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Erwartungswert der Binomialverteilung: So berechnest du den Durchschnitt bei Zufallsexperimenten

Weiterführend:

Lehrplan 21Zyklus 3 (7.–9. Klasse) · 6Kompetenzen
  • MA.3.A.1.kGrundanspruchBegriffe absolute und relative Häufigkeit, x-Koordinate, y-Koordinate, x-Achse, y-Achse, Einheitsstrecke, Wahrscheinlichkeit; Masseinheiten Geschwindigkeit (km/h, m/s, kB/s, dpi)
  • MA.3.B.2.eGrundanspruchHäufigkeiten experimentell bestimmen und Vermutungen zu Wahrscheinlichkeiten formulieren; unbekannte Fragestellungen zu Kombinatorik/Wahrscheinlichkeit bearbeiten
  • MA.3.A.1.mBegriffe (lineare) Funktion, sichere/mögliche/unmögliche Ereignisse, Flussdiagramm, Bit, Byte; Vorsätze Mikro, Nano; Masseinheiten Dichte (kg/dm³, g/cm³)
  • MA.3.B.2.fWahrscheinlichkeiten und statistische Angaben überprüfen und begründen
  • MA.3.C.1.hMehrstufige Zufallsexperimente mit Würfeln, Münzen oder Karten durchführen und Baumdiagramm zeichnen
  • MA.3.C.1.iErweiterungErw: Zufallsexperimente durchführen und Wahrscheinlichkeiten ermitteln; Wahrscheinlichkeit aus relativer Häufigkeit ableiten

Quelle: Aargauer Lehrplan Volksschule, Fachbereich Mathematik (August 2022)

Die Idee des Erwartungswerts ist älter, als du vielleicht denkst. Sie entstand im 17. Jahrhundert aus einem sehr weltlichen Anlass: dem Glücksspiel. Zwei französische Adlige, der Chevalier de Méré und sein Freund, stritten darüber, wie ein unterbrochenes Würfelspiel fair aufgeteilt werden sollte. Sie wandten sich an den Mathematiker Blaise Pascal. Dieser tauschte sich brieflich mit Pierre de Fermat aus. Aus diesem Briefwechsel im Jahr 1654 entstanden die Grundlagen der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Pascal und Fermat entdeckten, dass man erwartete Gewinne mathematisch vorhersagen kann. Sie formulierten die Idee, dass jeder mögliche Ausgang eines Spiels mit seiner Wahrscheinlichkeit gewichtet werden muss. Die Summe dieser gewichteten Werte ergibt den Erwartungswert. Diese Überlegung war revolutionär. Zum ersten Mal liess sich der Zufall mit festen Regeln beschreiben.

Wenige Jahre später griff der niederländische Mathematiker Christiaan Huygens diese Ideen auf. Er veröffentlichte 1657 das Werk “De Ratiociniis in Ludo Aleae” (Über die Berechnungen im Glücksspiel). Huygens prägte den Begriff “expectatio”, aus dem unser heutiger Erwartungswert wurde. Sein Buch wurde zum Standardwerk der jungen Wahrscheinlichkeitstheorie.

Den entscheidenden Schritt für die Binomialverteilung machte Jakob Bernoulli. In seinem posthum erschienenen Werk “Ars Conjectandi” (1713) untersuchte er Zufallsexperimente mit genau zwei Ausgängen. Er erkannte, dass sich bei nn Wiederholungen die durchschnittliche Anzahl von Erfolgen als npn \cdot p berechnen lässt.

Später erweiterten Mathematiker wie Abraham de Moivre und Pierre-Simon Laplace die Theorie. De Moivre zeigte 1733, wie sich die Binomialverteilung bei grossen nn durch die heute bekannte Glockenkurve annähern lässt. Laplace verallgemeinerte den Erwartungswert auf viele weitere Situationen. Was mit einem Streit über ein unterbrochenes Spiel begann, wurde zum Fundament der modernen Statistik, Versicherungsmathematik und Ökonomie.

