Die Winkelhalbierende verstehen und konstruieren
Weiterführend:
- Zur Kapitelübersicht „Geometrie”
- Vorwissen: Winkel an Geraden
- Verwandt: Die Mittelsenkrechte verstehen und konstruieren
- Als Nächstes: Zusammenhänge im Dreieck
Lehrplan 21
MA.2.C.2.hGrundanspruchSenkrechte, Winkelhalbierende und Mittelsenkrechte mit Geodreieck zeichnen; Winkelhalbierende, Mittelsenkrechte und gleichseitiges Dreieck mit Zirkel und Lineal konstruieren; am Computer Figuren zeichnenMA.2.A.1.iBegriffe Seitenhalbierende, Winkelhalbierende, Höhe, Lot, Grundlinie, Grundfläche, Mittelsenkrechte, Schenkel, Netz, Umkreis, Inkreis, Viereck, Vieleck, Rhombus, Parallelogramm, Drachenviereck, Trapez, gleichschenklig/gleichseitig, Punktspiegelung, Drehung, Originalpunkt, Bildpunkt, kongruent, Koordinatensystem, 2D, 3D; geometrische Objekte korrekt beschriften
Quelle: Aargauer Lehrplan Volksschule, Fachbereich Mathematik (August 2022)
Eine kleine Zeitreise
Abschnitt betitelt „Eine kleine Zeitreise“Die Winkelhalbierende ist älter, als du vielleicht denkst. Schon die Baumeister im alten Ägypten mussten Winkel präzise teilen. Ohne Winkelhalbierende wäre der symmetrische Bau von Pyramiden, Tempeln und Tragwerken kaum möglich gewesen. Die Ägypter nutzten gespannte Seile, sogenannte Harpedonapten-Seile, um Winkel gleichmässig aufzuteilen.
Die systematische Konstruktion mit Zirkel und Lineal geht aber auf die Griechen zurück. Vor rund 2300 Jahren schrieb Euklid von Alexandria sein Werk „Elemente”. Darin erklärt er im ersten Buch in Satz 9, wie man einen Winkel exakt halbiert. Seine Methode unterscheidet sich bis heute kaum von der, die du im Unterricht lernst.
Euklid stellte eine strenge Regel auf: Jede geometrische Konstruktion darf nur mit zwei Werkzeugen erfolgen. Dem Zirkel zum Zeichnen von Kreisen und dem Lineal zum Ziehen gerader Linien. Längen messen war verboten. Diese Einschränkung klingt streng, führte aber zu wunderschönen, nachvollziehbaren Konstruktionen.
Im arabischen Mittelalter griffen Gelehrte wie al-Chwarizmi und Thabit ibn Qurra die Arbeiten Euklids auf. Sie verfeinerten die Konstruktionen und trugen das Wissen weiter. Über Spanien und Italien kam es im 12. Jahrhundert zurück nach Europa.
Renaissance-Maler wie Albrecht Dürer nutzten die Winkelhalbierende für die Perspektive in Bildern. Dürer verfasste 1525 eine eigene Schrift über geometrische Konstruktionen. Er wollte Handwerkern und Künstlern mathematisch saubere Methoden an die Hand geben.
Heute brauchst du die Winkelhalbierende nicht nur im Mathematikunterricht. Sie steckt in GPS-Systemen, in der Computergrafik und in der Architektur. Jedes Mal, wenn ein Roboter seinen Weg zwischen Hindernissen berechnet, nutzt er im Hintergrund genau diese Idee: Wo ist der Ort mit gleichem Abstand zu zwei Grenzen? Die Antwort liefert die Winkelhalbierende.
Die Grundlagen
Abschnitt betitelt „Die Grundlagen“Bevor du konstruierst, musst du die Bausteine kennen. Ein Winkel entsteht, wenn zwei Halbgeraden von einem gemeinsamen Punkt ausgehen. Dieser Punkt heisst Scheitelpunkt . Die beiden Halbgeraden heissen Schenkel. Man bezeichnet sie oft mit Buchstaben wie und .
