufe interpretieren (Erw: geeignete Skalierung wählen; lineare funktionale Zusammenhänge mit Term beschreiben)
  • MA.3.B.1.jFunktionale und statistische Zusammenhänge erforschen; statistische Rohdaten zu sozialen/wirtschaftlichen/ökologischen Fragestellungen erforschen
  • MA.3.B.2.fWahrscheinlichkeiten und statistische Angaben überprüfen und begründen
  • MA.3.C.2.hWertetabellen, Diagramme, Sachtexte, Terme und Graphen einander zuordnen und interpretieren; Sachsituationen nach funktionalen, statistischen und probabilistischen Gesichtspunkten bearbeiten

Quelle: Aargauer Lehrplan Volksschule, Fachbereich Mathematik (August 2022)

Statistik kritisch zu hinterfragen bedeutet, Zahlen nicht blind zu glauben. Du prüfst sie systematisch. Du schaust hinter die Kulissen der Darstellung. Das heisst nicht, alle Statistiken abzulehnen. Es bedeutet, ihre Qualität zu beurteilen.

Drei zentrale Bereiche helfen dir beim kritischen Lesen. Erstens die Datenerhebung: Wer hat die Daten gesammelt? Wie gross war die Stichprobe? War sie repräsentativ? Zweitens die Darstellung: Ist die Grafik fair skaliert? Verzerren Farben oder 3D-Effekte? Drittens die Interpretation: Stimmt die angegebene Schlussfolgerung überhaupt? Wird Korrelation mit Kausalität verwechselt?

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht den Unterschied. Ein Säulendiagramm zeigt zwei Werte: 10,010{,}0 und 10,510{,}5. Startet die y-Achse bei 00, siehst du einen kleinen Unterschied. Startet sie bei 9,89{,}8, ragt die erste Säule nur 0,20{,}2 Einheiten über die Achse, die zweite 0,70{,}7 Einheiten. Die zweite Säule ist dann 3,53{,}5-mal so hoch wie die erste. Die Zahlen sind identisch, die Wirkung ist völlig verschieden.

Das Ziel dieser Lektion ist klar. Du sollst nicht paranoid werden. Du sollst ein geübtes Auge entwickeln. Jede Statistik verdient eine kurze Prüfung: Stimmt die Quelle? Passt die Darstellung zum Inhalt? Ist die Schlussfolgerung logisch? Mit wenigen Sekunden Aufmerksamkeit filterst du die meisten Fehlinformationen heraus.

Für das systematische Hinterfragen von Statistiken gibt es eine bewährte Methode. Sie basiert auf fünf W-Fragen. Diese Fragen kannst du bei jeder Grafik und bei jeder Zahl stellen.

Jede Frage hat ihren Zweck. Die Wer-Frage entlarvt versteckte Interessen. Eine Studie der Tabakindustrie zum Rauchen ist mit Vorsicht zu geniessen. Die Was-Frage klärt Definitionen. Sogar in der Schweiz gibt es zwei Zahlen zur Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote des SECO zählt nur Personen, die beim RAV gemeldet sind. Die Erwerbslosenquote des BFS beruht auf einer Befragung nach internationaler Definition und fällt höher aus.

Die Wann-Frage enthüllt Cherry-Picking. Wer nur den besten oder schlechtesten Zeitraum zeigt, verzerrt das Bild. Die Wie-Frage untersucht die technische Qualität. Achsenskalierung, Stichprobengrösse und Erhebungsmethode gehören hierher.

Die Warum-Frage schliesslich beleuchtet die Absicht. Marketing, Politik oder Wissenschaft haben unterschiedliche Motive. Eine Gewinnmeldung eines Unternehmens ist anders zu lesen als eine Studie eines unabhängigen Instituts.

