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Erwartungswert berechnen: So findest du den Durchschnitt bei Zufallsexperimenten

Weiterführend:

Lehrplan 21Zyklus 3 (7.–9. Klasse) · 5Kompetenzen
  • MA.3.A.1.kGrundanspruchBegriffe absolute und relative Häufigkeit, x-Koordinate, y-Koordinate, x-Achse, y-Achse, Einheitsstrecke, Wahrscheinlichkeit; Masseinheiten Geschwindigkeit (km/h, m/s, kB/s, dpi)
  • MA.3.B.2.eGrundanspruchHäufigkeiten experimentell bestimmen und Vermutungen zu Wahrscheinlichkeiten formulieren; unbekannte Fragestellungen zu Kombinatorik/Wahrscheinlichkeit bearbeiten
  • MA.3.A.1.mBegriffe (lineare) Funktion, sichere/mögliche/unmögliche Ereignisse, Flussdiagramm, Bit, Byte; Vorsätze Mikro, Nano; Masseinheiten Dichte (kg/dm³, g/cm³)
  • MA.3.B.2.fWahrscheinlichkeiten und statistische Angaben überprüfen und begründen
  • MA.3.C.2.hWertetabellen, Diagramme, Sachtexte, Terme und Graphen einander zuordnen und interpretieren; Sachsituationen nach funktionalen, statistischen und probabilistischen Gesichtspunkten bearbeiten

Quelle: Aargauer Lehrplan Volksschule, Fachbereich Mathematik (August 2022)

Der Erwartungswert hat seinen Ursprung in einem eher unromantischen Kontext: beim Glücksspiel im Paris des 17. Jahrhunderts. Im Jahr 1654 stellte der französische Adlige Chevalier de Méré dem Mathematiker Blaise Pascal eine Frage, die als „Problem des Spielabbruchs” berühmt wurde. Zwei Spieler wetten um einen Einsatz. Der erste, der vier Runden gewinnt, erhält den ganzen Betrag. Doch das Spiel wird vorzeitig abgebrochen. Wie soll man den Einsatz fair aufteilen?

Pascal begann einen Briefwechsel mit einem anderen Mathematiker: Pierre de Fermat. Die beiden entwickelten in diesen Briefen die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie erkannten, dass die faire Aufteilung nicht vom bisherigen Spielverlauf abhängt, sondern von den Chancen, die jeder Spieler noch hat, das Spiel zu gewinnen.

Drei Jahre später, im Jahr 1657, veröffentlichte der niederländische Mathematiker Christiaan Huygens ein kleines Buch mit dem Titel „De ratiociniis in ludo aleae” – „Über die Berechnungen im Glücksspiel”. In diesem Werk formulierte er als Erster systematisch, was wir heute als Erwartungswert bezeichnen. Huygens nannte ihn „expectatio” – die Erwartung.

Jakob Bernoulli, ein Schweizer Mathematiker aus Basel, baute diese Ideen weiter aus. In seinem Werk „Ars conjectandi” (1713) bewies er das Gesetz der grossen Zahlen. Dieses Gesetz besagt: Je öfter du ein Zufallsexperiment wiederholst, desto näher kommt der tatsächliche Durchschnitt deiner Ergebnisse dem Erwartungswert.

Heute steckt der Erwartungswert in unzähligen Anwendungen. Versicherungen berechnen damit ihre Prämien. Banken kalkulieren Risiken bei Krediten. Investoren bewerten Aktien. Sogar die künstliche Intelligenz nutzt Erwartungswerte, um Entscheidungen zu treffen. Aus einer Frage über Würfelspiele wurde ein Konzept, das unsere moderne Welt prägt.

Bevor du den Erwartungswert berechnen kannst, musst du verstehen, was eine Zufallsgrösse ist. Eine Zufallsgrösse ordnet jedem möglichen Ergebnis eines Zufallsexperiments eine Zahl zu. Beim Würfeln ist die Zufallsgrösse die geworfene Augenzahl. Beim Glücksrad ist sie der Geldbetrag, den du gewinnst oder verlierst.