Die Grösse eines Winkels misst du in Grad. Ein rechter Winkel hat , ein gestreckter Winkel , ein voller Umlauf . Winkel unter heissen spitz, Winkel zwischen und stumpf.
Die Ecke eines Zimmers ist ein Winkel. Die beiden Wände sind die Schenkel. Der Punkt, an dem sie sich treffen, ist der Scheitelpunkt. Die Linie, auf der du dich zwischen den Wänden genau mittig aufstellen musst, heisst Winkelhalbierende.
Das Symbol bedeutet: der kürzeste Abstand vom Punkt zur Geraden durch . Dieser kürzeste Abstand ist immer senkrecht zur Geraden. Stell dir vor, du fällst von ein Lot auf den Schenkel. Die Länge dieses Lots ist der Abstand.
Die Winkelhalbierende liegt symmetrisch zwischen den beiden Schenkeln. Wenn du das Papier entlang der Winkelhalbierenden faltest, liegen die beiden Schenkel genau aufeinander. Diese Faltsymmetrie erklärt, warum die Abstände gleich sind.
Die Kernmethode
Abschnitt betitelt „Die Kernmethode“Mit Zirkel und Lineal kannst du die Winkelhalbierende exakt zeichnen. Du brauchst kein Geodreieck zum Messen. Die Konstruktion nutzt die Symmetrie-Eigenschaft und funktioniert für jeden beliebigen Winkel.
Warum funktioniert das? Die Punkte und haben denselben Abstand zu , weil du beide mit derselben Zirkelöffnung gezeichnet hast. Der Punkt hat denselben Abstand zu und zu , ebenfalls wegen gleicher Zirkelöffnung.
Damit liegt auf der Mittelsenkrechten der Strecke . Diese Mittelsenkrechte verläuft auch durch den Scheitelpunkt . Die Verbindungslinie ist also die gesuchte Winkelhalbierende.
Die Konstruktion funktioniert immer, egal ob der Winkel spitz, recht oder stumpf ist. Du musst nur achtsam mit der Zirkelöffnung arbeiten.
Beispiel 1: Winkelgrösse berechnen
Abschnitt betitelt „Beispiel 1: Winkelgrösse berechnen“Ein Winkel beträgt . Die Winkelhalbierende teilt ihn in zwei Teilwinkel.
Aufgabe: Wie gross sind die Teilwinkel?
Lösung:
Die Winkelhalbierende teilt den Winkel in zwei gleiche Hälften. Du musst den Winkel also nur durch zwei teilen:
Jeder Teilwinkel beträgt .
Probe: Zur Sicherheit kannst du die beiden Teilwinkel addieren. . Das Ergebnis stimmt mit dem ursprünglichen Winkel überein.
Beispiel 2: Gesamtwinkel rückwärts bestimmen
Abschnitt betitelt „Beispiel 2: Gesamtwinkel rückwärts bestimmen“Die Winkelhalbierende eines Winkels erzeugt zwei Teilwinkel. Einer davon beträgt .
Aufgabe: Wie gross ist der ursprüngliche Gesamtwinkel?
Lösung:
Beide Teilwinkel sind gleich gross, weil die Winkelhalbierende genau durch die Mitte läuft. Der Gesamtwinkel ist die Summe der beiden Teilwinkel:
Alternativ kannst du den Gesamtwinkel auch als das Doppelte eines Teilwinkels berechnen:
Merkregel: Kennst du einen Teilwinkel, verdoppelst du ihn. Kennst du den Gesamtwinkel, halbierst du ihn.
Die häufigsten Stolpersteine
Abschnitt betitelt „Die häufigsten Stolpersteine“Bei der Winkelhalbierenden passieren typische Fehler. Wenn du sie kennst, vermeidest du sie.
Beispiel 3: Gleichschenkliges Dreieck
Abschnitt betitelt „Beispiel 3: Gleichschenkliges Dreieck“Im gleichschenkligen Dreieck sind die Schenkel und gleich lang. Der Winkel bei beträgt . Die Winkelhalbierende des Winkels bei trifft die Basis im Punkt .
Aufgabe: Wie gross ist der Winkel ? Und welche besondere Rolle spielt die Winkelhalbierende hier?
