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Lage von Geraden im Raum: So bestimmst du Schnittpunkte und parallele Geraden

In der Lagerhalle hast du intuitiv erkannt: Zwei Schienen können sich schneiden, parallel sein oder “aneinander vorbeilaufen”. In der analytischen Geometrie beschreiben wir Geraden mit Gleichungen. Eine Gerade im Raum wird durch eine Parametergleichung dargestellt:

g:x=a+tug: \vec{x} = \vec{a} + t \cdot \vec{u}

Dabei ist a\vec{a} ein Punkt auf der Geraden (der Stützvektor), u\vec{u} gibt die Richtung an (der Richtungsvektor), und tt ist ein Parameter, der jeden Punkt auf der Geraden erzeugt.

Wenn du jetzt zwei solche Geraden hast – nennen wir sie gg und hh – dann willst du wissen: Wie liegen sie zueinander? Schneiden sie sich? Sind sie parallel? Oder sind sie windschief?

Im dreidimensionalen Raum gibt es genau drei Möglichkeiten, wie zwei verschiedene Geraden zueinander liegen können:

1. Die Geraden schneiden sich Sie haben genau einen gemeinsamen Punkt. Wie zwei Strassen, die sich an einer Kreuzung treffen.

2. Die Geraden sind parallel Sie haben keinen gemeinsamen Punkt, aber dieselbe Richtung. Wie Eisenbahnschienen, die immer denselben Abstand halten.

3. Die Geraden sind windschief Sie haben keinen gemeinsamen Punkt und auch nicht dieselbe Richtung. Das ist der Fall, der in der Ebene nicht existiert – nur im Raum möglich. Wie eine Deckenschiene und eine Bodenschiene, die sich “verfehlen”.

Die vier möglichen Lagebeziehungen von zwei Geraden im Raum: Identisch, Echt parallel, Schneidend und Windschief

Um herauszufinden, wie zwei Geraden zueinander liegen, gehst du systematisch vor. Hier ist dein Schritt-für-Schritt-Plan:

Schritt 1: Prüfe die Richtungsvektoren Untersuche, ob die Richtungsvektoren u\vec{u} und v\vec{v} der beiden Geraden parallel sind. Zwei Vektoren sind parallel, wenn einer ein Vielfaches des anderen ist:

u=kvfu¨r ein kR\vec{u} = k \cdot \vec{v} \quad \text{für ein } k \in \mathbb{R}

Schritt 2a: Falls die Richtungsvektoren parallel sind Prüfe, ob ein Punkt der einen Geraden auf der anderen liegt. Falls ja: Die Geraden sind identisch. Falls nein: Die Geraden sind echt parallel.

Schritt 2b: Falls die Richtungsvektoren nicht parallel sind Setze die beiden Geradengleichungen gleich und löse das Gleichungssystem. Falls es eine Lösung gibt: Die Geraden schneiden sich. Falls es keine Lösung gibt: Die Geraden sind windschief.

Entscheidungsbaum (Ablaufdiagramm) zur Bestimmung der Lagebeziehung zweier Geraden im Raum

Beispiel 1: Zwei Geraden, die sich schneiden

Gegeben sind die Geraden:

g:x=(123)+t(101)g: \vec{x} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ -1 \end{pmatrix}

h:x=(101)+s(011)h: \vec{x} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 1 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 1 \end{pmatrix}

Schritt 1: Richtungsvektoren prüfen

u=(101),v=(011)\vec{u} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ -1 \end{pmatrix}, \quad \vec{v} = \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 1 \end{pmatrix}

Die Richtungsvektoren sind nicht parallel, da keiner ein Vielfaches des anderen ist (in der ersten Koordinate müsste 1=k01 = k \cdot 0 gelten, was unmöglich ist).