Für die mathematische Analyse sind zwei Konzepte zentral. Die relative Abweichung eines Werts aa von einem Vergleichswert bb berechnest du mit:

relative Abweichung=∣a−b∣b⋅100 %\begin{align*} \text{relative Abweichung} = \dfrac{|a - b|}{b} \cdot 100\,\% \end{align*}

So erkennst du, ob ein Unterschied wirklich bedeutend ist. Der zweite Begriff ist die Stichprobengrösse nn. Je grösser nn, desto kleiner die Fehlermarge einer Umfrage. Als Faustregel (bei 95 %95\,\% Sicherheit) gilt:

Fehlermarge≈1n\begin{align*} \text{Fehlermarge} \approx \dfrac{1}{\sqrt{n}} \end{align*}

Bei n=30n = 30 sind das 130≈0,18\dfrac{1}{\sqrt{30}} \approx 0{,}18, also rund ±18\pm 18 Prozentpunkte. Eine solche Umfrage ist wenig aussagekräftig. Bei n=1000n = 1000 sind es nur noch 11000≈0,03\dfrac{1}{\sqrt{1000}} \approx 0{,}03, also etwa ±3\pm 3 Prozentpunkte. Darum arbeiten gute Umfragen mit n≥1000n \geq 1000.

Beispiel:

Ein Unternehmen präsentiert seinen Umsatz über drei Jahre:

JahrUmsatz (Mio. CHF)
202410,010{,}0
202510,310{,}3
202610,610{,}6

Aufgabe: Ein Säulendiagramm startet bei 9,89{,}8 Mio. CHF. Wie wirkt die zweite Säule im Vergleich zur ersten? Und wie wirkt sie, wenn die Achse bei 00 beginnt?

Zwei Säulendiagramme mit denselben Umsätzen von 10,0, 10,3 und 10,6 Millionen Franken für die Jahre 2024 bis 2026. Links beginnt die y-Achse bei 9,8 und die Säulen wachsen stark an, rechts beginnt sie bei 0 und die Säulen sind fast gleich hoch.

Abb. 1: Dieselben Zahlen, zwei Achsen. Links ist die Säule für 2025 2,52{,}5-mal so hoch wie die für 2024, rechts sieht man den echten Zuwachs von 3 %3\,\%.

Lösung:

Bei einer Achse ab 9,89{,}8 Mio. ist der sichtbare Säulenabschnitt der ersten Säule 10,0−9,8=0,210{,}0 - 9{,}8 = 0{,}2 Einheiten hoch. Die zweite Säule zeigt 10,3−9,8=0,510{,}3 - 9{,}8 = 0{,}5 Einheiten. Der optische Unterschied:

0,50,2=2,5\dfrac{0{,}5}{0{,}2} = 2{,}5

Die zweite Säule wirkt also 2,52{,}5-mal so gross. Bei einer Achse ab 00 ist das Verhältnis 10,310,0=1,03\dfrac{10{,}3}{10{,}0} = 1{,}03. Der tatsächliche Zuwachs beträgt nur 3 %3\,\%. Die dritte Säule wirkt mit 0,80,2=4\dfrac{0{,}8}{0{,}2} = 4 sogar viermal so hoch wie die erste, obwohl der Umsatz nur um 6 %6\,\% gestiegen ist. Die abgeschnittene Achse täuscht einen massiven Anstieg vor.

Beispiel:

Ein 3D-Kreisdiagramm zeigt die Marktanteile dreier Firmen. Firma A hat 35 %35\,\%, Firma B 35 %35\,\% und Firma C 30 %30\,\%. Firma A liegt im Vordergrund und wirkt deutlich grösser als Firma B.

Aufgabe: Erkläre den Trick. Wie kannst du den tatsächlichen Anteil prüfen?

Links ein flaches Kreisdiagramm mit A 35 Prozent, B 35 Prozent und C 30 Prozent, in dem A und B gleich gross sind. Rechts dasselbe Diagramm gekippt und mit einem 3D-Rand: A liegt vorne und wirkt viel grösser als B.

Abb. 2: Dieselben Anteile, flach und gekippt. Im 3D-Bild bedeckt Firma A knapp die Hälfte der eingefärbten Fläche, Firma B nur gut ein Viertel.

Lösung:

3D-Effekte verzerren Flächen. Der vordere Sektor wirkt aus zwei Gründen grösser. Erstens erscheint er durch das Kippen breiter: In Abb. 2 öffnet sich A scheinbar auf rund 154°154° statt auf 126°126°. Zweitens sieht man nur bei den vorderen Sektoren zusätzlich den Rand des «Kuchens». Dabei hat A denselben Winkel wie B. Der Winkel entspricht dem Prozentsatz:

α=35 %⋅360°=126°\alpha = 35\,\% \cdot 360° = 126°

Firma A und Firma B haben identische Winkel von 126°126°, Firma C hat 30 %⋅360°=108°30\,\% \cdot 360° = 108°. Nur die Perspektive täuscht. Du prüfst die Aufteilung, indem du die angegebenen Prozentwerte nachrechnest: 35+35+30=10035 + 35 + 30 = 100 und 126°+126°+108°=360°126° + 126° + 108° = 360°. Die Zahlen stimmen, doch das Bild lügt. Fordere eine flache, faire Darstellung. Ein einfaches Balkendiagramm wäre objektiver. Merke dir als Regel: Kreisdiagramme immer in 2D darstellen und Sektoren nicht herausziehen.