Zu jeder Zufallsgrösse gehört eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Sie listet auf, welche Werte die Zufallsgrösse annehmen kann und mit welcher Wahrscheinlichkeit. Stell dir die Wahrscheinlichkeitsverteilung wie ein Rezept vor: Sie sagt dir, welche „Zutaten” (Werte) mit welcher „Menge” (Wahrscheinlichkeit) in den Erwartungswert einfliessen.

Die Summe 1 bedeutet: Mit Sicherheit tritt eines der aufgelisteten Ergebnisse ein. Fehlt ein Ergebnis in deiner Tabelle oder stimmen die Wahrscheinlichkeiten nicht zu 1, hast du die Verteilung nicht korrekt erfasst.

Zurück zum Glücksrad mit vier gleich grossen Feldern: Gewinne von 10, 2, 0 und 4-4 CHF, jeweils mit Wahrscheinlichkeit 14\dfrac{1}{4}. Die Zufallsgrösse XX nimmt also vier Werte an, und die Wahrscheinlichkeiten summieren sich zu 14+14+14+14=1\dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} = 1. Alles ist bereit für die Berechnung des Erwartungswerts.

Der Erwartungswert ist der gewichtete Durchschnitt aller möglichen Werte einer Zufallsgrösse. Gewichtet bedeutet: Wahrscheinlichere Werte zählen stärker als unwahrscheinliche. Die Grundidee ist so einfach wie elegant.

Stell dir vor, du spielst das Glücksrad 100100-mal. Bei vier gleich grossen Feldern erwartest du etwa:

  • 2525-mal Gewinn von 1010 CHF
  • 2525-mal Gewinn von 22 CHF
  • 2525-mal Gewinn von 00 CHF
  • 2525-mal Verlust von 44 CHF

Dein Gesamtgewinn wäre etwa 2510+252+250+25(4)=20025 \cdot 10 + 25 \cdot 2 + 25 \cdot 0 + 25 \cdot (-4) = 200 CHF. Pro Spiel sind das 200100=2\dfrac{200}{100} = 2 CHF. Genau das ist der Erwartungswert.

So gehst du Schritt für Schritt vor:

  1. Werte auflisten: Schreibe alle möglichen Werte x1,x2,,xnx_1, x_2, \ldots, x_n der Zufallsgrösse auf.
  2. Wahrscheinlichkeiten bestimmen: Ermittle für jeden Wert die zugehörige Wahrscheinlichkeit P(X=xi)P(X = x_i).
  3. Kontrolle: Prüfe, ob die Summe der Wahrscheinlichkeiten 11 ergibt.
  4. Multiplizieren: Berechne jedes Produkt xiP(X=xi)x_i \cdot P(X = x_i).
  5. Summieren: Addiere alle Produkte. Das Ergebnis ist E(X)E(X).

Der Erwartungswert muss selbst kein mögliches Ergebnis sein. Beim Würfel ist E(X)=3,5E(X) = 3{,}5, obwohl du nie 3,53{,}5 würfeln kannst.

Beispiel:

Wir berechnen den Erwartungswert für das Glücksrad mit vier gleich grossen Feldern: 1010 CHF, 22 CHF, 00 CHF und 4-4 CHF.

Schritt 1: Wahrscheinlichkeitsverteilung aufstellen

Wert xix_i1010 CHF22 CHF00 CHF4-4 CHF
P(X=xi)P(X = x_i)14\dfrac{1}{4}14\dfrac{1}{4}14\dfrac{1}{4}14\dfrac{1}{4}

Schritt 2: Kontrolle

14+14+14+14=1\dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} + \dfrac{1}{4} = 1

Schritt 3: Jeden Wert mit seiner Wahrscheinlichkeit multiplizieren

1014=2,5214=0,510 \cdot \dfrac{1}{4} = 2{,}5 \qquad 2 \cdot \dfrac{1}{4} = 0{,}5

014=0(4)14=10 \cdot \dfrac{1}{4} = 0 \qquad (-4) \cdot \dfrac{1}{4} = -1

Schritt 4: Produkte addieren

E(X)=2,5+0,5+0+(1)=2CHFE(X) = 2{,}5 + 0{,}5 + 0 + (-1) = 2 \, \text{CHF}

Interpretation: Im Durchschnitt gewinnst du 22 CHF pro Spiel. Wenn der Einsatz mehr als 22 CHF beträgt, lohnt sich das Spiel auf lange Sicht nicht.

