Potenzfunktionen mit negativen Exponenten: So meisterst du 1/x und Co.
Weiterführend:
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- Verwandt: Exponentialfunktionen einfach erklärt
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Lehrplan 21
MA.1.A.1.iGrundanspruchBegriffe Term, Variable, Unbekannte, hoch, Potenz, Zehnerpotenz, Vorzeichen, positive/negative Zahlen, (Quadrat-)Wurzel (Erw: Basis, Exponent); Symbole √, ≤, ≥; Zahlen bis 1 Milliarde lesen und schreibenMA.3.A.3.hGrundanspruchZu einer Funktionsgleichung Wertepaare bestimmen und in einem Koordinatensystem einzeichnenMA.3.C.2.gGrundanspruchAbhängigkeit zweier Grössen mit Funktionsgraph darstellen; Graphenverläufe interpretieren (Erw: geeignete Skalierung wählen; lineare funktionale Zusammenhänge mit Term beschreiben)MA.1.A.1.jZahlen in wissenschaftlicher Schreibweise mit positiven Exponenten lesen/schreiben; Potenzen mit rationaler Basis und natürlichem ExponentenMA.1.A.1.kBegriffe natürliche Zahlen, ganze Zahlen, rationale Zahlen, Kehrwert, 3. Wurzel; wissenschaftliche Schreibweise mit negativen ExponentenMA.1.A.4.lQuadratische Gleichungen durch Faktorzerlegung lösen; binomische Formeln anwenden; Rechenregeln Potenz vor Punkt vor StrichMA.1.A.4.mBruchterme mit Binomen umformen; Rechengesetze bei Potenzen, Wurzeln und wissenschaftlicher Schreibweise; Bruchgleichungen und Gleichungen mit Parameter lösen; lineare Gleichungssysteme mit 2 UnbekanntenMA.3.A.3.iFunktionswert zu einer gegebenen Zahl aus Wertetabelle, Graph und Funktionsgleichung bestimmen (z.B. y = 2x + 1, x = 7 → y = 15); Rechner/Software für Funktionswerte nutzen; Sachaufgaben mit Prozentangaben lösen (Steigung, Zins)MA.3.C.2.hWertetabellen, Diagramme, Sachtexte, Terme und Graphen einander zuordnen und interpretieren; Sachsituationen nach funktionalen, statistischen und probabilistischen Gesichtspunkten bearbeiten
Quelle: Aargauer Lehrplan Volksschule, Fachbereich Mathematik (August 2022)
Eine kleine Zeitreise
Abschnitt betitelt „Eine kleine Zeitreise“Die Idee der negativen Exponenten ist überraschend jung. Lange Zeit kannte die Mathematik nur positive ganze Zahlen als Exponenten. Schon die alten Ägypter und Babylonier rechneten mit Brüchen wie , aber niemand nannte das “Potenz mit Exponent ”. Die elegante Schreibweise fehlte noch.
Ein grosser Durchbruch gelang dem englischen Mathematiker John Wallis im Jahr 1655. In seinem Werk Arithmetica Infinitorum erweiterte er die Idee der Potenzen zum ersten Mal auf negative und gebrochene Exponenten. Er erkannte: Wenn gilt, dann muss logisch auch sein. Daraus folgt zwingend .
Isaac Newton griff diese Idee wenige Jahre später auf. Er formulierte seinen berühmten binomischen Satz so allgemein, dass er auch für negative und gebrochene Exponenten funktioniert. Diese Verallgemeinerung war einer der Grundpfeiler der modernen Analysis.
Gleichzeitig entdeckten Naturforscher überall Gesetze mit negativen Exponenten. Johannes Kepler fand 1619 heraus: Die Anziehungskraft zwischen Himmelskörpern nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab. Newton goss diese Idee 1687 in die Formel
Hier steckt ein im Kern der Physik. Auch Charles Augustin de Coulomb entdeckte 1785 das gleiche Muster für elektrische Ladungen. Wer den Himmel oder den Atomkern verstehen will, braucht Potenzfunktionen mit negativen Exponenten. Ohne diese Funktionen gäbe es weder Astronomie noch moderne Elektrotechnik.
Die Grundlagen
Abschnitt betitelt „Die Grundlagen“Kehren wir zur Autofahrt zurück. Die Formel für die Fahrzeit lautet:
Dabei ist die Zeit, die Strecke und die Geschwindigkeit. Wenn die Strecke feststeht (zum Beispiel ), dann gilt:
Hier taucht er auf: der negative Exponent. Die Variable steht im Nenner, und das drücken wir mathematisch durch aus.