Ein verwandter Flächentrick steckt in Piktogrammen. Steigt der Umsatz einer Firma von 1010 auf 2020 Mio. CHF, zeichnet eine Grafik den Geldschein für 2020 Mio. oft doppelt so hoch und doppelt so breit. Seine Fläche ist dann 2⋅2=42 \cdot 2 = 4-mal so gross. Das Auge vergleicht Flächen, nicht Höhen. Der Zuwachs wirkt also vierfach statt doppelt. Allgemein gilt: Wird ein Bild in Breite und Höhe mit dem Faktor kk vergrössert, wächst seine Fläche mit dem Faktor k2k^2.

Links ein kleiner Geldschein für 10 Millionen Franken und ein doppelt so breiter und doppelt so hoher Schein für 20 Millionen; gestrichelte Linien zeigen, dass vier kleine Scheine in den grossen passen. Rechts derselbe Vergleich ehrlich: ein Schein für 10 Millionen, zwei gleich grosse Scheine für 20 Millionen.

Abb. 3: Links passt der kleine Schein viermal in den grossen, obwohl sich der Umsatz nur verdoppelt hat. Ehrlich ist es, gleich grosse Symbole zu wiederholen.

Beim Analysieren von Statistiken lauern viele Fallen. Die folgenden Warnungen helfen dir, die häufigsten Fehler zu vermeiden.

Links ein Streudiagramm mit zwölf Monaten: Je mehr Glace verkauft wird, desto mehr Badeunfälle gibt es; die Wintermonate liegen unten links, die Sommermonate oben rechts. Rechts ein Pfeildiagramm: Die Temperatur beeinflusst sowohl den Glaceverkauf als auch die Badeunfälle.

Abb. 4: Modelldaten für ein Jahr. Glaceverkauf und Badeunfälle korrelieren stark (r≈0,94r \approx 0{,}94). Die Ursache für beides ist die Temperatur: Die kalten Monate liegen unten links, die warmen oben rechts.

Beispiel:

Eine Zeitung titelt: «Temperatur weltweit stagniert seit 1998!» Sie zeigt einen Graphen der Jahresdurchschnittstemperaturen von 19981998 bis 20082008. Die Kurve ist nahezu flach.

Aufgabe: Analysiere den Trick. Warum ist diese Darstellung irreführend?

Zwei Liniendiagramme mit Modelldaten zur Temperaturabweichung. Links nur die Jahre 1998 bis 2008: Die Kurve wirkt flach, kein Jahr liegt über dem Wert von 1998. Rechts die Jahre 1980 bis 2020 mit klar steigendem Trend; der Ausschnitt 1998 bis 2008 ist rot markiert und beginnt mit einem Ausreisser nach oben.

Abb. 5: Modelldaten mit einem Trend von +0,02 °C+0{,}02\,°\mathrm{C} pro Jahr und zufälligen Schwankungen. Der rote Ausschnitt startet beim Ausreisser 1998 und wirkt darum flach.

Lösung:

Das Jahr 19981998 war ein extremes El-Niño-Jahr mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Durch die Wahl dieses Startpunkts wirkt jedes Folgejahr kühler. Der wahre langfristige Trend wird verdeckt.

Nimmst du stattdessen den Zeitraum von 19801980 bis 20202020, zeigt sich ein klarer Anstieg von etwa:

ΔT=0,8 °C\Delta T = 0{,}8\,°\mathrm{C}

Auf 4040 Jahre verteilt entspricht das einer durchschnittlichen Erwärmung von 0,8 °C40=0,02 °C\dfrac{0{,}8\,°\mathrm{C}}{40} = 0{,}02\,°\mathrm{C} pro Jahr. Die kurze, ausgewählte Zeitspanne verbirgt diesen Trend. Dieses Vorgehen heisst Cherry-Picking. Der Name kommt vom Kirschenpflücken: Man pflückt nur die Früchte, die einem passen, und lässt den Rest hängen.

