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Wachstumsvorgänge

Ein Wachstumsvorgang beschreibt, wie sich eine Grösse N(t)N(t) mit der Zeit tt verändert. Drei Grundtypen decken die allermeisten Situationen ab:

Lineares Wachstum. In gleichen Zeitabschnitten kommt dieselbe Menge dazu: N(t)=N0+ktN(t) = N_0 + k \cdot t. Beispiele: Taschengeld jede Woche, Wasserpegel bei konstantem Zufluss. Der Graph ist eine Gerade.

Exponentielles Wachstum. In gleichen Zeitabschnitten wächst die Grösse um denselben Faktor: N(t)=N0qtN(t) = N_0 \cdot q^t mit Wachstumsfaktor qq. Bei q>1q > 1 wächst die Grösse, bei 0<q<10 < q < 1 nimmt sie ab (exponentieller Zerfall). Beispiele: Zinseszins, Bakterienwachstum, radioaktiver Zerfall, Lichtabsorption. Der Graph ist die charakteristische Exponentialkurve.

Beschränktes Wachstum. Die Grösse nähert sich einer Schranke SS an, kommt aber nie ganz hin: N(t)=S(SN0)qtN(t) = S - (S - N_0) \cdot q^t mit 0<q<10 < q < 1. Die Differenz SN(t)S - N(t) fällt exponentiell. Beispiele: Abkühlung eines heissen Kaffees auf Raumtemperatur (Newtonsches Abkühlungsgesetz), die Ausbreitung einer Krankheit in einer abgeschlossenen Bevölkerung, das Wachstum eines Fisches auf seine Endgrösse.

Der Schlüssel zur Unterscheidung: Was ist in jedem Zeitintervall konstant — die absolute Zunahme (ΔN\Delta N), der Faktor (NneuNalt\tfrac{N_\text{neu}}{N_\text{alt}}) oder die Differenz zur Schranke? Diese Frage bestimmt das Modell.

Für dieses Kapitel brauchst du:

Drei Lektionen für drei Modelle:

  1. Lineares WachstumN(t)=N0+ktN(t) = N_0 + k \cdot t. Konstante Zunahme pro Zeiteinheit, Gerade als Graph, Standard für gleichmässige Prozesse.
  2. Exponentielles WachstumN(t)=N0qtN(t) = N_0 \cdot q^t. Konstanter Wachstumsfaktor, typisch für Zinseszins, Bevölkerungen, Zerfall. Umrechnung Prozent ⇆ Faktor (p%p\,\% Wachstum ⇔ q=1+p100q = 1 + \tfrac{p}{100}).
  3. Beschränktes WachstumN(t)=S(SN0)qtN(t) = S - (S - N_0) \cdot q^t. Annäherung an eine Sättigungsgrenze, typisch für Abkühlung, Lernkurven, Marktsättigung.

In allen drei Lektionen lernst du, aus Sachtexten die Parameter zu extrahieren, die Gleichung aufzustellen und sowohl vorwärts (Wert zu gegebener Zeit) als auch rückwärts (Zeit zu gegebenem Wert) zu rechnen — letzteres ist der natürliche Einsatzort für Logarithmen.

  • Startwert (N0N_0) — Wert zum Zeitpunkt t=0t = 0.
  • Wachstumsrate (kk) — konstante Zunahme pro Zeiteinheit bei linearem Wachstum.
  • Wachstumsfaktor (qq) — Multiplikator pro Zeiteinheit bei exponentiellem Wachstum. q=1+p/100q = 1 + p/100 bei p%p\,\% Zuwachs.
  • Halbwertszeit — Zeit, nach der sich die Grösse halbiert hat (bei Zerfall, q<1q < 1).
  • Verdopplungszeit — Zeit, nach der sich die Grösse verdoppelt hat (bei Wachstum, q>1q > 1).
  • Schranke (SS) — Grenzwert beim beschränkten Wachstum.
  1. 10%10\,\% Wachstum pro Jahr heisst in 1010 Jahren 100%100\,\%.” Falsch. Bei exponentiellem Wachstum: q=1,10q = 1{,}10, nach 1010 Jahren q102,59q^{10} \approx 2{,}59 — also 159%159\,\% Zuwachs. Der Unterschied kommt vom Zinseszins.
  2. “Beschränktes Wachstum erreicht die Schranke.” Nie ganz. Es nähert sich ihr asymptotischN(t)SN(t) \to S für tt \to \infty, aber jede endliche Zeit lässt noch eine Restdifferenz.
  3. “Halbwertszeit bedeutet, dass nach der doppelten Zeit nichts mehr da ist.” Nein. Jede Halbwertszeit halbiert das, was gerade da ist. Nach 22 Halbwertszeiten bleibt 14\tfrac{1}{4}, nach 33 18\tfrac{1}{8} — mathematisch nie ganz null.

Wachstumsvorgänge gehören zu MA.3 – Grössen, Funktionen, Daten, 3. Zyklus:

  • MA.3.C.2 – Sachsituationen mit dem passenden Wachstumsmodell beschreiben.
  • MA.3.A.3 – Lineare und exponentielle Funktionen als Modelle einsetzen.
  • MA.3.B.2 – Eigenschaften von Wachstumsvorgängen begründen (Konstanz von Zuwachs vs. Faktor).

Lineares Wachstum und einfache Zinseszinsrechnung gelten als Grundanspruch. Exponentieller Zerfall, beschränktes Wachstum und das Lösen nach der Zeit mittels Logarithmus gehören zur Erweiterung und sind im Gymnasium Standardstoff.

Quellen