Beispiel:

Jetzt ist das Rad manipuliert. Das Feld mit 00 CHF ist doppelt so gross wie die anderen. Insgesamt hat das Rad also fünf Flächeneinheiten, und die Wahrscheinlichkeiten verteilen sich so:

Wert xix_i1010 CHF22 CHF00 CHF4-4 CHF
P(X=xi)P(X = x_i)15\dfrac{1}{5}15\dfrac{1}{5}25\dfrac{2}{5}15\dfrac{1}{5}

Kontrolle: 15+15+25+15=55=1\dfrac{1}{5} + \dfrac{1}{5} + \dfrac{2}{5} + \dfrac{1}{5} = \dfrac{5}{5} = 1

Berechnung:

E(X)=1015+215+025+(4)15E(X) = 10 \cdot \dfrac{1}{5} + 2 \cdot \dfrac{1}{5} + 0 \cdot \dfrac{2}{5} + (-4) \cdot \dfrac{1}{5}

E(X)=2+0,4+0+(0,8)=1,6CHFE(X) = 2 + 0{,}4 + 0 + (-0{,}8) = 1{,}6 \, \text{CHF}

Interpretation: Durch das grössere „Nieten-Feld” sinkt der Erwartungswert von 22 CHF auf 1,61{,}6 CHF. Das Spiel ist für dich weniger vorteilhaft geworden. Der Betreiber hat durch eine kleine Änderung seinen Gewinn um 0,40{,}4 CHF pro Spiel gesteigert. Auf 10001\,000 Spiele wirft das für ihn 400400 CHF zusätzlich ab.

Bei der Berechnung von Erwartungswerten schleichen sich typische Fehler ein. Wenn du diese kennst, umgehst du sie von Anfang an.

Beispiel:

Ein Standardwürfel zeigt die Zahlen 11 bis 66. Jede Zahl erscheint mit Wahrscheinlichkeit 16\dfrac{1}{6}.

Wahrscheinlichkeitsverteilung:

Augenzahl xix_i112233445566
P(X=xi)P(X = x_i)16\dfrac{1}{6}16\dfrac{1}{6}16\dfrac{1}{6}16\dfrac{1}{6}16\dfrac{1}{6}16\dfrac{1}{6}

Berechnung:

E(X)=116+216+316+416+516+616E(X) = 1 \cdot \dfrac{1}{6} + 2 \cdot \dfrac{1}{6} + 3 \cdot \dfrac{1}{6} + 4 \cdot \dfrac{1}{6} + 5 \cdot \dfrac{1}{6} + 6 \cdot \dfrac{1}{6}

E(X)=1+2+3+4+5+66=216=3,5E(X) = \dfrac{1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6}{6} = \dfrac{21}{6} = 3{,}5

Interpretation: Im Durchschnitt würfelst du eine 3,53{,}5. Du kannst nie genau 3,53{,}5 würfeln – der Erwartungswert ist ein theoretischer Mittelwert. Er stellt sich nach sehr vielen Würfen als Durchschnitt ein. Würfelst du 10001\,000-mal, wirst du ungefähr 167167-mal jede Zahl werfen. Die Summe aller Würfe geteilt durch 10001\,000 nähert sich dann 3,53{,}5 an. Dies ist das Gesetz der grossen Zahlen in Aktion.