Achte bei Trendaussagen immer auf die Zeitspanne. Kurze Ausschnitte sind fast immer verdächtig. Je länger der Zeitraum, desto zuverlässiger die Aussage. In der Klimaforschung gelten mindestens 3030 Jahre als aussagekräftige Basis.

Beispiel:

Eine Studie behauptet: «Menschen, die regelmässig Kaffee trinken, sind glücklicher.» Die Korrelation beträgt r=0,45r = 0{,}45.

Aufgabe: Was könnte diese Aussage wirklich bedeuten? Diskutiere alternative Erklärungen.

Lösung:

Die Korrelation von r=0,45r = 0{,}45 ist moderat positiv. Doch Korrelation beweist keine Kausalität. Mehrere Erklärungen sind möglich:

  1. Kaffee macht glücklich (Koffein als Stimmungsheber).
  2. Glückliche Menschen trinken mehr Kaffee (soziale Treffen im Café).
  3. Eine dritte Variable steckt dahinter: Berufstätige trinken häufiger Kaffee und sind dank Arbeit und Einkommen im Schnitt zufriedener.

Die Korrelationsformel zeigt nur, dass beide Werte gemeinsam variieren:

r=∑(xi−xˉ)(yi−yˉ)∑(xi−xˉ)2∑(yi−yˉ)2r = \dfrac{\sum (x_i - \bar{x})(y_i - \bar{y})}{\sqrt{\sum (x_i - \bar{x})^2 \sum (y_i - \bar{y})^2}}

Für Kausalität brauchst du Experimente: Eine Gruppe trinkt Kaffee, eine Kontrollgruppe nicht, und die Teilnehmenden werden den Gruppen zufällig zugeteilt. Erst dann kannst du Ursachen identifizieren. Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Merke dir: «Correlation does not imply causation» – Korrelation bedeutet keine Kausalität.

Fortgeschrittene Themen der kritischen Statistik betreffen Paradoxien und Verzerrungen. Zwei besonders wichtige Konzepte sind das Simpson-Paradoxon und die Grundraten-Vernachlässigung. Beide tauchen in Medizin, Politik und Wirtschaft regelmässig auf.

Das berühmteste Beispiel stammt von der Universität Berkeley aus dem Jahr 19731973. Die Universität fürchtete den Vorwurf, Frauen bei der Zulassung zu benachteiligen. Die Gesamtdaten zeigten: 44 %44\,\% der Männer und nur 35 %35\,\% der Frauen wurden zugelassen. Bei der Aufschlüsselung nach Fachrichtungen kehrte sich das Bild teilweise um. In einigen Fächern hatten Frauen sogar höhere Zulassungsquoten.

Die Erklärung: Frauen bewarben sich häufiger für sehr selektive Fächer. Männer wählten öfter weniger selektive Bereiche. Die versteckte Variable war die Fachwahl, nicht das Geschlecht. Ohne diese Aufschlüsselung wäre der falsche Schluss gezogen worden.

Ein Beispiel: Ein Test auf eine seltene Krankheit ist zu 99 %99\,\% genau. Er erkennt 99 %99\,\% der Kranken, und bei 99 %99\,\% der Gesunden zeigt er korrekt «negativ» an. Die Krankheit betrifft 11 von 10 00010\,000 Menschen. Fällt dein Test positiv aus, bist du trotzdem nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1 %1\,\% krank.

Am einfachsten siehst du das mit ganzen Zahlen. Von 1 000 0001\,000\,000 Getesteten sind 100100 krank und 999 900999\,900 gesund. Von den Kranken testet der Test 9999 positiv. Von den Gesunden erhalten 1 %1\,\%, also 9 9999\,999 Personen, fälschlich ein positives Ergebnis. Insgesamt gibt es 99+9 999=10 09899 + 9\,999 = 10\,098 positive Tests, und nur 9999 davon gehören zu Kranken:

P(K∣T)=9910 098≈0,0098≈1 %P(K \mid T) = \dfrac{99}{10\,098} \approx 0{,}0098 \approx 1\,\%

Baumdiagramm mit 1 000 000 Getesteten: 100 sind krank, davon 99 positiv und 1 negativ; 999 900 sind gesund, davon 9 999 positiv und 989 901 negativ. Darunter ein Balken für alle 10 098 positiven Tests, in dem die 99 Kranken nur einen schmalen orangen Streifen bilden.