Bevor du den Erwartungswert berechnest, musst du wissen, in welchem Kontext er auftritt. Der Erwartungswert der Binomialverteilung gehört zu einer ganz bestimmten Art von Zufallsexperiment: dem Bernoulli-Experiment mit Wiederholung.

Ein Bernoulli-Experiment hat genau zwei mögliche Ausgänge. Diese nennst du Erfolg und Misserfolg. Ob es um einen Münzwurf, einen Torschuss oder eine Qualitätsprüfung geht: Immer gilt entweder das eine oder das andere. Die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg wird mit pp bezeichnet, die für einen Misserfolg mit q=1pq = 1 - p.

Wiederholst du ein solches Experiment unter gleichen Bedingungen mehrfach, erhältst du eine Bernoulli-Kette. Die Zufallsvariable XX zählt dann die Anzahl der Erfolge in dieser Kette. Ihre Verteilung nennt man Binomialverteilung.

Damit du die Binomialverteilung anwenden darfst, müssen drei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Zwei Ausgänge: Jeder Versuch kennt nur Erfolg oder Misserfolg.
  2. Feste Wahrscheinlichkeit: pp bleibt bei jedem Versuch gleich.
  3. Unabhängigkeit: Der Ausgang eines Versuchs beeinflusst die anderen nicht.

Denkst du an unser Elfmeterbeispiel, passt alles: Du hältst oder hältst nicht. Deine Quote ändert sich über die Saison nicht wesentlich. Und ob du den ersten Elfmeter hältst, hat keinen Einfluss auf den zweiten. Diese sauberen Annahmen machen die Binomialverteilung zum mächtigsten Werkzeug für Serien von Zufallsexperimenten.

Die gute Nachricht zuerst: Die Formel für den Erwartungswert der Binomialverteilung ist verblüffend einfach. Du brauchst keine komplizierten Summen zu berechnen. Du multiplizierst einfach die Anzahl der Versuche mit der Erfolgswahrscheinlichkeit.

Warum funktioniert diese einfache Formel?

Stell dir jeden einzelnen Versuch als eigenen Zähler vor. Bei jedem Versuch “gewinnst” du mit Wahrscheinlichkeit pp genau einen Erfolg. Im Durchschnitt trägt dieser eine Versuch also den Wert pp zum Gesamtergebnis bei. Hast du nn solcher Versuche, summieren sich die Beiträge: p+p+p++p=npp + p + p + \ldots + p = n \cdot p. Diese Überlegung nennt sich Linearität des Erwartungswerts.

Schritt für Schritt zum Erwartungswert:

  1. Prüfen: Handelt es sich wirklich um eine Binomialverteilung? Alle drei Bedingungen erfüllt?
  2. nn bestimmen: Wie oft wird das Experiment durchgeführt?
  3. pp bestimmen: Wie gross ist die Erfolgswahrscheinlichkeit pro Versuch (als Dezimalzahl)?
  4. Rechnen: E(X)=npE(X) = n \cdot p
  5. Interpretieren: Das Ergebnis ist der durchschnittlich erwartete Wert, nicht das exakte Ergebnis eines einzelnen Durchlaufs.

Zurück zum Elfmeterschiessen: Mit n=100n = 100 und p=0,25p = 0{,}25 ergibt sich

E(X)=1000,25=25.E(X) = 100 \cdot 0{,}25 = 25\,.

Du erwartest also durchschnittlich 25 gehaltene Elfmeter. Das deckt sich mit deiner Intuition. Diese Formel ist so einfach, weil sie genau das wiedergibt, was wir unter “durchschnittlich” verstehen: den über alle Versuche gemittelten Erfolgsanteil.

Beispiel:

Du wirfst eine faire Münze n=50n = 50 Mal. Wie viele Male erwartest du im Durchschnitt “Kopf”?