Beispiel:

Eine Handyversicherung kostet 6060 CHF pro Jahr. Dein Handy ist 800800 CHF wert. Du schätzt die Wahrscheinlichkeiten so ein:

  • Totalschaden: 5%5\,\%
  • Reparatur (Kosten 200200 CHF): 10%10\,\%
  • Kein Schaden: 85%85\,\%

Ohne Versicherung – erwarteter Schaden pro Jahr:

Schaden xix_i800800 CHF200200 CHF00 CHF
P(X=xi)P(X = x_i)0,050{,}050,100{,}100,850{,}85

E(X)=8000,05+2000,10+00,85E(X) = 800 \cdot 0{,}05 + 200 \cdot 0{,}10 + 0 \cdot 0{,}85

E(X)=40+20+0=60CHFE(X) = 40 + 20 + 0 = 60 \, \text{CHF}

Analyse: Dein erwarteter Schaden beträgt 6060 CHF – genau so viel wie die Versicherungsprämie. Rein mathematisch ist es egal, ob du versichert bist oder nicht.

In der Praxis zählen aber weitere Faktoren: Könntest du einen Verlust von 800800 CHF auf einmal verkraften? Falls nicht, kann die Versicherung trotzdem sinnvoll sein. Sie wandelt ein unsicheres Risiko in einen sicheren, kleinen Beitrag um. Genau davon leben Versicherungsgesellschaften.

Vertiefung: Faire Spiele, das Gesetz der grossen Zahlen und Linearität

Abschnitt betitelt „Vertiefung: Faire Spiele, das Gesetz der grossen Zahlen und Linearität“

Der Erwartungswert hat mehrere interessante Eigenschaften, die ihn besonders mächtig machen. Die erste Eigenschaft ist die Linearität. Sie besagt, dass der Erwartungswert einer Summe von Zufallsgrössen gleich der Summe der Erwartungswerte ist. In Kurzform:

E(X+Y)=E(X)+E(Y)E(X + Y) = E(X) + E(Y)

Würfelst du mit zwei Würfeln und betrachtest die Summe der Augenzahlen, musst du nicht die ganze Verteilung aufstellen. Es reicht, den Erwartungswert eines einzelnen Würfels zu verdoppeln: E(X+Y)=3,5+3,5=7E(X + Y) = 3{,}5 + 3{,}5 = 7.

Eng damit verbunden ist der Begriff des fairen Spiels. Ein Spiel heisst fair, wenn der Erwartungswert des Nettogewinns gleich null ist. Du gewinnst auf lange Sicht nichts, verlierst aber auch nichts.

In der Realität sind fast alle Glücksspiele für den Spieler nachteilig. Bei Roulette zum Beispiel liegt der Erwartungswert pro eingesetztem Franken bei etwa 0,9730{,}973 CHF – der Rest bleibt im Casino. Auf eine Million Einsätze macht die Spielbank so zuverlässig Gewinn.

Das Gesetz der grossen Zahlen liefert die theoretische Grundlage dafür. Es garantiert, dass sich der durchschnittliche Gewinn eines Spielers bei sehr vielen Wiederholungen immer mehr dem Erwartungswert annähert. Bei einer einzelnen Runde kannst du Glück haben. Bei tausend Runden greift die Mathematik.

Beispiel:

Beim vereinfachten Lotto kostet ein Los 22 CHF. Die Gewinne sind verteilt wie folgt: Hauptgewinn von 10001\,000 CHF mit Wahrscheinlichkeit 15000\dfrac{1}{5\,000}, Trostpreis von 1010 CHF mit Wahrscheinlichkeit 1100\dfrac{1}{100}, sonst kein Gewinn.

Wahrscheinlichkeitsverteilung der Auszahlung AA:

Wert xix_i10001\,000 CHF1010 CHF00 CHF
P(A=xi)P(A = x_i)0,00020{,}00020,010{,}010,98980{,}9898

Kontrolle: 0,0002+0,01+0,9898=10{,}0002 + 0{,}01 + 0{,}9898 = 1

Erwartete Auszahlung:

E(A)=10000,0002+100,01+00,9898E(A) = 1\,000 \cdot 0{,}0002 + 10 \cdot 0{,}01 + 0 \cdot 0{,}9898

E(A)=0,20+0,10+0=0,30CHFE(A) = 0{,}20 + 0{,}10 + 0 = 0{,}30 \, \text{CHF}

Nettogewinn pro Los: E(A)2=0,302=1,70E(A) - 2 = 0{,}30 - 2 = -1{,}70 CHF.

