Bevor du mit gebrochenen Exponenten rechnest, musst du die Verbindung zwischen Potenzen und Wurzeln klar verstehen. Der Schlüssel liegt in den Potenzgesetzen.
Starte mit einer einfachen Beobachtung. Du weisst, dass 32=9 gilt. Jetzt suchst du eine Zahl x mit der Eigenschaft:
x⋅x=9
Diese Zahl ist x=3, also 9=3. Soweit klar. Jetzt kommt der clevere Gedanke.
Angenommen, du schreibst x=921. Dann gilt:
921⋅921=921+21=91=9
Das Potenzgesetz für die Multiplikation erzwingt diese Schreibweise. Eine Zahl, die mit sich selbst multipliziert 9 ergibt, ist per Definition 9. Also:
921=9=3
Dasselbe Argument funktioniert für jede Wurzel.
Die folgende Tabelle zeigt, wie vertraut Ausdrücke mit Bruchexponenten zusammenhängen:
Um x zu isolieren, mache den Exponenten 32 rückgängig. Dazu potenziere beide Seiten mit dem Kehrwert 23:
(x32)23=423
Vereinfache die linke Seite mit dem Gesetz “Potenz einer Potenz”:
x32⋅23=x1=x
Berechne die rechte Seite:
423=(4)3=23=8
Ergebnis:x=8
Probe:832=(38)2=22=4 ✓
Die Probe ist unverzichtbar. Beachte auch den Definitionsbereich: x32 ist nur für x≥0 definiert. Die Zahl −8 erfüllt zwar 3(−8)2=364=4, ist aber keine Lösung der Gleichung x32=4.
Bestimme die vierte Wurzel von 81. Da 34=81, gilt 481=3:
(481)3=33=27
Setze ein:
81−43=271
Ergebnis:81−43=271
Merke: Negative Bruchexponenten sind keine Sonderregel. Du wendest einfach die Definition des negativen Exponenten und die Bruchexponenten-Regel nacheinander an.
Dezimale Exponenten sind oft nur versteckte Brüche. Du kannst sie immer umwandeln:
a0,5=a21=aa0,25=a41=4aa1,5=a23=(a)3
Schreibe Dezimalexponenten immer als Brüche um, bevor du rechnest. Das vermeidet Fehler.
Bruchexponenten in Formeln der Naturwissenschaften
Gebrochene Exponenten erscheinen in vielen Formeln ausserhalb der Mathematik. Das Keplersche Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen der Umlaufzeit T eines Planeten und seiner Bahnhalbachse a:
T∝a23
Die Kugelformel für den Radius aus dem Volumen lautet:
r=(4π3V)31
In der Physik und Chemie begegnest du solchen Ausdrücken regelmässig.
Bruchexponenten und Taschenrechner
Auf einem wissenschaftlichen Taschenrechner gibst du anm als a ^ (m/n) ein. Die Klammern um den Bruch sind zwingend notwendig. Ohne sie berechnet der Rechner (a^m)/n, was ein völlig anderes Ergebnis liefert.
Ein Würfel hat das gleiche Volumen wie eine Kugel mit Radius r=3 cm. Berechne die Kantenlänge des Würfels. Nutze die Formel VKugel=34πr3.
Lösung:
Berechne zuerst das Kugelvolumen:
V=34π⋅33=34π⋅27=36π≈113,1cm3
Das Volumen des Würfels ist V=a3. Löse nach a auf:
a3=36π⟹a=(36π)31=336π
Berechne numerisch:
a=336π≈3113,1≈4,84cm
Ergebnis: Die Kantenlänge des Würfels beträgt ungefähr 4,84 cm.
Dieses Beispiel zeigt: Der Bruchexponent 31 erscheint natürlich, wenn du aus einem Volumen eine Länge berechnest.
Irrationale Exponenten: Was bedeutet 22?
Bisher war der Exponent immer ein Bruch. Irrationale Zahlen wie 2≈1,41421… oder π≈3,14159… lassen sich aber nicht als Bruch schreiben: Ihre Dezimaldarstellung ist unendlich lang und nicht periodisch. Wie kannst du trotzdem 22 berechnen?
Die Idee: Du schachtelst 2 zwischen immer genauere Dezimalzahlen ein. Jede dieser Näherungen ist ein Bruch, zum Beispiel 1,41=100141. Für sie ist die Potenz schon definiert: 21,41=1002141. Weil 2q mit wachsendem q grösser wird, liegt 22 immer zwischen den beiden Potenzen einer Zeile:
untere Näherung q
2q
obere Näherung q
2q
1,4
2,6390
1,5
2,8284
1,41
2,6574
1,42
2,6759
1,414
2,6647
1,415
2,6666
1,4142
2,6651
1,4143
2,6653
Die Werte sind auf vier Dezimalstellen gerundet. Die Intervalle werden immer enger und ziehen sich auf eine einzige Zahl zusammen. Diese Zahl ist 22≈2,6651.