Lösung:

Eine faire Münze hat für “Kopf” die Wahrscheinlichkeit p=0,5p = 0{,}5.

Die Anzahl der Versuche ist n=50n = 50.

Der Erwartungswert berechnet sich zu:

E(X)=np=500,5=25E(X) = n \cdot p = 50 \cdot 0{,}5 = 25

Interpretation: Bei 50 Münzwürfen erwartest du im Durchschnitt 25-mal “Kopf”.

Das bedeutet nicht, dass du exakt 25-mal “Kopf” werfen wirst. Du könntest 22, 27 oder auch 31 Treffer haben. Wenn du aber den Versuch sehr oft wiederholen würdest, läge der Mittelwert aller Durchläufe nahe bei 25. Je mehr Durchläufe du machst, desto näher kommst du diesem Wert.

Beispiel:

Eine Maschine produziert Schrauben. Erfahrungsgemäss sind 2%2\% der Schrauben fehlerhaft. Ein Prüfer untersucht eine Stichprobe von n=500n = 500 Schrauben. Wie viele fehlerhafte Schrauben erwartet er im Durchschnitt? Ab welcher Anzahl sollte er die Maschine prüfen lassen?

Lösung:

Die Wahrscheinlichkeit für eine fehlerhafte Schraube beträgt p=0,02p = 0{,}02 (nicht 2!).

Die Stichprobengrösse ist n=500n = 500.

Der Erwartungswert berechnet sich zu:

E(X)=np=5000,02=10E(X) = n \cdot p = 500 \cdot 0{,}02 = 10

Interpretation: Der Prüfer erwartet im Durchschnitt 10 fehlerhafte Schrauben in seiner Stichprobe.

Findet er deutlich mehr, etwa 20 oder 30, liegt vermutlich ein Problem vor. Die Maschine sollte dann gewartet werden. Findet er nur 4 oder 5 fehlerhafte Schrauben, ist das ebenfalls kein Grund zur Sorge. Der Erwartungswert ist eine Orientierung, keine starre Grenze. In der Praxis legt man Toleranzbereiche fest, die auch die Streuung berücksichtigen.

Beim Erwartungswert passieren immer wieder dieselben Fehler. Wenn du diese kennst, umgehst du sie mühelos.

Beispiel:

Ein Multiple-Choice-Test besteht aus n=40n = 40 Fragen. Jede Frage hat 4 Antwortmöglichkeiten, von denen genau eine richtig ist. Ein Schüler rät bei jeder Frage zufällig.

a) Wie viele richtige Antworten erwartet er im Durchschnitt? b) Zum Bestehen braucht er mindestens 16 richtige Antworten. Ist Raten eine gute Strategie? c) Was wäre, wenn er bei der Hälfte der Fragen zwei Antworten ausschliessen könnte?

Lösung:

a) Bei zufälligem Raten beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine richtige Antwort p=14=0,25p = \dfrac{1}{4} = 0{,}25.

Die Anzahl der Fragen ist n=40n = 40.

E(X)=np=400,25=10E(X) = n \cdot p = 40 \cdot 0{,}25 = 10

Der Schüler erwartet im Durchschnitt 10 richtige Antworten durch reines Raten.

b) Der Erwartungswert von 10 liegt deutlich unter der Bestehensgrenze von 16. Raten ist also keine gute Strategie. Selbst wenn er manchmal mehr als 10 richtige Antworten erzielt, wird er im Durchschnitt durchfallen.

c) Bei 20 Fragen bleibt p1=0,25p_1 = 0{,}25, bei den anderen 20 Fragen steigt p2=0,5p_2 = 0{,}5. Die beiden Erwartungswerte lassen sich addieren: E(X)=200,25+200,5=5+10=15E(X) = 20 \cdot 0{,}25 + 20 \cdot 0{,}5 = 5 + 10 = 15. Immer noch zu wenig.