Pro gekauftem Los verlierst du im Durchschnitt 1,701{,}70 CHF. Das Spiel ist deutlich nachteilig für dich. Der Lottoanbieter kassiert von jedem Franken Einsatz etwa 85%85\,\% als Gewinn.

Bearbeite die folgenden zehn Aufgaben in dieser Reihenfolge. Die Schwierigkeit steigt kontinuierlich.

Aufgabe 1: Du wirfst eine faire Münze. Gewinn: 33 CHF bei Kopf, 1-1 CHF bei Zahl. Berechne den Erwartungswert.

Aufgabe 2: Eine Zufallsgrösse XX hat die Werte 22, 44 und 66 mit Wahrscheinlichkeiten 0,30{,}3, 0,50{,}5 und 0,20{,}2. Berechne E(X)E(X).

Aufgabe 3: Ein Glücksrad hat drei Felder: 1010 CHF (16\dfrac{1}{6}), 22 CHF (13\dfrac{1}{3}) und 2-2 CHF (12\dfrac{1}{2}). Prüfe, ob das Spiel fair ist, wenn der Einsatz 11 CHF beträgt.

Aufgabe 4: Du wirfst zwei Münzen. Die Zufallsgrösse XX zählt die Anzahl Köpfe. Bestimme die Wahrscheinlichkeitsverteilung und berechne E(X)E(X).

Aufgabe 5: In einer Urne sind 33 rote und 22 blaue Kugeln. Du ziehst eine Kugel und erhältst 55 CHF für Rot, 2-2 CHF für Blau. Berechne den Erwartungswert.

Aufgabe 6: Ein Würfel ist manipuliert. Die 66 erscheint mit Wahrscheinlichkeit 13\dfrac{1}{3}, alle anderen Zahlen gleich wahrscheinlich. Berechne E(X)E(X).

Aufgabe 7: Eine Feuerversicherung für ein Haus kostet 800800 CHF pro Jahr. Die Wahrscheinlichkeit eines Brandschadens beträgt 0,5%0{,}5\,\%, der durchschnittliche Schaden 120000120\,000 CHF. Ist die Prämie für die Versicherung profitabel? Begründe.

Aufgabe 8: Du spielst ein Spiel mit Einsatz 55 CHF. Auszahlungen: 2020 CHF (10%10\,\%), 1010 CHF (20%20\,\%), 00 CHF (70%70\,\%). Berechne den erwarteten Nettogewinn.

Aufgabe 9: Beim zweimaligen Würfeln ist XX die Augensumme. Nutze die Linearität des Erwartungswerts, um E(X)E(X) zu bestimmen.

Aufgabe 10: Ein Lotto hat einen Jackpot von 10000001\,000\,000 CHF mit Wahrscheinlichkeit 114000000\dfrac{1}{14\,000\,000}. Kleinere Gewinne summieren sich zu einem Erwartungswert von 0,400{,}40 CHF. Das Los kostet 2,502{,}50 CHF. Wie gross müsste der Jackpot sein, damit das Spiel fair wird?

  • Der Erwartungswert E(X)E(X) ist der gewichtete Durchschnitt aller möglichen Werte einer Zufallsgrösse XX.
  • Die Formel lautet E(X)=i=1nxiP(X=xi)E(X) = \sum_{i=1}^{n} x_i \cdot P(X = x_i) – jeder Wert wird mit seiner Wahrscheinlichkeit multipliziert und dann addiert.
  • Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten muss 11 ergeben. Prüfe das vor jeder Berechnung.
  • Der Erwartungswert muss kein tatsächlich mögliches Ergebnis sein (z. B. 3,53{,}5 beim Würfel).
  • Ein Spiel ist fair, wenn E(Auszahlung)=EinsatzE(\text{Auszahlung}) = \text{Einsatz}, also der erwartete Nettogewinn null ist.
  • Der Erwartungswert ist linear: E(X+Y)=E(X)+E(Y)E(X + Y) = E(X) + E(Y).
  • Das Gesetz der grossen Zahlen garantiert, dass der tatsächliche Durchschnitt bei vielen Wiederholungen gegen den Erwartungswert strebt.
❓ Frage:
Ein Glücksspiel hat folgende Auszahlungen: 2020 CHF mit Wahrscheinlichkeit 0,10{,}1 und 00 CHF mit Wahrscheinlichkeit 0,90{,}9. Wie hoch ist der Erwartungswert?
Lösung anzeigen