Abb. 6: Weil es so viel mehr Gesunde als Kranke gibt, sind fast alle positiven Tests Fehlalarme. Die Kranken machen nur rund 1 %1\,\% der positiven Tests aus.

Dasselbe Ergebnis liefert der Satz von Bayes:

P(K∣T)=P(T∣K)⋅P(K)P(T)=0,99⋅0,00010,99⋅0,0001+0,01⋅0,9999≈0,0098P(K \mid T) = \dfrac{P(T \mid K) \cdot P(K)}{P(T)} = \dfrac{0{,}99 \cdot 0{,}0001}{0{,}99 \cdot 0{,}0001 + 0{,}01 \cdot 0{,}9999} \approx 0{,}0098

Diese Paradoxien zeigen, wie wichtig präzises Hinsehen ist. Durchschnittswerte und Gesamtstatistiken können trügen. Die Aufschlüsselung nach Untergruppen und der Blick auf die Grundrate zeigen oft erst das wahre Bild.

Beispiel:

Zwei Therapien gegen Nierensteine werden verglichen. Die Zahlen stammen aus einer bekannten Studie. Insgesamt hat Therapie A eine Erfolgsquote von 78 %78\,\% und Therapie B von 83 %83\,\%. Aufgeschlüsselt nach Schweregrad zeigt sich:

SchweregradTherapie ATherapie B
leicht (kleine Steine)93 %93\,\% (81/8781/87)87 %87\,\% (234/270234/270)
schwer (grosse Steine)73 %73\,\% (192/263192/263)69 %69\,\% (55/8055/80)

Aufgabe: Welche Therapie ist besser? Warum widerspricht die Gesamtstatistik den Einzeldaten?

Lösung:

Therapie A ist in jeder Untergruppe besser! Bei leichten Fällen: 93 %93\,\% gegen 87 %87\,\%. Bei schweren Fällen: 73 %73\,\% gegen 69 %69\,\%. Dennoch wirkt Therapie B insgesamt besser.

Die Berechnung der Gesamtquoten:

Therapie A:81+19287+263=273350=78 %Therapie B:234+55270+80=289350≈83 %\begin{align*} \text{Therapie A:} \quad & \dfrac{81 + 192}{87 + 263} = \dfrac{273}{350} = 78\,\% \\[0.5em] \text{Therapie B:} \quad & \dfrac{234 + 55}{270 + 80} = \dfrac{289}{350} \approx 83\,\% \end{align*}

Die Erklärung liegt in der unterschiedlichen Verteilung. Therapie A wurde meist bei schweren Fällen angewendet (263263 von 350350 Patienten), wo die Quoten generell niedriger sind. Therapie B dagegen wurde hauptsächlich bei leichten Fällen eingesetzt (270270 von 350350). Diese Gewichtung zieht den Gesamtwert von A nach unten.

Die Lehre: Vertraue nie blind der Gesamtstatistik. Frage nach Untergruppenanalysen. Sie zeigen die wahre Struktur der Daten. In der Medizin ist diese Aufschlüsselung Standard bei klinischen Studien.

Bearbeite diese Aufgaben selbständig. Die Schwierigkeit steigt von Aufgabe 11 bis Aufgabe 1010.

Aufgabe 1: Ein Säulendiagramm zeigt Umsätze: 5050, 5252, 5454. Die y-Achse beginnt bei 4848. Berechne, wie viel grösser die dritte Säule optisch im Vergleich zur ersten wirkt.

Aufgabe 2: Eine Firma wirbt: «Unser Produkt reduziert das Risiko um 50 %50\,\%!» Das Risiko sinkt von 0,0020{,}002 auf 0,0010{,}001. Beurteile die absolute und die relative Veränderung.

Aufgabe 3: Eine Umfrage mit n=20n = 20 ergibt: 70 %70\,\% der Befragten bevorzugen Produkt X. Die Schlagzeile lautet: «70 %70\,\% aller Konsumenten lieben Produkt X.» Kritisiere die Aussage.

Aufgabe 4: Ein 3D-Kreisdiagramm zeigt die Werte 40 %40\,\%, 35 %35\,\% und 25 %25\,\%. Berechne die Winkel der drei Sektoren. Wie kannst du die Darstellung fair machen?

