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Binomialverteilung

Ein Bernoulli-Experiment ist ein Zufallsexperiment mit genau zwei möglichen Ausgängen: “Treffer” (Wahrscheinlichkeit pp) oder “Niete” (Wahrscheinlichkeit 1p1-p). Klassische Beispiele: Münzwurf, ein einzelner Freiwurf, ein Qualitätstest an einem Bauteil.

Führst du nn unabhängige Bernoulli-Experimente mit gleicher Trefferwahrscheinlichkeit pp durch, dann ist die Anzahl der Treffer XX binomialverteilt: XB(n,p)X \sim B(n, p). Die Wahrscheinlichkeit für genau kk Treffer beträgt:

P(X=k)=(nk)pk(1p)nkP(X = k) = \binom{n}{k} \cdot p^k \cdot (1-p)^{n-k}

Die drei Faktoren haben eine klare Bedeutung: (nk)\binom{n}{k} zählt, wie viele Reihenfolgen mit kk Treffern es gibt. pkp^k ist die Wahrscheinlichkeit jeder dieser Reihenfolgen für die Treffer, (1p)nk(1-p)^{n-k} für die Nieten.

Erwartungswert und Varianz der Binomialverteilung folgen elegant:

E(X)=np,Var(X)=np(1p)E(X) = n \cdot p, \quad \text{Var}(X) = n \cdot p \cdot (1-p)

Bei 1010 Münzwürfen erwartet man E(X)=100,5=5E(X) = 10 \cdot 0{,}5 = 5 Kopfwürfe — was der Intuition entspricht.

Kumulierte Wahrscheinlichkeiten P(Xk)P(X \le k) braucht man für Aufgaben wie “höchstens 33 Defekte” oder “mindestens 77 Treffer”. Sie sind Summen einzelner Binomialwahrscheinlichkeiten und lassen sich aus Tabellen oder mit dem Taschenrechner ablesen.

Für dieses Kapitel brauchst du:

Drei Lektionen, die aufeinander aufbauen:

  1. Bernoulli-Experimente und Binomialverteilung — die Formel P(X=k)=(nk)pk(1p)nkP(X = k) = \binom{n}{k} p^k (1-p)^{n-k}, mit Beispielen zu Münzen, Würfeln, Qualitätskontrolle.
  2. ErwartungswertE(X)=npE(X) = n \cdot p für die Binomialverteilung; Anwendung auf Fairness- und Prognosefragen.
  3. Kumulierte WahrscheinlichkeitenP(Xk)P(X \le k), P(Xk)P(X \ge k), P(aXb)P(a \le X \le b): “höchstens”, “mindestens”, “zwischen”.

Ein wiederkehrendes Muster in den Aufgaben: Zuerst identifizieren, dass eine Situation binomialverteilt ist (zwei Ausgänge, konstantes pp, unabhängige Versuche, fester Umfang nn). Ist das klar, folgt die Formel fast automatisch.

  • Bernoulli-Experiment — Zufallsexperiment mit zwei Ausgängen.
  • Binomialverteilung B(n,p)B(n, p) — Verteilung der Trefferzahl bei nn unabhängigen Bernoulli-Experimenten mit Trefferwahrscheinlichkeit pp.
  • (nk)\binom{n}{k} — Binomialkoeffizient, ”nn über kk”.
  • ErwartungswertE(X)=npE(X) = n \cdot p bei Binomialverteilung.
  • Varianz — Mass für die Streuung: Var(X)=np(1p)\text{Var}(X) = n p (1-p).
  • Kumulierte WahrscheinlichkeitP(Xk)=i=0kP(X=i)P(X \le k) = \sum_{i=0}^k P(X = i).
  1. “Binomialverteilt heisst, dass genau zwei Ausgänge vorkommen.” Das ist nur die Voraussetzung des einzelnen Experiments. Die Binomialverteilung selbst zählt die Treffer in nn Versuchen — und die Zufallsgrösse XX kann Werte 0,1,,n0, 1, \ldots, n annehmen.
  2. P(X=k)=pkP(X = k) = p^k.” Falsch — das wäre die Wahrscheinlichkeit einer einzigen bestimmten Reihenfolge aus kk Treffern und nkn-k Nieten. Der Binomialkoeffizient (nk)\binom{n}{k} zählt alle Reihenfolgen, die Nietenwahrscheinlichkeit (1p)nk(1-p)^{n-k} fehlt ausserdem.
  3. P(X1)=1P(X=0)P(X \ge 1) = 1 - P(X = 0) ist ein Trick.” Das ist kein Trick, sondern die Standardtechnik für “mindestens einer”-Aufgaben. Direktes Addieren über k=1,2,,nk = 1, 2, \ldots, n wäre fehleranfällig — das Gegenereignis hat genau einen Summanden.

Die Binomialverteilung gehört zu MA.3 – Grössen, Funktionen, Daten, 3. Zyklus:

  • MA.3.D.4 – Diskrete Wahrscheinlichkeitsverteilungen anwenden und interpretieren.
  • MA.3.D.5 – Binomialverteilung auf Sachprobleme anwenden.
  • MA.3.B.5 – Erwartungswert und Standardabweichung zur Bewertung einsetzen.

Die Binomialverteilung gehört vollständig zur Erweiterung des 3. Zyklus. Im Gymnasium ist sie Pflichtstoff und die Grundlage für den späteren Übergang zur Normalverteilung (Satz von Moivre-Laplace).

Quellen