E(X)=200,1+00,9=2+0=2CHFE(X) = 20 \cdot 0{,}1 + 0 \cdot 0{,}9 = 2 + 0 = 2 \, \text{CHF} Der Erwartungswert beträgt 22 CHF. Wenn der Einsatz höher als 22 CHF ist, wäre das Spiel auf lange Sicht ein Verlustgeschäft.

❓ Frage:
Warum ist der Erwartungswert eines fairen Würfels gleich 3,53{,}5, obwohl man nie 3,53{,}5 würfeln kann?
Lösung anzeigen

Der Erwartungswert ist ein theoretischer Durchschnittswert, kein mögliches Einzelergebnis. Er beschreibt, welchen Mittelwert du erhältst, wenn du den Würfel sehr oft wirfst und die Summe aller Ergebnisse durch die Anzahl der Würfe teilst. Würfest du 10001\,000-mal, wirst du ungefähr 167167-mal jede Zahl werfen. Die Summe aller Würfe geteilt durch 10001\,000 nähert sich dann 3,53{,}5 an. Diese Konvergenz folgt aus dem Gesetz der grossen Zahlen.

❓ Frage:
Bei einem Spiel gewinnst du 5050 CHF mit Wahrscheinlichkeit 110\dfrac{1}{10}, verlierst 1010 CHF mit Wahrscheinlichkeit 310\dfrac{3}{10} und gewinnst nichts mit Wahrscheinlichkeit 610\dfrac{6}{10}. Berechne den Erwartungswert und entscheide: Lohnt sich das Spiel bei einem Einsatz von 22 CHF?
Lösung anzeigen

Berechnung: E(X)=50110+(10)310+0610E(X) = 50 \cdot \dfrac{1}{10} + (-10) \cdot \dfrac{3}{10} + 0 \cdot \dfrac{6}{10} E(X)=53+0=2CHFE(X) = 5 - 3 + 0 = 2 \, \text{CHF} Entscheidung: Der Erwartungswert beträgt 22 CHF. Bei einem Einsatz von 22 CHF ist das Spiel fair – du gewinnst und verlierst auf lange Sicht nichts. Kostet der Einsatz mehr als 22 CHF, lohnt sich das Spiel nicht. Kostet er weniger, ist es vorteilhaft für dich.

❓ Frage:
Eine Zufallsgrösse XX hat nur zwei Werte: x1=10x_1 = 10 mit P(X=10)=0,4P(X = 10) = 0{,}4 und einen zweiten Wert x2x_2 mit Wahrscheinlichkeit 0,60{,}6. Der Erwartungswert beträgt E(X)=7E(X) = 7. Wie gross ist x2x_2?
Lösung anzeigen

Aus der Formel folgt: E(X)=100,4+x20,6=7E(X) = 10 \cdot 0{,}4 + x_2 \cdot 0{,}6 = 7 4+0,6x2=74 + 0{,}6 \cdot x_2 = 7 0,6x2=30{,}6 \cdot x_2 = 3 x2=5x_2 = 5 Der zweite Wert ist x2=5x_2 = 5. Die Kontrolle bestätigt: 100,4+50,6=4+3=710 \cdot 0{,}4 + 5 \cdot 0{,}6 = 4 + 3 = 7.