In der Praxis: Taschenrechner
Potenzen mit irrationalen Exponenten berechnest du mit dem Taschenrechner, zum Beispiel 2 ^ √(2)≈2,6651. Die Idee mit den Näherungen ist trotzdem wichtig: Sie erklärt, warum das Ergebnis eindeutig ist und warum die Potenzgesetze auch hier gelten.
Anwendung: Wachstum zu jedem Zeitpunkt
Mit reellen Exponenten beschreibst du Wachstum zu jedem beliebigen Zeitpunkt, nicht nur nach ganzen Jahren. Die Zinseszinsformel K=K0⋅(1+100p)t liefert dann auch für t=2,5 Jahre oder t=3≈1,732 Jahre einen Wert. Bei 1000 CHF und 3% Zins sind es nach 3 Jahren 1000⋅1,033≈1052,53 CHF.
Ein Kapital von 1000 CHF wächst mit 3% pro Jahr (Zinseszins). Wir nehmen an, dass es gleichmässig wächst: In gleich langen Zeitabschnitten wird es immer mit demselben Faktor multipliziert. Wie viel ist es nach 2,5 Jahren wert?
Lösung:
Setze K0=1000 CHF, p=3 und t=2,5 in die Formel K=K0⋅(1+100p)t ein:
K=1000⋅1,032,5
Mit dem Taschenrechner:
1,032,5≈1,07670K≈1000⋅1,07670=1076,70 CHF
Ergebnis: Nach 2,5 Jahren beträgt das Kapital etwa 1076,70 CHF.
Vergleich: Nach 2 Jahren sind es 1000⋅1,032=1060,90 CHF, nach 3 Jahren 1000⋅1,033=1092,727≈1092,73 CHF. Genau in der Mitte läge 21060,90+1092,727≈1076,81 CHF. Der Wert nach 2,5 Jahren liegt also rund 12 Rappen darunter.
Der Grund: Wachstum mit festem Faktor ist nicht linear. Wegen 1,032,5=1,032⋅1,030,5 wird das Kapital in jedem halben Jahr mit demselben Faktor 1,03≈1,01489 multipliziert:
1060,90⋅1,01489≈1076,701076,70⋅1,01489≈1092,73
Der Wert nach 2,5 Jahren ist deshalb das geometrische Mittel der beiden Nachbarwerte: 1060,90⋅1092,727≈1076,70 CHF.
Hinweis: Banken rechnen für ein angebrochenes Jahr meist mit einfachem Zins (Marchzins): 1060,90⋅(1+0,03⋅0,5)≈1076,81 CHF. Die Formel mit t=2,5 beschreibt dagegen das Modell mit gleichmässigem Wachstum.
Die folgenden Aufgaben sind nach Schwierigkeit geordnet. Löse die Aufgaben 1 bis 13 ohne Taschenrechner. Für Aufgabe 14 brauchst du ihn.
Stufe 1 – Grundlagen
Schreibe um als Wurzelausdruck: 2521, 6431, 8141
Schreibe um als Potenz mit Bruchexponent: 3125, 532, 4256
Berechne: 423
Berechne: 2732
Stufe 2 – Potenzgesetze
Vereinfache: x31⋅x32
Berechne: 32513254
Berechne: (921)4
Stufe 3 – Anspruchsvoll
Berechne: 125−32
Löse die Gleichung: x23=27
Vereinfache vollständig: a41a43⋅a21
Schreibe als Potenz mit Bruchexponent (für b>0, c>0): a) 4b31 b) 3c
Vereinfache für a>0, b>0: a2⋅b21(a2b)21⋅a23
Beweise, dass für a>0 gilt: 3a=3a. Schreibe dazu beide Seiten als Potenz mit Bruchexponent.
Stufe 4 – Anwendung (mit Taschenrechner)
Ein radioaktiver Stoff hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Nach t Jahren ist noch der Anteil (21)30t der ursprünglichen Menge vorhanden. Berechne den verbleibenden Anteil nach a) 15 Jahren, b) 45 Jahren, c) 20 Jahren. Runde auf vier Dezimalstellen.
Gebrochener Exponent = Wurzel in Verkleidung. Der Nenner gibt die Wurzel an. Der Zähler gibt die Potenz an.
Grundformel:anm=(na)m
Alle Potenzgesetze gelten weiterhin. Du kannst Exponenten addieren, subtrahieren und multiplizieren – wie gewohnt.
Rechenstrategie: Ziehe zuerst die Wurzel, dann potenziere. Das hält Zwischenergebnisse klein.
Kürze immer zuerst. Vereinfache den Bruchexponenten, bevor du rechnest.
Keine negativen Basen. Potenzen mit gebrochenen Exponenten sind nur für a≥0 definiert, bei negativem Exponenten nur für a>0. Für die Wurzel aus einer negativen Zahl schreibst du das Wurzelzeichen: 3−8=−2.
Dezimalexponenten umschreiben. Wandle 0,5, 1,5 usw. in Brüche um, bevor du rechnest.
Irrationale Exponenten wie in 22 sind Grenzwerte von Potenzen mit rationalen Näherungen des Exponenten. Für a>0 ist ax so für jede reelle Zahl x definiert, die Potenzgesetze gelten weiter, und du rechnest mit dem Taschenrechner.
