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Wahrscheinlichkeitsrechnung

Ein Zufallsexperiment ist ein Vorgang, dessen Ergebnis im Voraus nicht feststeht, aber dessen möglichen Ergebnisse man kennt: Würfeln (Ergebnisse 1,2,3,4,5,61, 2, 3, 4, 5, 6), Münzwurf (Kopf oder Zahl), eine Karte aus einem Stapel ziehen.

Jedem Ergebnis ordnet man eine Wahrscheinlichkeit PP zwischen 00 (unmöglich) und 11 (sicher) zu. Die Wahrscheinlichkeiten aller möglichen Ergebnisse zusammen sind immer 11.

Wenn alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich sind, heisst das Experiment Laplace-Experiment. Dann gilt die einfache Formel:

P(E)=Anzahl gu¨nstiger ErgebnisseAnzahl mo¨glicher ErgebnisseP(E) = \frac{\text{Anzahl günstiger Ergebnisse}}{\text{Anzahl möglicher Ergebnisse}}

Ein Würfelwurf ist Laplace: jede der sechs Zahlen hat Wahrscheinlichkeit 16\tfrac{1}{6}. Die Wahrscheinlichkeit, eine gerade Zahl zu werfen, ist 36=12\tfrac{3}{6} = \tfrac{1}{2}.

Spannend wird es bei mehrstufigen Experimenten — zum Beispiel zweimal würfeln, oder nacheinander mehrere Kugeln aus einer Urne ziehen. Hier hilft das Baumdiagramm: Jede Stufe wird als Verzweigung dargestellt, und entlang eines Pfades werden die Wahrscheinlichkeiten multipliziert (Produktregel). Mehrere Pfade, die dasselbe Ereignis liefern, werden addiert (Summenregel).

Für dieses Kapitel brauchst du wenig neues Vorwissen, aber sicheres Fundament:

  • Brüche — jede Wahrscheinlichkeit ist ein Bruch oder eine Dezimalzahl,
  • Dezimalzahlen und Prozente — Wahrscheinlichkeiten werden oft in %\% angegeben,
  • Grundkenntnisse in Kombinatorik (Zählen) — die Anzahl der möglichen Ergebnisse ist meistens das Schwierigste.

Ein paar Würfel und eine Münze sind für dieses Kapitel die besten Werkzeuge.

Neun Lektionen, die die Grundlagen der Stochastik legen:

  1. Zufallsexperimente — was ein Zufallsexperiment ist, und wie man die Ergebnismenge beschreibt.
  2. Wahrscheinlichkeit — die Definition, der Bereich [0,1][0, 1], und die ersten Beispiele.
  3. Wahrscheinlichkeitsskala — wie man Wahrscheinlichkeiten einordnet und mit %,12,0,5\%, \tfrac{1}{2}, 0{,}5 flexibel umgeht.
  4. Laplace-Experimente — die einfache Formel P(E)=gu¨nstigmo¨glichP(E) = \tfrac{\text{günstig}}{\text{möglich}}.
  5. Ergebnisse zählen — systematisches Aufzählen: Tabellen, Baumdiagramme, Abzählprinzipien.
  6. Wahrscheinlichkeit zweier Ereignisse — UND vs. ODER: das Produkt für unabhängige Ereignisse, die Summe für disjunkte.
  7. Summenregel — für Ereignisse, die sich ausschliessen: P(A oder B)=P(A)+P(B)P(A \text{ oder } B) = P(A) + P(B).
  8. Mehrstufige Zufallsexperimente — wenn ein Experiment mehrere Stufen hat (z. B. mehrfach würfeln).
  9. Baumdiagramme — die grafische Standardmethode für mehrstufige Experimente, mit Pfadregel (Multiplikation entlang eines Pfades, Addition über Pfade).
  • Zufallsexperiment — Vorgang mit unsicherem Ausgang, aber bekannter Ergebnismenge.
  • Ergebnis — ein einzelner möglicher Ausgang (z. B. "33" beim Würfeln).
  • Ereignis — eine Teilmenge der Ergebnisse (z. B. “gerade Zahl” = {2,4,6}\{2, 4, 6\}).
  • Wahrscheinlichkeit (PP) — Zahl zwischen 00 und 11; P=0P = 0 unmöglich, P=1P = 1 sicher.
  • Laplace-Experiment — alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich.
  • Baumdiagramm — grafische Darstellung eines mehrstufigen Experiments.
  • Pfadregel — entlang eines Pfades Wahrscheinlichkeiten multiplizieren, über Pfade addieren.
  1. “Nach fünfmal Kopf kommt jetzt bestimmt Zahl.” Nein. Eine faire Münze hat kein Gedächtnis. Die Wahrscheinlichkeit für Zahl im sechsten Wurf ist weiterhin 12\tfrac{1}{2} — egal, was davor passiert ist. Dieser Fehler heisst “Gambler’s Fallacy”.
  2. “Es gibt zwei Ergebnisse: Lotto gewinnen oder nicht. Also ist die Chance 50%50\,\%.” Falsch. Für Laplace müssen alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich sein — bei Lotto aber ist das eine Ergebnis “gewinnen” sehr viel unwahrscheinlicher als “nicht gewinnen”. Du musst die Ergebnisse auf der richtigen Ebene zählen.
  3. P(A und B)=P(A)+P(B)P(A \text{ und } B) = P(A) + P(B).” Nur für disjunkte Ereignisse gilt die Summenregel — und auch dann nur für “oder”. Für “und” bei unabhängigen Ereignissen gilt die Produktregel: P(A und B)=P(A)P(B)P(A \text{ und } B) = P(A) \cdot P(B).

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung gehört zu MA.3 – Grössen, Funktionen, Daten, 3. Zyklus:

  • MA.3.D.1 – Zufallsexperimente durchführen, auswerten und interpretieren.
  • MA.3.D.2 – Wahrscheinlichkeiten bei Laplace-Experimenten berechnen.
  • MA.3.C.4 – Mehrstufige Experimente mit Baumdiagrammen darstellen und auswerten.

Einfache Zufallsexperimente und die Laplace-Formel gelten als Grundanspruch. Mehrstufige Baumdiagramme und die Pfadregel gehören zur Erweiterung und werden in der 9. Klasse und auf der Oberstufe vertieft.

Quellen