Ein negativer Exponent bedeutet nichts anderes als “eins durch”:
Das gilt für alle natürlichen Zahlen und alle . Hier einige Beispiele:
Merke dir: Jeder Ausdruck mit negativem Exponenten lässt sich als Bruch schreiben und umgekehrt. Das ist der Schlüssel zum Verstehen dieser Funktionen.
Die Kernmethode
Abschnitt betitelt „Die Kernmethode“Lass uns die wichtigsten Vertreter dieser Funktionsfamilie systematisch kennenlernen. Der entscheidende Trick beim Zeichnen: Wir unterscheiden zwischen ungeraden und geraden negativen Exponenten, denn sie verhalten sich grundlegend verschieden.
Ungerade negative Exponenten:
Setzt du eine negative Zahl ein, bleibt das Ergebnis negativ. Beispiel: . Der Graph liegt im 1. und 3. Quadranten. Er ist punktsymmetrisch zum Ursprung.
Gerade negative Exponenten:
Setzt du eine negative Zahl ein, wird das Ergebnis positiv. Beispiel: . Der Graph liegt komplett oberhalb der -Achse. Er ist achsensymmetrisch zur -Achse.
Die Kernmethode zum Zeichnen: Wertetabelle mit positiven -Werten erstellen, dann über die Symmetrie den zweiten Ast ergänzen. Das spart Arbeit und schützt vor Vorzeichenfehlern.
Beispiel 1: Wertetabelle und Graph von
Abschnitt betitelt „Beispiel 1: Wertetabelle und Graph von f(x)=x−1f(x) = x^{-1}f(x)=x−1“Aufgabe: Erstelle eine Wertetabelle für und skizziere den Graphen.
Lösung:
Schritt 1: Wähle sinnvolle -Werte. Nimm sowohl Werte nahe bei null (zum Beispiel ) als auch weit entfernte (zum Beispiel ).
Schritt 2: Berechne die Funktionswerte über die Beziehung .
Für : .
Für : .
Für : .
Schritt 3: Trage die Werte in die Tabelle ein.
Schritt 4: Zeichne die Punkte ein und verbinde sie. Du erhältst eine Hyperbel mit zwei Ästen im 1. und 3. Quadranten.
Beispiel 2: Funktionswerte bei geradem negativem Exponenten
Abschnitt betitelt „Beispiel 2: Funktionswerte bei geradem negativem Exponenten“Aufgabe: Berechne und für und erkläre dein Ergebnis. Bestimme zusätzlich .
Lösung:
Schritt 1: Wandle den negativen Exponenten in einen Bruch um.
Schritt 2: Setze die Werte ein.
Für :
Für :
Für :
Schritt 3: Interpretiere.
Beide Werte und sind identisch. Das liegt daran, dass . Bei geraden Exponenten verschwindet das Minuszeichen. Deshalb ist achsensymmetrisch zur -Achse.
Beachte auch: Je näher bei null liegt, desto grösser wird . Bei erreicht die Funktion bereits den Wert 16.
Die häufigsten Stolpersteine
Abschnitt betitelt „Die häufigsten Stolpersteine“Auf dem Weg zu sicheren Lösungen lauern einige Fallstricke. Wenn du sie kennst, sparst du dir viele Punkte in der Prüfung.
Beispiel 3: Symmetrie rechnerisch nachweisen
Abschnitt betitelt „Beispiel 3: Symmetrie rechnerisch nachweisen“Aufgabe: Weise rechnerisch nach, dass punktsymmetrisch zum Ursprung ist. Zeige dann, dass achsensymmetrisch zur -Achse ist.
Lösung für :
Eine Funktion ist punktsymmetrisch zum Ursprung, wenn gilt.
Schritt 1: Berechne .
Schritt 2: Berechne .
Schritt 3: Vergleiche beide Ausdrücke.
Die Bedingung ist erfüllt. Also ist punktsymmetrisch zum Ursprung.
Lösung für :
Also ist achsensymmetrisch zur -Achse.