Aufgabe 5: Ein Graph zeigt den Aktienkurs von 20242024 bis 20252025 mit starkem Anstieg. Der 1010-Jahres-Graph zeigt dagegen einen klaren Abwärtstrend. Erkläre, welches Bild verlässlicher ist und warum.

Aufgabe 6: Die Korrelation zwischen Schokoladenkonsum und Nobelpreisen pro Land beträgt r=0,79r = 0{,}79. Nenne drei mögliche Erklärungen, die keinen direkten Kausalzusammenhang voraussetzen.

Aufgabe 7: Eine Zeitung schreibt: «Verkehrstote um 200 %200\,\% gestiegen!» Die absoluten Zahlen: von 22 auf 66. Eine zweite Zeitung meldet: «Nur 44 Verkehrstote mehr.» Diskutiere beide Schlagzeilen.

Aufgabe 8: Ein Test erkennt 99 %99\,\% aller Kranken. Die Krankheit betrifft 11 von 100 000100\,000 Menschen. Bei Gesunden zeigt der Test in 2 %2\,\% der Fälle fälschlich «positiv» an (Falsch-Positiv-Rate). Es werden 11 Million Menschen getestet. Berechne, wie viele Gesunde fälschlich positiv getestet werden und welcher Anteil der positiv Getesteten wirklich krank ist.

Aufgabe 9: Zwei Schulen haben je eine Fremdsprachen- und eine Naturwissenschaftsklasse. Schule A: Fremdsprache 90 %90\,\% bestanden (4545 von 5050), Naturwissenschaft 50 %50\,\% (5050 von 100100). Schule B: Fremdsprache 85 %85\,\% (8585 von 100100), Naturwissenschaft 45 %45\,\% (2727 von 6060). Berechne die Gesamtquoten und erkläre das Simpson-Paradoxon.

Aufgabe 10: Eine Studie behauptet: «Menschen, die Vitamin C einnehmen, werden seltener krank.» Die Studie wurde von einem Vitamin-Hersteller finanziert und umfasste n=45n = 45 Freiwillige. Wende die 5-W-Checkliste an und bewerte die Aussage.

Statistiken kritisch zu hinterfragen ist eine Kernkompetenz der digitalen Welt. Die wichtigsten Prinzipien sind: Prüfe die Achsenskalierung und verlange bei Säulendiagrammen eine Achse ab 00. Achte auf Flächen: Doppelte Breite und doppelte Höhe ergeben die vierfache Fläche. Hinterfrage Stichprobengrösse und Auswahl der Befragten. Unterscheide absolute von relativen Zahlen. Verwechsle Korrelation nie mit Kausalität. Analysiere immer die Quelle und ihre Interessen. Wende die 5-W-Checkliste an: Wer, Was, Wann, Wie, Warum. Achte auf versteckte Variablen, Grundraten und mögliche Paradoxien. Eine gute Datenjournalistin nennt Quelle, Stichprobe und Methode. Fehlen diese Angaben, sei skeptisch. Mit wenigen Sekunden Prüfung erkennst du die meisten Manipulationen. Diese Data-Literacy-Kompetenz schützt dich vor Fehlinformationen und stärkt dein kritisches Denken im Alltag.

❓ Frage:

Ein Säulendiagramm zeigt die Werte 9898 und 100100. Die y-Achse startet bei 9696. Wie gross erscheint der optische Unterschied? a) etwa gleich hoch, da die Werte fast identisch sind b) die zweite Säule wirkt etwa 1,51{,}5-mal so hoch c) die zweite Säule wirkt doppelt so hoch

Lösung anzeigen

c) Die erste Säule zeigt 98−96=298 - 96 = 2 Einheiten, die zweite 100−96=4100 - 96 = 4 Einheiten. Optisch wirkt sie doppelt so hoch, obwohl der echte Unterschied nur 100−9898≈2 %\dfrac{100 - 98}{98} \approx 2\,\% beträgt.

❓ Frage:

Welches ist KEIN Warnzeichen für eine manipulierte Statistik? a) klare Angabe der Stichprobengrösse n=1500n = 1500 b) y-Achse eines Säulendiagramms beginnt bei 8585 statt 00 c) 3D-Effekt auf einem Kreisdiagramm

Lösung anzeigen

a) Eine klare Angabe der Stichprobengrösse ist ein Qualitätsmerkmal. Die Optionen b) und c) sind klassische Manipulationstricks.