Schritt 2: Gleichungssystem aufstellen Wir setzen die beiden Geradengleichungen gleich (g=hg = h):

(123)+t(101)=(101)+s(011)\begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ -1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 1 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 1 \end{pmatrix}

Das ergibt folgendes lineare Gleichungssystem:

  • Gleichung I: 1+t=11 + t = 1
  • Gleichung II: 2=s2 = s
  • Gleichung III: 3t=1+s3 - t = 1 + s

Schritt 3: Gleichungssystem lösen Aus Gleichung I folgt direkt: t=0t = 0

Aus Gleichung II folgt direkt: s=2s = 2

Schritt 4: Probe mit Gleichung III Wir setzen t=0t = 0 und s=2s = 2 in Gleichung III ein: 30=1+23=33 - 0 = 1 + 2 \Rightarrow 3 = 3

Die Probe stimmt! Das Gleichungssystem hat die eindeutige Lösung t=0t = 0 und s=2s = 2.

Schnittpunkt bestimmen: Wir setzen t=0t = 0 in die Gerade gg ein: s=(123)+0(101)=(123)\vec{s} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix} + 0 \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ -1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ 3 \end{pmatrix}

Die Geraden schneiden sich im Schnittpunkt S(123)S(1|2|3).

Beispiel 2: Zwei echt parallele Geraden

Gegeben sind die Geraden:

g:x=(102)+t(242)g: \vec{x} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix}

h:x=(315)+s(121)h: \vec{x} = \begin{pmatrix} 3 \\ 1 \\ 5 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ -1 \end{pmatrix}

Schritt 1: Richtungsvektoren prüfen

u=(242)=2(121)=2v\vec{u} = \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix} = 2 \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ -1 \end{pmatrix} = 2 \cdot \vec{v}

Die Richtungsvektoren sind parallel (mit k=2k = 2).

Schritt 2: Liegt ein Punkt der einen Geraden auf der anderen? Wir prüfen, ob der Stützpunkt von hh, also (315)\begin{pmatrix} 3 \\ 1 \\ 5 \end{pmatrix}, auf gg liegt.

Dazu setzen wir an:

(315)=(102)+t(242)\begin{pmatrix} 3 \\ 1 \\ 5 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix}

Das ergibt:

  • 3=1+2tt=13 = 1 + 2t \Rightarrow t = 1
  • 1=0+4tt=0,251 = 0 + 4t \Rightarrow t = 0{,}25

Schon die ersten beiden Gleichungen liefern unterschiedliche Werte für tt.

Der Punkt liegt nicht auf gg. Die Geraden sind echt parallel.

Beispiel 3: Zwei identische Geraden

Gegeben sind die Geraden:

g:x=(102)+t(242)g: \vec{x} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix}

h:x=(340)+s(121)h: \vec{x} = \begin{pmatrix} 3 \\ 4 \\ 0 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ -1 \end{pmatrix}

Schritt 1: Richtungsvektoren prüfen

u=(242)=2(121)=2v\vec{u} = \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix} = 2 \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \\ -1 \end{pmatrix} = 2 \cdot \vec{v}

Die Richtungsvektoren sind parallel (mit k=2k = 2).

Schritt 2: Liegt ein Punkt der einen Geraden auf der anderen? Wir prüfen, ob der Stützpunkt von hh, also (340)\begin{pmatrix} 3 \\ 4 \\ 0 \end{pmatrix}, auf gg liegt.

Dazu setzen wir an:

(340)=(102)+t(242)\begin{pmatrix} 3 \\ 4 \\ 0 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 4 \\ -2 \end{pmatrix}

Das ergibt:

  • 3=1+2t2t=2t=13 = 1 + 2t \Rightarrow 2t = 2 \Rightarrow t = 1
  • 4=0+4t4t=4t=14 = 0 + 4t \Rightarrow 4t = 4 \Rightarrow t = 1
  • 0=22t2t=2t=10 = 2 - 2t \Rightarrow 2t = 2 \Rightarrow t = 1

Alle drei Gleichungen liefern denselben Wert t=1t = 1.

Der Stützpunkt von hh liegt also auf gg. Da die Richtungsvektoren zudem parallel sind, sind die Geraden identisch (sie beschreiben dieselbe Gerade im Raum).