Die Antwort ist x53.
Die fünfte Wurzel entspricht dem Exponenten 51. Die dritte Potenz im Inneren multipliziert diesen Exponenten: (x3)51=x3⋅51=x53.
Denke an die Grundregel: Zähler = Potenz, Nenner = Wurzel.
❓ Frage:Berechne 6432 ohne Taschenrechner.
Lösung anzeigen
Die Antwort ist 16.
Schritt 1: Den Nenner 3 erkennen – dritte Wurzel ziehen. 364=4, denn 43=64.
Schritt 2: Mit dem Zähler 2 potenzieren. 42=16.
Also gilt: 6432=16.
❓ Frage:Warum ist der Ausdruck (−9)21 im Bereich der reellen Zahlen nicht definiert?
Lösung anzeigen
Der Ausdruck (−9)21 bedeutet −9.
Es gibt keine reelle Zahl, die mit sich selbst multipliziert eine negative Zahl ergibt. Denn positiv mal positiv ist positiv, und negativ mal negativ ist ebenfalls positiv.
Quadratwurzeln – und allgemein gerade Wurzeln – aus negativen Zahlen führen zu imaginären Zahlen. Diese lernst du später kennen.
❓ Frage:Ein Schüler schreibt: 421+921=1321. Was ist falsch daran?
Lösung anzeigen
Der Schüler wendet ein Potenzgesetz auf eine Addition an. Das ist falsch.
Potenzgesetze gelten nur für Multiplikation und Division, niemals für Addition.
Richtig gerechnet: 421+921=4+9=2+3=5.
Der falsche Ausdruck ergibt 13≈3,6 – ein deutlich anderer Wert.
❓ Frage:Löse die Gleichung x31=5.
Lösung anzeigen
Potenziere beide Seiten mit dem Kehrwert des Exponenten, also mit 3:
(x31)3=53x31⋅3=x1=x=125
Probe: 12531=3125=5 ✓
Die Antwort ist x=125.
Du hast jetzt verstanden, dass Wurzeln und Potenzen zwei Seiten derselben Medaille sind. Die Frage “Welche Potenz von 2 ergibt 8?” beantwortest du mit 3, denn 23=8.
Aber was ist, wenn die Antwort kein ganzer Wert ist? Welche Potenz von 2 ergibt 10? Die Antwort liegt irgendwo zwischen 3 und 4. Wie findest du sie exakt?
Genau dafür gibt es den Logarithmus. Er beantwortet die Frage: “Mit welchem Exponenten muss ich die Basis potenzieren, um eine bestimmte Zahl zu erhalten?” Im nächsten Kapitel lernst du, wie du mit Logarithmen rechnest und warum sie in Wissenschaft, Technik und sogar Musik unverzichtbar sind.
Fasse den Zähler zusammen. Dazu Brüche auf gleichen Nenner bringen: 21=42.
a43⋅a42=a43+42=a45
Teile durch a41:
a41a45=a45−41=a44=a1=a
Ergebnis: Der Ausdruck vereinfacht sich zu a.
Aufgabe 11: Schreibe als Potenz mit Bruchexponent.
a) Die vierte Wurzel aus b3 ist b43. Der Kehrwert ergibt einen negativen Exponenten:
4b31=b431=b−43
b) Schreibe zuerst die innere Wurzel als Potenz und wende dann das Gesetz “Potenz einer Potenz” an:
3c=(c31)21=c31⋅21=c61
Aufgabe 12: Vereinfache a2⋅b21(a2b)21⋅a23.
Löse zuerst die Klammer auf (Potenz eines Produkts):
(a2b)21=a2⋅21⋅b21=a⋅b21
Fasse den Zähler zusammen:
a⋅b21⋅a23=a1+23⋅b21=a25⋅b21
Teile durch den Nenner:
a2⋅b21a25⋅b21=a25−2⋅b21−21=a21⋅b0=a
Ergebnis: Der Ausdruck vereinfacht sich zu a.
Aufgabe 13: Beweise 3a=3a für a>0.
Linke Seite:
3a=(a21)31=a21⋅31=a61
Rechte Seite:
3a=(a31)21=a31⋅21=a61
Beide Seiten ergeben a61=6a. Damit ist die Gleichheit bewiesen. Die Reihenfolge zweier Wurzeln spielt also keine Rolle, weil die Multiplikation der Exponenten kommutativ ist.
Aufgabe 14: Radioaktiver Zerfall mit Halbwertszeit 30 Jahre.
Schreibe den Anteil als Potenz von 2:
(21)30t=2−30t
a) t=15: 2−3015=2−21=21≈0,7071. Es sind noch etwa 70,71% vorhanden.
b) t=45: 2−3045=2−23=221≈0,3536. Es sind noch etwa 35,36% vorhanden.
c) t=20: 2−3020=2−32=341≈0,6300. Es sind noch etwa 63,00% vorhanden.
Kontrolle: Nach 15 Jahren (halbe Halbwertszeit) ist mehr als die Hälfte übrig, nach 45 Jahren weniger als die Hälfte. Die Werte passen.