❓ Frage:

Was bedeutet «Cherry-Picking» in der Statistik? a) Auswählen eines vorteilhaften Zeitraums oder Datenausschnitts b) das Sammeln von Daten mit einer Stichprobe c) die Berechnung des Durchschnitts

Lösung anzeigen

a) Cherry-Picking beschreibt die selektive Auswahl günstiger Daten, um eine gewünschte Aussage zu stützen. Der Rest wird ignoriert.

❓ Frage:

Eine Studie zeigt: r=0,9r = 0{,}9 zwischen Kaffeekonsum und Glück. Was folgt daraus zwingend? a) Kaffee macht glücklich b) Glück führt zu mehr Kaffeekonsum c) nichts zwingend, Korrelation zeigt keine Kausalität

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c) Korrelation zeigt nur, dass zwei Grössen gemeinsam variieren. Sie belegt keine Ursache-Wirkung-Beziehung.

❓ Frage:

Welche der 5-W-Fragen zielt auf versteckte Interessen der Quelle? a) Wie b) Wer c) Wann

Lösung anzeigen

b) Die Wer-Frage untersucht, wer die Daten erhoben und veröffentlicht hat. Sie deckt auch Finanzierung und Interessenkonflikte auf.

Mit dem kritischen Hinterfragen von Statistiken beherrschst du eine zentrale Data-Literacy-Kompetenz. Als Nächstes kannst du tiefer in die beurteilende Statistik eintauchen. Dort lernst du Hypothesentests, Konfidenzintervalle und p-Werte kennen. Diese Werkzeuge helfen dir, Studienergebnisse wissenschaftlich korrekt zu interpretieren. Auch die explorative Datenanalyse mit Boxplots und Streudiagrammen wird spannend. Du wirst künftig nicht nur Statistiken lesen, sondern eigene Daten kompetent analysieren. In Studium und Beruf ist diese Fähigkeit unverzichtbar geworden.

Lösung 1: Die sichtbaren Säulenabschnitte sind 50−48=250 - 48 = 2, 52−48=452 - 48 = 4 und 54−48=654 - 48 = 6 Einheiten hoch. Die dritte Säule wirkt optisch 62=3\dfrac{6}{2} = 3-mal so gross wie die erste. Der echte Unterschied beträgt nur 54−5050=0,08=8 %\dfrac{54 - 50}{50} = 0{,}08 = 8\,\%. Die abgeschnittene Achse erzeugt einen viel zu dramatischen Eindruck.

Lösung 2: Relativ sinkt das Risiko um 0,002−0,0010,002=0,5=50 %\dfrac{0{,}002 - 0{,}001}{0{,}002} = 0{,}5 = 50\,\%. Absolut sinkt es nur um 0,0010{,}001, also von 0,2 %0{,}2\,\% auf 0,1 %0{,}1\,\% (um 0,10{,}1 Prozentpunkte). Statt 22 von 10001000 Personen ist noch 11 von 10001000 betroffen. Das klingt beeindruckend, ist aber im Alltag kaum spürbar. Die Werbung verschweigt die geringe absolute Veränderung. Beides anzugeben wäre fair.

Lösung 3: Mit n=20n = 20 ist die Aussage nicht repräsentativ. Nach der Faustregel beträgt die Fehlermarge 120≈0,22\dfrac{1}{\sqrt{20}} \approx 0{,}22, also grob ±22\pm 22 Prozentpunkte bei 95 %95\,\% Sicherheit. Der wahre Anteil könnte also irgendwo zwischen etwa 48 %48\,\% und 92 %92\,\% liegen. Seriöse Umfragen brauchen n≥1000n \geq 1000. Zudem muss die Stichprobe zufällig und repräsentativ gezogen werden. Die Schlagzeile verallgemeinert unzulässig auf «alle Konsumenten», und «bevorzugen» ist nicht dasselbe wie «lieben».

Lösung 4: Die Winkel sind 40 %⋅360°=144°40\,\% \cdot 360° = 144°, 35 %⋅360°=126°35\,\% \cdot 360° = 126° und 25 %⋅360°=90°25\,\% \cdot 360° = 90°. Die Summe ergibt korrekt 360°360°. Die faire Darstellung ist ein flaches 2D-Kreisdiagramm. Noch besser: ein Balkendiagramm mit identischer Balkenbreite. So lassen sich die Anteile direkt vergleichen.