❓ Frage:
Du wirfst zwei Würfel gleichzeitig. Was ist der Erwartungswert der Summe der Augenzahlen? Nutze die Linearität des Erwartungswerts.
Lösung anzeigen

Die Summe S=X+YS = X + Y setzt sich aus zwei einzelnen Würfeln zusammen. Jeder Würfel hat den Erwartungswert E(X)=E(Y)=3,5E(X) = E(Y) = 3{,}5. Wegen der Linearität gilt: E(S)=E(X+Y)=E(X)+E(Y)=3,5+3,5=7E(S) = E(X + Y) = E(X) + E(Y) = 3{,}5 + 3{,}5 = 7 Der Erwartungswert der Augensumme ist 77. Du müsstest nicht die komplette Verteilung von 22 bis 1212 aufstellen – die Linearität spart dir viel Arbeit.

Du kannst jetzt den Erwartungswert berechnen – den „Durchschnitt” einer Zufallsgrösse. Doch wie stark schwanken die Ergebnisse um diesen Durchschnitt? Beim Würfel weisst du, dass du im Schnitt 3,53{,}5 würfelst. Aber wie weit liegen einzelne Würfe typischerweise davon entfernt? Diese Frage beantworten Varianz und Standardabweichung. Sie messen die Streuung der Werte um den Erwartungswert. Zwei Spiele mit gleichem Erwartungswert können völlig unterschiedliche Risiken bergen – und genau das kannst du als Nächstes lernen.

Aufgabe 1: Mit P(Kopf)=P(Zahl)=12P(\text{Kopf}) = P(\text{Zahl}) = \dfrac{1}{2} ergibt sich

E(X)=312+(1)12=1,50,5=1CHF.E(X) = 3 \cdot \dfrac{1}{2} + (-1) \cdot \dfrac{1}{2} = 1{,}5 - 0{,}5 = 1 \, \text{CHF}.

Im Durchschnitt gewinnst du 11 CHF pro Wurf.

Aufgabe 2: Kontrolle: 0,3+0,5+0,2=10{,}3 + 0{,}5 + 0{,}2 = 1 ✓. Berechnung:

E(X)=20,3+40,5+60,2=0,6+2,0+1,2=3,8.E(X) = 2 \cdot 0{,}3 + 4 \cdot 0{,}5 + 6 \cdot 0{,}2 = 0{,}6 + 2{,}0 + 1{,}2 = 3{,}8.

Der Erwartungswert ist 3,83{,}8.

Aufgabe 3: Kontrolle: 16+13+12=16+26+36=1\dfrac{1}{6} + \dfrac{1}{3} + \dfrac{1}{2} = \dfrac{1}{6} + \dfrac{2}{6} + \dfrac{3}{6} = 1 ✓.

E(Auszahlung)=1016+213+(2)12=106+461=14611,33CHF.E(\text{Auszahlung}) = 10 \cdot \dfrac{1}{6} + 2 \cdot \dfrac{1}{3} + (-2) \cdot \dfrac{1}{2} = \dfrac{10}{6} + \dfrac{4}{6} - 1 = \dfrac{14}{6} - 1 \approx 1{,}33 \, \text{CHF}.

Der erwartete Nettogewinn beträgt 1,331=0,331{,}33 - 1 = 0{,}33 CHF. Das Spiel ist nicht fair, sondern vorteilhaft für den Spieler.

Aufgabe 4: Beim zweimaligen Münzwurf gibt es vier gleichwahrscheinliche Ergebnisse: KK, KZ, ZK, ZZ. Anzahl Köpfe:

XX001122
P(X)P(X)14\dfrac{1}{4}24\dfrac{2}{4}14\dfrac{1}{4}

E(X)=014+124+214=0+0,5+0,5=1.E(X) = 0 \cdot \dfrac{1}{4} + 1 \cdot \dfrac{2}{4} + 2 \cdot \dfrac{1}{4} = 0 + 0{,}5 + 0{,}5 = 1.

Im Durchschnitt erhältst du 11 Kopf pro Doppelwurf.

Aufgabe 5: Fünf Kugeln insgesamt: P(Rot)=35P(\text{Rot}) = \dfrac{3}{5}, P(Blau)=25P(\text{Blau}) = \dfrac{2}{5}.