Beispiel:

Laut Statistik regnet es an der Mittelmeerküste im Juli an 15%15\% der Tage. Eine Familie plant einen 14-tägigen Urlaub. An wie vielen Tagen müssen sie im Durchschnitt mit Regen rechnen? Wie verändert sich das Bild bei einer dreiwöchigen Reise?

Lösung:

Die Regenwahrscheinlichkeit pro Tag beträgt p=0,15p = 0{,}15.

Die Urlaubsdauer ist n=14n = 14 Tage.

E(X)=np=140,15=2,1E(X) = n \cdot p = 14 \cdot 0{,}15 = 2{,}1

Interpretation: Die Familie erwartet im Durchschnitt etwa 2 Regentage während ihres Urlaubs. Der Wert 2,1 zeigt: Es werden wahrscheinlich 2 oder 3 Tage sein. Der Erwartungswert muss nicht ganzzahlig sein. Das ist völlig normal und mathematisch korrekt.

Bei einer dreiwöchigen Reise mit n=21n = 21 Tagen ergibt sich:

E(X)=210,15=3,15E(X) = 21 \cdot 0{,}15 = 3{,}15

Mit etwa 3 Regentagen. Der Erwartungswert wächst linear mit der Reisedauer. Das ist eine wichtige Einsicht: Doppelt so lange verreisen bedeutet doppelt so viele erwartete Regentage. Dabei solltest du kritisch prüfen, ob die Tage wirklich unabhängig voneinander sind, denn Regentage treten in der Realität oft in Serien auf.

Der Erwartungswert ist nur einer von mehreren Kennwerten, mit denen du eine Binomialverteilung beschreiben kannst. Er sagt dir, wo das Zentrum der Verteilung liegt. Er verrät dir aber nicht, wie stark die einzelnen Ergebnisse um diesen Mittelwert streuen. Diese Lücke füllt die Varianz und die daraus abgeleitete Standardabweichung.

Der Zusammenhang zum Erwartungswert:

Während der Erwartungswert μ=np\mu = n \cdot p die Lage der Verteilung beschreibt, beschreibt die Standardabweichung σ\sigma ihre Breite. Beide zusammen geben dir ein fast vollständiges Bild der Binomialverteilung.

Besonders nützlich ist die sogenannte Sigma-Regel. Sie besagt: Etwa 68%68\% aller Ergebnisse liegen im Intervall [μσ;μ+σ][\mu - \sigma; \mu + \sigma]. Rund 95%95\% liegen im Intervall [μ2σ;μ+2σ][\mu - 2\sigma; \mu + 2\sigma]. Und fast alle, etwa 99,7%99{,}7\%, liegen in [μ3σ;μ+3σ][\mu - 3\sigma; \mu + 3\sigma]. Diese Regel gilt exakt nur für die Normalverteilung, ist aber für hinreichend grosse nn auch eine sehr gute Näherung für die Binomialverteilung.

Ein anschauliches Beispiel:

Beim Münzwurf mit n=100n = 100 und p=0,5p = 0{,}5 ergibt sich:

  • Erwartungswert: μ=1000,5=50\mu = 100 \cdot 0{,}5 = 50
  • Standardabweichung: σ=1000,50,5=25=5\sigma = \sqrt{100 \cdot 0{,}5 \cdot 0{,}5} = \sqrt{25} = 5

Nach der Sigma-Regel liegen etwa 68%68\% aller Ergebnisse zwischen 45 und 55. Rund 95%95\% liegen zwischen 40 und 60. Ein Ergebnis von weniger als 40 oder mehr als 60 “Kopf”-Würfen wäre auffällig selten, obwohl es nicht unmöglich ist. So wird aus dem Erwartungswert eine praktische Orientierungshilfe für den Alltag.

Beispiel:

Beim Lotto 6 aus 49 beträgt die Wahrscheinlichkeit für einen “Sechser” ohne Zusatzzahl etwa p113983816p \approx \dfrac{1}{13\,983\,816}. Jemand spielt jede Woche einen Tipp, 52 Jahre lang. Wie viele Sechser erwartet er im Durchschnitt?