Beispiel 4: Anwendung – Beleuchtungsstärke
Abschnitt betitelt „Beispiel 4: Anwendung – Beleuchtungsstärke“Aufgabe: Die Beleuchtungsstärke einer Punktlichtquelle nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab. Es gilt mit einer Konstante . In 2 Metern Entfernung beträgt die Beleuchtungsstärke 100 Lux. Wie gross ist sie in 4 Metern Entfernung? Wann wird sie nur noch 1 Lux betragen?
Lösung:
Schritt 1: Bestimme die Konstante aus dem Anfangswert.
Gegeben: , also:
Daraus folgt: .
Schritt 2: Die vollständige Funktion lautet .
Schritt 3: Berechne .
Schritt 4: Finde , sodass .
Antwort: In 4 Metern Entfernung beträgt die Beleuchtungsstärke 25 Lux. Sie hat sich also auf ein Viertel reduziert, obwohl sich die Entfernung nur verdoppelt hat. Erst in 20 Metern Entfernung sinkt sie auf 1 Lux.
Vertiefung: Verschiebungen und Streckungen
Abschnitt betitelt „Vertiefung: Verschiebungen und Streckungen“Bisher hast du die Grundform kennengelernt. In der Praxis – besonders in der Physik – treten Potenzfunktionen aber oft in einer allgemeineren Form auf. Sie sind gestreckt, gestaucht oder verschoben.
Ein Beispiel: Die Funktion lässt sich als schreiben. Ihre Asymptoten sind (senkrecht) und (waagerecht).
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Grenzverhalten. Für sehr grosse nähert sich dem Wert null. Für -Werte nahe bei null wird beliebig gross. Das schreibt man mit Grenzwerten so:
Dieses Verhalten unterscheidet Potenzfunktionen mit negativen Exponenten grundlegend von Polynomfunktionen. Es macht sie perfekt, um physikalische Abstandsgesetze zu modellieren.
Beispiel 5: Verschobene Hyperbel analysieren
Abschnitt betitelt „Beispiel 5: Verschobene Hyperbel analysieren“Aufgabe: Gegeben ist die Funktion . Bestimme den Definitionsbereich, die Asymptoten und den -Achsenabschnitt. Entscheide, ob der Graph durch den Punkt verläuft.
Lösung:
Schritt 1: Schreibe die Funktion mit negativem Exponenten.
Parameter: , , , .
Schritt 2: Bestimme den Definitionsbereich.
Der Nenner darf nicht null werden: . Also .
Schritt 3: Bestimme die Asymptoten.
- Senkrechte Asymptote: .
- Waagerechte Asymptote: .
Schritt 4: Berechne den -Achsenabschnitt mit .
Der Graph schneidet die -Achse bei .
Schritt 5: Prüfe Punkt .
liegt auf dem Graphen. Gleichzeitig ist eine Nullstelle von .
Übungen
Abschnitt betitelt „Übungen“Bearbeite die Aufgaben in der angegebenen Reihenfolge. Die Schwierigkeit steigt von Aufgabe 1 bis Aufgabe 10. Die ausführlichen Lösungen findest du am Ende des Artikels.
Aufgabe 1: Schreibe die folgenden Ausdrücke als Bruch ohne negativen Exponenten.
a) b) c) d)
Aufgabe 2: Berechne , und für .
Aufgabe 3: Gib den Definitionsbereich der folgenden Funktionen an.
a) b) c)
Aufgabe 4: Erstelle eine Wertetabelle für mit den -Werten . Welche Symmetrie erkennst du?
Aufgabe 5: Weise rechnerisch nach, dass punktsymmetrisch zum Ursprung ist.
Aufgabe 6: Eine Funktion hat die Form . Der Graph geht durch den Punkt . Bestimme und berechne .
Aufgabe 7: Die Lautstärke einer Schallquelle nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab. In 1 Meter Entfernung beträgt sie 80 Dezibel (wobei die physikalische Intensität sich wie verhält, hier vereinfacht gerechnet). In welcher Entfernung hat sich die Intensität auf ein Neuntel verringert?
Aufgabe 8: Bestimme die Asymptoten und den -Achsenabschnitt von .
Aufgabe 9: Für welche -Werte gilt ? Gib die Lösungsmenge in Intervallschreibweise an.
Aufgabe 10: Ein Planet bewegt sich nach Newtons Gravitationsgesetz in einem Kraftfeld . Erdmasse: . Gravitationskonstante: . Satellitenmasse: . Berechne die Gravitationskraft auf den Satelliten in einer Höhe von 400 km über der Erdoberfläche. Der Erdradius beträgt 6370 km.