E(X)=535+(2)25=345=30,8=2,2CHF.E(X) = 5 \cdot \dfrac{3}{5} + (-2) \cdot \dfrac{2}{5} = 3 - \dfrac{4}{5} = 3 - 0{,}8 = 2{,}2 \, \text{CHF}.

Im Durchschnitt gewinnst du 2,202{,}20 CHF pro Zug.

Aufgabe 6: Die restlichen fünf Zahlen teilen sich die Wahrscheinlichkeit 113=231 - \dfrac{1}{3} = \dfrac{2}{3} gleichmässig auf: je 215\dfrac{2}{15}.

E(X)=(1+2+3+4+5)215+613=15215+2=2+2=4.E(X) = (1 + 2 + 3 + 4 + 5) \cdot \dfrac{2}{15} + 6 \cdot \dfrac{1}{3} = 15 \cdot \dfrac{2}{15} + 2 = 2 + 2 = 4.

Der manipulierte Würfel hat Erwartungswert 44, gegenüber 3,53{,}5 beim fairen Würfel.

Aufgabe 7: Erwarteter Schaden pro Jahr:

E(X)=1200000,005+00,995=600CHF.E(X) = 120\,000 \cdot 0{,}005 + 0 \cdot 0{,}995 = 600 \, \text{CHF}.

Die Prämie von 800800 CHF liegt über dem erwarteten Schaden. Differenz: 800600=200800 - 600 = 200 CHF pro Vertrag. Die Versicherung macht also im Mittel 200200 CHF Gewinn pro Vertrag. Für den Kunden ist der Vertrag mathematisch nachteilig, kann sich aber wegen des katastrophalen Einzelrisikos trotzdem lohnen.

Aufgabe 8: Kontrolle: 0,1+0,2+0,7=10{,}1 + 0{,}2 + 0{,}7 = 1 ✓.

E(Auszahlung)=200,1+100,2+00,7=2+2+0=4CHF.E(\text{Auszahlung}) = 20 \cdot 0{,}1 + 10 \cdot 0{,}2 + 0 \cdot 0{,}7 = 2 + 2 + 0 = 4 \, \text{CHF}.

Erwarteter Nettogewinn: 45=14 - 5 = -1 CHF. Pro Spiel verlierst du im Durchschnitt 11 CHF.

Aufgabe 9: Die Summe lässt sich schreiben als X+YX + Y, wobei XX und YY die Augenzahlen der beiden Würfel sind. Jeder einzelne Würfel hat den Erwartungswert 3,53{,}5. Mit der Linearität gilt:

E(X+Y)=E(X)+E(Y)=3,5+3,5=7.E(X + Y) = E(X) + E(Y) = 3{,}5 + 3{,}5 = 7.

Die erwartete Augensumme ist 77. Das deckt sich mit der Tatsache, dass die 77 in der Verteilung zweier Würfel die häufigste Summe ist.

Aufgabe 10: Bei einem fairen Spiel muss der Erwartungswert der Auszahlung gleich dem Einsatz sein, also E(A)=2,50E(A) = 2{,}50 CHF. Aus den kleineren Gewinnen stammen bereits 0,400{,}40 CHF. Der Jackpot muss also 2,500,40=2,102{,}50 - 0{,}40 = 2{,}10 CHF zum Erwartungswert beitragen. Mit P(Jackpot)=114000000P(\text{Jackpot}) = \dfrac{1}{14\,000\,000} folgt:

J114000000=2,10J \cdot \dfrac{1}{14\,000\,000} = 2{,}10

J=2,1014000000=29400000CHF.J = 2{,}10 \cdot 14\,000\,000 = 29\,400\,000 \, \text{CHF}.

Der Jackpot müsste also bei rund 29,429{,}4 Millionen CHF liegen, damit das Spiel mathematisch fair wäre. In der Praxis bleiben Lottospiele selbst bei sehr hohen Jackpots meist nachteilig, weil Steuern und Verwaltungskosten zusätzlich anfallen.

Quellen