Lösung:

Die Anzahl der Versuche ist n=5252=2704n = 52 \cdot 52 = 2\,704 Tippscheine.

Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt p=113983816p = \dfrac{1}{13\,983\,816}.

E(X)=np=27041139838160,000193E(X) = n \cdot p = 2\,704 \cdot \frac{1}{13\,983\,816} \approx 0{,}000193

Interpretation: Im Durchschnitt erwartet der Spieler weniger als ein Tausendstel eines Sechsers. Anders gesagt: Er müsste etwa 10,0001935180\dfrac{1}{0{,}000193} \approx 5\,180 solcher Spielerleben hintereinander absolvieren, um im Schnitt einmal einen Sechser zu erzielen.

Dieses Beispiel zeigt zwei Dinge. Erstens: Der Erwartungswert muss nicht ganzzahlig sein. Zweitens: Er kann sehr klein werden und dir realistisch aufzeigen, wie unwahrscheinlich seltene Ereignisse wirklich sind. Gleichzeitig bleibt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein einzelner Tippschein gewinnt, genauso klein, egal wie oft schon gezogen wurde. Der Zufall hat kein Gedächtnis.

Arbeite dich durch die folgenden Aufgaben. Sie sind nach Schwierigkeit geordnet. Die Lösungen findest du am Ende des Artikels.

Aufgabe 1: Berechne den Erwartungswert für 20 Würfe mit einem fairen Würfel, wenn du die Augenzahl 6 als Erfolg zählst.

Aufgabe 2: Eine Münze wird 80 Mal geworfen. Wie viele Male erwartest du im Durchschnitt “Zahl”?

Aufgabe 3: Eine Basketballspielerin trifft einen Freiwurf mit Wahrscheinlichkeit 0,750{,}75. In einem Spiel hat sie 12 Freiwürfe. Wie viele Treffer erwartet sie?

Aufgabe 4: In einem Glas sind 30 rote und 70 blaue Kugeln. Du ziehst mit Zurücklegen 40 Kugeln. Wie viele rote Kugeln erwartest du?

Aufgabe 5: Eine Fabrik produziert Glühbirnen. Die Ausschussquote beträgt 3%3\%. Bei einer Kontrollcharge von 1’000 Stück, wie viele fehlerhafte Glühbirnen erwartest du?

Aufgabe 6: Ein Test besteht aus 25 Fragen. Jede Frage hat 5 Antwortmöglichkeiten, davon genau eine richtig. Ein Schüler rät. a) Erwartungswert bestimmen. b) Wie viele Fragen müsste er selbst beantworten können, um im Erwartungswert mindestens 15 richtige Antworten zu erreichen?

Aufgabe 7: In einer Stichprobe werden 200 Personen nach ihrem Lieblingssport gefragt. 12%12\% der Bevölkerung geben “Tennis” an. Bestimme den Erwartungswert für Tennis-Fans in der Stichprobe und die Standardabweichung.

Aufgabe 8: Eine Zufallsvariable XX ist binomialverteilt mit E(X)=18E(X) = 18 und n=60n = 60. Bestimme die Erfolgswahrscheinlichkeit pp.

Aufgabe 9: Bei einem Glücksspiel gewinnst du pro Runde mit Wahrscheinlichkeit 0,40{,}4 genau 5 CHF und verlierst sonst 3 CHF. Du spielst 50 Runden. a) Wie viele Runden gewinnst du im Durchschnitt? b) Wie hoch ist dein erwarteter Gesamtgewinn?

Aufgabe 10: Ein Virus wird in einer Bevölkerung von 10’000 Personen untersucht. Die Infektionsquote beträgt 0,5%0{,}5\%. a) Berechne den Erwartungswert für infizierte Personen. b) Bestimme die Standardabweichung. c) In welchem Intervall liegen gemäss der 2σ2\sigma-Regel etwa 95%95\% der möglichen Infektionszahlen?