Lösung 5: Der 1010-Jahres-Graph ist verlässlicher. Kurze Zeiträume zeigen vor allem Schwankungen (Rauschen). Langfristige Trends werden erst über längere Zeit sichtbar. Wer nur eine kurze Periode herauspickt, betreibt Cherry-Picking und verzerrt das Bild. In der Finanzanalyse gelten mindestens 55 bis 1010 Jahre als aussagekräftige Basis für Trendaussagen.

Lösung 6: Mögliche Erklärungen ohne direkte Kausalität: 1) Beide hängen vom Wohlstand ab: Reichere Länder konsumieren mehr Schokolade und investieren mehr in Forschung. 2) Gut ausgebaute Bildungssysteme finden sich vor allem in Ländern, in denen Schokolade traditionell beliebt ist. 3) Zufall und kleine Zahlen: Nobelpreise sind selten, schon wenige Preise mehr oder weniger verändern die Werte eines Landes stark. Die wahrscheinlichste gemeinsame Ursache ist wirtschaftlicher Wohlstand.

Lösung 7: Zeitung 1 wählt die relative Darstellung: 6−22⋅100 %=200 %\dfrac{6 - 2}{2} \cdot 100\,\% = 200\,\%. Zeitung 2 wählt die absolute: 6−2=46 - 2 = 4 Verkehrstote mehr. Beide Zahlen sind rechnerisch korrekt, aber die Wirkung ist verschieden. Bei kleinen Grundzahlen wirken relative Angaben schnell dramatisch und sind irreführend. Eine faire Darstellung nennt beides: relative und absolute Veränderung.

Lösung 8: Bei 1 000 0001\,000\,000 Getesteten sind 1 000 000100 000=10\dfrac{1\,000\,000}{100\,000} = 10 Personen krank. Davon testet der Test 99 %99\,\% positiv, also 9,9≈109{,}9 \approx 10 Personen. Gesund sind 1 000 000−10=999 9901\,000\,000 - 10 = 999\,990 Personen. Davon werden 2 %2\,\% fälschlich positiv getestet: 0,02⋅999 990=19 999,8≈20 0000{,}02 \cdot 999\,990 = 19\,999{,}8 \approx 20\,000 Personen. Die Fehlalarme dominieren. Von den rund 10+20 000=20 01010 + 20\,000 = 20\,010 positiv Getesteten sind nur etwa 1020 010≈0,0005=0,05 %\dfrac{10}{20\,010} \approx 0{,}0005 = 0{,}05\,\% tatsächlich krank.

Lösung 9: Schule A gesamt: 45+5050+100=95150≈63,3 %\dfrac{45 + 50}{50 + 100} = \dfrac{95}{150} \approx 63{,}3\,\%. Schule B gesamt: 85+27100+60=112160=70 %\dfrac{85 + 27}{100 + 60} = \dfrac{112}{160} = 70\,\%. Schule B wirkt besser, obwohl Schule A in jeder Einzelklasse höhere Quoten hat (90 %>85 %90\,\% > 85\,\% und 50 %>45 %50\,\% > 45\,\%). Das ist das Simpson-Paradoxon, verursacht durch die unterschiedliche Verteilung auf die Klassen. Schule A hat zwei Drittel ihrer Lernenden in der schwierigen Naturwissenschaftsklasse (100100 von 150150), Schule B dagegen die Mehrheit in der leichteren Fremdsprachenklasse (100100 von 160160).

Lösung 10: Wer: Vitamin-Hersteller, klarer Interessenkonflikt. Was: «Seltener krank» ist vage. Was genau wurde gemessen? Erkältungshäufigkeit, Krankheitstage, Schweregrad? Wann: Zeitraum der Studie unklar, etwa über welche Jahreszeit? Wie: n=45n = 45 ist viel zu klein. Keine Kontrollgruppe erwähnt, kein Doppelblindverfahren. Warum: Marketing für Vitaminprodukte. Fazit: Die Studie ist wissenschaftlich nicht belastbar. Du solltest unabhängige Übersichtsarbeiten konsultieren, zum Beispiel Cochrane-Reviews. Diese bewerten die Studienlage systematisch.

Quellen