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“- Potenzfunktionen mit negativen Exponenten haben die Form und sind für nicht definiert.
- Ungerade negative Exponenten () erzeugen punktsymmetrische Graphen (Hyperbeln im 1. und 3. Quadranten).
- Gerade negative Exponenten () erzeugen achsensymmetrische Graphen (Hyperbeln komplett oberhalb der -Achse).
- Beide Koordinatenachsen sind Asymptoten: Der Graph nähert sich ihnen beliebig an, berührt sie aber nie.
- Die allgemeine Form erlaubt Verschiebungen und Streckungen.
- Typische Anwendungen: Zeit bei fester Strecke, Beleuchtungsstärke, Gravitation und elektrische Felder.
Dein Wissen im Test
Abschnitt betitelt „Dein Wissen im Test“Lösung anzeigen
Der Definitionsbereich ist , also alle reellen Zahlen ausser Null. Für wäre der Nenner in null, was nicht erlaubt ist.
Lösung anzeigen
Die Funktion ist achsensymmetrisch zur -Achse. Der Exponent ist gerade, also gilt , somit für alle im Definitionsbereich.
Lösung anzeigen
Lösung anzeigen
Die senkrechte Asymptote liegt bei (dort wird der Nenner null). Die waagerechte Asymptote liegt bei (denn für sehr grosse nähert sich an null an und an ).
Lösung anzeigen
Verdreifachst du die Entfernung, steht im Nenner . Die Beleuchtungsstärke sinkt also auf ein Neuntel. Faktor: .
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Abschnitt betitelt „Ausblick: Was kommt als Nächstes?“Du hast jetzt Potenzfunktionen mit ganzzahligen negativen Exponenten sicher im Griff. Der nächste logische Schritt führt zu rationalen Exponenten – also Brüchen wie oder als Exponenten. Damit kannst du Funktionen wie beschreiben. Später fasst du alle diese Typen zu einer grossen Familie zusammen: den Potenz- und Wurzelfunktionen. Sie sind das Fundament für Exponential-, Logarithmus- und später sogar Differentialgleichungen in Physik und Wirtschaft.
Lösungen
Abschnitt betitelt „Lösungen“Aufgabe 1: Wandle die negativen Exponenten in Brüche.
a) .
b) .
c) .
d) . Merke: Ein negativer Exponent dreht den Bruch um.
Aufgabe 2: Für gilt .
.
.
.
Aufgabe 3:
a) , denn ist nicht definiert.
b) , denn der Nenner darf nicht null sein.
c) , denn für wird der Nenner null.
Aufgabe 4: Wertetabelle für .
Alle Werte sind positiv. Die Spiegelpaare , usw. zeigen: Der Graph ist achsensymmetrisch zur -Achse.
Aufgabe 5: Punktsymmetrie-Nachweis für .
Die Bedingung ist erfüllt. Also ist punktsymmetrisch zum Ursprung.
Aufgabe 6: Setze den Punkt in ein.
Die Funktion lautet . Für folgt:
Aufgabe 7: Ansatz: . Gesucht ist , sodass .
In 3 Metern Entfernung hat sich die Schallintensität auf ein Neuntel reduziert.
Aufgabe 8: Die Funktion hat die allgemeine Form mit , , .
Senkrechte Asymptote: .
Waagerechte Asymptote: .
-Achsenabschnitt (): . Schnittpunkt: .
Aufgabe 9: Löse , also .
Da immer gilt, darfst du beide Seiten mit multiplizieren, ohne das Ungleichheitszeichen zu drehen:
Vergiss nicht: ist nicht im Definitionsbereich.
Lösungsmenge: .
Aufgabe 10: Gesamtabstand vom Erdmittelpunkt: .
Zähler berechnen: , also . Mit den Zehnerpotenzen: .
Nenner: , also .
Auf den Satelliten wirkt eine Gravitationskraft von etwa 4366 Newton. Das entspricht dem Gewicht von rund 445 Kilogramm auf der Erdoberfläche. Der Satellit spürt also noch fast die volle Erdanziehung – er “fällt” permanent auf die Erde zu und verfehlt sie nur, weil er seitlich schnell genug fliegt.
Quellen
- Lehrplan 21 — Mathematik — Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK)
- Lehrplan Volksschule Aargau — Mathematik — Kanton Aargau, Departement Bildung, Kultur und Sport