Der Erwartungswert E(X)=npE(X) = n \cdot p gibt die durchschnittlich erwartete Anzahl von Erfolgen bei einer Binomialverteilung an. Er ist ein theoretischer Mittelwert, keine Vorhersage für einen einzelnen Versuch. Die Wahrscheinlichkeit pp muss als Dezimalzahl in die Formel eingesetzt werden. Der Erwartungswert muss keine ganze Zahl sein. Je mehr Versuche du durchführst, desto näher liegt dein tatsächliches Ergebnis im Durchschnitt am Erwartungswert. Zusammen mit der Standardabweichung σ=np(1p)\sigma = \sqrt{n \cdot p \cdot (1-p)} erhältst du ein vollständiges Bild der Binomialverteilung. Die Formel für den Erwartungswert folgt direkt aus der Linearität: Jeder einzelne Versuch trägt im Mittel pp zum Gesamtergebnis bei.

❓ Frage:
Eine Würfelfabrik prüft 200 Würfel auf Fehler. Erfahrungsgemäss sind 5% der Würfel fehlerhaft. Berechne den Erwartungswert für die Anzahl fehlerhafter Würfel.
Lösung anzeigen

Gegeben: n=200n = 200 und p=0,05p = 0{,}05.

E(X)=np=2000,05=10E(X) = n \cdot p = 200 \cdot 0{,}05 = 10

Die Fabrik erwartet im Durchschnitt 10 fehlerhafte Würfel.

❓ Frage:
Bei einem Glücksrad ist ein Viertel des Rades rot gefärbt. Das Rad wird 60-mal gedreht. Der Erwartungswert für “rot” beträgt E(X)=20E(X) = 20. Ist diese Aussage richtig? Begründe.
Lösung anzeigen

Überprüfung: n=60n = 60, p=14=0,25p = \dfrac{1}{4} = 0{,}25.

E(X)=np=600,25=15E(X) = n \cdot p = 60 \cdot 0{,}25 = 15

Die Aussage ist falsch. Der korrekte Erwartungswert beträgt 15, nicht 20.

❓ Frage:
Ein Basketballspieler hat eine Freiwurfquote von 80%. In einem Spiel wirft er 15 Freiwürfe. a) Wie lautet der Erwartungswert für Treffer? b) Warum wird er wahrscheinlich nicht genau so viele Treffer erzielen?
Lösung anzeigen

a) Gegeben: n=15n = 15, p=0,80p = 0{,}80.

E(X)=np=150,80=12E(X) = n \cdot p = 15 \cdot 0{,}80 = 12

Der Erwartungswert beträgt 12 Treffer. b) Der Erwartungswert ist ein Durchschnittswert über viele Spiele hinweg. In einem einzelnen Spiel unterliegt das Ergebnis dem Zufall. Der Spieler könnte 10, 12, 14 oder eine andere Anzahl Treffer erzielen. Erst über viele Spiele hinweg würde sich der Durchschnitt dem Wert 12 annähern.

❓ Frage:
Für eine binomialverteilte Zufallsvariable gilt n=80n = 80 und E(X)=24E(X) = 24. Bestimme die Erfolgswahrscheinlichkeit pp und anschliessend die Standardabweichung.
Lösung anzeigen

Aus E(X)=npE(X) = n \cdot p folgt:

p=E(X)n=2480=0,3p = \frac{E(X)}{n} = \frac{24}{80} = 0{,}3

Damit ergibt sich die Standardabweichung zu:

σ=np(1p)=800,30,7=16,84,10\sigma = \sqrt{n \cdot p \cdot (1-p)} = \sqrt{80 \cdot 0{,}3 \cdot 0{,}7} = \sqrt{16{,}8} \approx 4{,}10

Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt p=0,3p = 0{,}3, die Standardabweichung rund 4,10.