Beispiel 4: Windschiefe Geraden erkennen

Gegeben sind die Geraden:

g:x=(000)+t(100)g: \vec{x} = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \\ 0 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 0 \end{pmatrix}

h:x=(010)+s(001)h: \vec{x} = \begin{pmatrix} 0 \\ 1 \\ 0 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \\ 1 \end{pmatrix}

Geometrische Vorstellung: gg ist die xx-Achse (verläuft in xx-Richtung durch den Ursprung). hh verläuft parallel zur zz-Achse durch den Punkt (010)(0|1|0).

Schritt 1: Richtungsvektoren prüfen u=(100)\vec{u} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \\ 0 \end{pmatrix} und v=(001)\vec{v} = \begin{pmatrix} 0 \\ 0 \\ 1 \end{pmatrix} sind nicht parallel.

Schritt 2: Gleichungssystem

  • I: t=0t = 0
  • II: 0=10 = 1
  • III: 0=s0 = s

Gleichung II ist niemals erfüllbar. Das System hat keine Lösung.

Da die Richtungsvektoren nicht parallel sind und es keinen Schnittpunkt gibt, sind die Geraden windschief.

Dies entspricht der Vorstellung: Die xx-Achse und eine Parallele zur zz-Achse, die um 1 in yy-Richtung verschoben ist, können sich nie treffen.

Visualisierung des windschiefen Geradenbeispiels: Die x-Achse und eine parallel zur z-Achse verschobene Gerade

  • Im Raum gibt es drei Lagebeziehungen: schneidend, parallel oder windschief.
  • Prüfe zuerst die Richtungsvektoren: Sind sie parallel, können die Geraden nur parallel oder identisch sein.
  • Sind die Richtungsvektoren nicht parallel, stelle ein Gleichungssystem auf und prüfe, ob es eine Lösung gibt.
  • Eine Lösung existiert nur, wenn alle drei Gleichungen gleichzeitig erfüllt sind – vergiss die Probe nicht!
  • Windschiefe Geraden sind ein Phänomen des Raumes, das in der Ebene nicht vorkommt.
❓ Frage: Zwei Geraden haben die Richtungsvektoren u=(246)\vec{u} = \begin{pmatrix} 2 \\ -4 \\ 6 \end{pmatrix} und v=(123)\vec{v} = \begin{pmatrix} -1 \\ 2 \\ -3 \end{pmatrix}. Was kannst du über die Lagebeziehung aussagen?
Lösung anzeigen

Die Richtungsvektoren sind parallel, denn u=2v\vec{u} = -2 \cdot \vec{v}. Die Geraden können also nur parallel (echt parallel oder identisch) sein. Sie können sich weder schneiden noch windschief sein.

❓ Frage: Beim Gleichsetzen zweier Geraden erhältst du t=3t = 3 und s=1s = 1 aus zwei Gleichungen. Die dritte Gleichung lautet 5+t=7+2s5 + t = 7 + 2s. Schneiden sich die Geraden?
Lösung anzeigen

Probe: 5+3=85 + 3 = 8 und 7+21=97 + 2 \cdot 1 = 9. Da 898 \neq 9, ist die dritte Gleichung nicht erfüllt. Die Geraden schneiden sich nicht. Da die Richtungsvektoren nicht parallel waren (sonst gäbe es keine Lösung für tt und ss), sind die Geraden windschief.

❓ Frage: Erkläre in einem Satz, warum windschiefe Geraden nur im Raum, aber nicht in der Ebene existieren können.
Lösung anzeigen

In der Ebene müssen sich zwei nicht-parallele Geraden immer schneiden, weil sie keine “Ausweichmöglichkeit” in eine dritte Dimension haben. Erst der Raum bietet die zusätzliche Dimension, in der Geraden aneinander “vorbeigehen” können.

Du hast jetzt gelernt, wie zwei Geraden zueinander liegen können. Der nächste Schritt ist die Untersuchung von Geraden und Ebenen. Dabei wirst du fragen: Liegt eine Gerade in einer Ebene? Schneidet sie die Ebene in genau einem Punkt? Oder verläuft sie parallel zur Ebene? Die Methoden, die du hier gelernt hast – Richtungsvektoren vergleichen und Gleichungssysteme lösen – werden dir dabei wieder helfen.

Quellen