❓ Frage:
Eine Umfrage unter 500 Personen soll den Anteil der Velofahrer schätzen. Die bisherige Studienlage geht von p=0,24p = 0{,}24 aus. a) Wie viele Velofahrer erwartest du in der Stichprobe? b) In welchem Bereich liegen nach der Sigma-Regel etwa 68% der Umfrageergebnisse?
Lösung anzeigen

a) E(X)=np=5000,24=120E(X) = n \cdot p = 500 \cdot 0{,}24 = 120. Du erwartest 120 Velofahrer. b) Standardabweichung:

σ=5000,240,76=91,29,55\sigma = \sqrt{500 \cdot 0{,}24 \cdot 0{,}76} = \sqrt{91{,}2} \approx 9{,}55

Das Intervall [μσ;μ+σ]=[110,45;129,55][\mu - \sigma; \mu + \sigma] = [110{,}45; 129{,}55] enthält nach der Sigma-Regel etwa 68% der möglichen Ergebnisse. Gerundet liegen die meisten Umfrageergebnisse zwischen 110 und 130 Velofahrern.

Du kennst jetzt den Erwartungswert. Er zeigt dir, wo das Zentrum der Binomialverteilung liegt. Aber wie weit streuen die einzelnen Ergebnisse um diesen Mittelwert? Diese Frage beantwortet die Varianz und die daraus abgeleitete Standardabweichung. Mit ihr kannst du einschätzen, in welchem Bereich die meisten Ergebnisse liegen werden. Ausserdem wirst du lernen, wie du mit der Sigma-Regel Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Ergebnisbereiche schnell abschätzen kannst. Als Nächstes geht es um kumulierte Wahrscheinlichkeiten der Binomialverteilung. Damit kannst du dann Fragen der Form “Wie wahrscheinlich sind höchstens 10 Erfolge?” beantworten.

Lösung zu Aufgabe 1: Bei einem fairen Würfel ist die Wahrscheinlichkeit für eine 6 gleich p=16p = \dfrac{1}{6}. Mit n=20n = 20 ergibt sich:

E(X)=2016=2063,33E(X) = 20 \cdot \frac{1}{6} = \frac{20}{6} \approx 3{,}33

Du erwartest also im Durchschnitt etwa 3 bis 4 Sechser bei 20 Würfen.

Lösung zu Aufgabe 2: Die Wahrscheinlichkeit für “Zahl” beträgt p=0,5p = 0{,}5 bei einer fairen Münze.

E(X)=800,5=40E(X) = 80 \cdot 0{,}5 = 40

Im Durchschnitt erwartest du 40 Mal “Zahl”. Das passt zur Intuition: Bei einer fairen Münze fällt im Mittel die Hälfte der Würfe auf jede Seite.

Lösung zu Aufgabe 3: Mit n=12n = 12 und p=0,75p = 0{,}75:

E(X)=120,75=9E(X) = 12 \cdot 0{,}75 = 9

Die Basketballspielerin erwartet 9 Treffer bei 12 Freiwürfen. In einem einzelnen Spiel kann das Ergebnis aber auch bei 7, 10 oder 11 Treffern liegen. Der Erwartungswert ist der langfristige Mittelwert.

Lösung zu Aufgabe 4: Die Wahrscheinlichkeit für eine rote Kugel beträgt p=30100=0,3p = \dfrac{30}{100} = 0{,}3. Mit Zurücklegen bleibt diese Wahrscheinlichkeit konstant. Die Binomialverteilung ist also anwendbar.

E(X)=400,3=12E(X) = 40 \cdot 0{,}3 = 12

Du erwartest 12 rote Kugeln. Achtung: Ohne Zurücklegen läge keine Binomialverteilung mehr vor.

Lösung zu Aufgabe 5: Die Ausschussquote 3%3\% entspricht p=0,03p = 0{,}03.

E(X)=10000,03=30E(X) = 1\,000 \cdot 0{,}03 = 30

In der Kontrollcharge erwartest du durchschnittlich 30 fehlerhafte Glühbirnen. Sollte die tatsächliche Anzahl deutlich abweichen, wäre das ein Hinweis auf Qualitätsprobleme.

Lösung zu Aufgabe 6: a) Bei zufälligem Raten gilt p=15=0,2p = \dfrac{1}{5} = 0{,}2.

E(X)=250,2=5E(X) = 25 \cdot 0{,}2 = 5

Der Erwartungswert beim Raten liegt bei 5 richtigen Antworten.

b) Sei kk die Anzahl der Fragen, die er selbst richtig beantwortet. Für die restlichen 25k25 - k Fragen rät er mit p=0,2p = 0{,}2. Der Erwartungswert beträgt dann E(X)=k+(25k)0,2E(X) = k + (25 - k) \cdot 0{,}2. Für E(X)15E(X) \geq 15 folgt:

k+50,2k150,8k10k12,5k + 5 - 0{,}2k \geq 15 \quad\Leftrightarrow\quad 0{,}8k \geq 10 \quad\Leftrightarrow\quad k \geq 12{,}5

Er muss also mindestens 13 Fragen sicher beherrschen.

Lösung zu Aufgabe 7: Mit n=200n = 200 und p=0,12p = 0{,}12:

E(X)=2000,12=24E(X) = 200 \cdot 0{,}12 = 24

Die Standardabweichung beträgt:

σ=2000,120,88=21,124,60\sigma = \sqrt{200 \cdot 0{,}12 \cdot 0{,}88} = \sqrt{21{,}12} \approx 4{,}60

Du erwartest 24 Tennis-Fans mit einer Streuung von rund 4,6 Personen.

Lösung zu Aufgabe 8: Aus E(X)=npE(X) = n \cdot p folgt direkt:

p=E(X)n=1860=0,3p = \frac{E(X)}{n} = \frac{18}{60} = 0{,}3

Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt p=0,3p = 0{,}3.

Lösung zu Aufgabe 9: a) Du gewinnst mit Wahrscheinlichkeit p=0,4p = 0{,}4. Bei n=50n = 50 Runden:

E(X)=500,4=20E(X) = 50 \cdot 0{,}4 = 20

Du gewinnst im Durchschnitt 20 Runden.

b) Bei 20 gewonnenen Runden erhältst du 205=10020 \cdot 5 = 100 CHF. In den 30 verlorenen Runden verlierst du 303=9030 \cdot 3 = 90 CHF. Dein erwarteter Gesamtgewinn beträgt 10090=10100 - 90 = 10 CHF. Das Spiel ist also für dich leicht vorteilhaft, aber nicht sehr stark.

Lösung zu Aufgabe 10: a) Mit n=10000n = 10\,000 und p=0,005p = 0{,}005:

E(X)=100000,005=50E(X) = 10\,000 \cdot 0{,}005 = 50

Du erwartest 50 infizierte Personen.

b) Die Standardabweichung beträgt:

σ=100000,0050,995=49,757,05\sigma = \sqrt{10\,000 \cdot 0{,}005 \cdot 0{,}995} = \sqrt{49{,}75} \approx 7{,}05

c) Nach der 2σ2\sigma-Regel liegen etwa 95%95\% aller möglichen Infektionszahlen im Intervall

[μ2σ; μ+2σ]=[5014,1; 50+14,1]=[35,9; 64,1].[\mu - 2\sigma;\ \mu + 2\sigma] = [50 - 14{,}1;\ 50 + 14{,}1] = [35{,}9;\ 64{,}1]\,.

Gerundet: Mit grosser Wahrscheinlichkeit liegen die beobachteten Infektionszahlen zwischen 36 und 64 Personen. Werte darüber oder darunter wären statistisch ungewöhnlich und könnten auf Sondereffekte hindeuten, zum Beispiel einen lokalen Ausbruch oder eine Testkampagne.

Quellen