Lösung:
Die Winkelhalbierende teilt den Winkel bei in zwei gleiche Teile:
Der Winkel beträgt .
Zusatzinfo: Im gleichschenkligen Dreieck ist die Winkelhalbierende vom Scheitel zur Basis etwas ganz Besonderes. Sie ist gleichzeitig die Mittelsenkrechte der Basis und die Höhe des Dreiecks. Sie steht also senkrecht auf und halbiert die Basis. Drei Linien in einer! Diese Besonderheit gilt nur im gleichschenkligen Dreieck.
Beispiel 4: Abstand zu den Schenkeln
Abschnitt betitelt „Beispiel 4: Abstand zu den Schenkeln“Ein Winkel misst . Auf der Winkelhalbierenden liegt ein Punkt . Du misst den senkrechten Abstand von zum Schenkel . Er beträgt .
Aufgabe: Wie gross ist der senkrechte Abstand von zum Schenkel ?
Lösung:
Die besondere Eigenschaft der Winkelhalbierenden sagt: Jeder Punkt auf ihr hat den gleichen senkrechten Abstand zu beiden Schenkeln. Also gilt:
Der Abstand zu beträgt ebenfalls .
Beachte: Die Grösse des Winkels spielt für diese Gleichheit keine Rolle. Egal ob oder : Auf der Winkelhalbierenden sind die Abstände immer gleich. Der Winkel bestimmt nur, wie „schnell” die Abstände mit wachsender Entfernung von grösser werden.
Vertiefung
Abschnitt betitelt „Vertiefung“Die Winkelhalbierende zeigt ihre wahre Stärke im Dreieck. In jedem Dreieck gibt es drei Winkel. Zu jedem Winkel gehört eine Winkelhalbierende. Diese drei Winkelhalbierenden haben eine erstaunliche Eigenschaft: Sie schneiden sich alle in einem Punkt.
Warum treffen sich alle drei Winkelhalbierenden in einem Punkt? Die Begründung folgt aus der Abstandseigenschaft. Nimm zwei Winkelhalbierende, zum Beispiel die zu den Ecken und . Sie schneiden sich in einem Punkt .
Weil auf der Winkelhalbierenden bei liegt, hat den gleichen Abstand zu den beiden Seiten, die von ausgehen. Weil auch auf der Winkelhalbierenden bei liegt, hat den gleichen Abstand zu den beiden Seiten, die von ausgehen.
Daraus folgt: hat zu allen drei Seiten denselben Abstand. Damit liegt auch auf der dritten Winkelhalbierenden, nämlich der bei . Alle drei Winkelhalbierenden laufen also durch denselben Punkt.
Der Abstand von zu jeder Seite ist zugleich der Radius des Inkreises. Dieser Kreis berührt jede Seite des Dreiecks genau einmal. Er passt perfekt in das Dreieck.
Die Winkelhalbierende hat noch eine weitere, überraschende Eigenschaft: Sie teilt die gegenüberliegende Seite im Verhältnis der beiden anliegenden Seiten. Diese Aussage heisst Winkelhalbierendensatz und wirst du später in höheren Klassen beweisen.
Beispiel 5: Inkreis eines Dreiecks
Abschnitt betitelt „Beispiel 5: Inkreis eines Dreiecks“Ein Dreieck hat die Winkel bei , bei und bei .
Aufgabe: Bestimme den Winkel, mit dem die Winkelhalbierende des Winkels bei in das Dreieck eindringt. Wie gross ist der Winkel zwischen der Winkelhalbierenden und der Seite ?
Lösung:
Die Winkelhalbierende bei teilt den Winkel in zwei gleiche Hälften:
Der Winkel zwischen der Winkelhalbierenden und der Seite beträgt .
Probe der Winkelsumme im Dreieck:
Die Winkelsumme stimmt. Das Dreieck ist korrekt beschrieben. Wenn du nun auch die Winkelhalbierenden bei und zeichnest, schneiden sich alle drei in einem Punkt – dem Inkreismittelpunkt.
Übungen
Abschnitt betitelt „Übungen“Bearbeite die folgenden Aufgaben. Die Schwierigkeit steigt von oben nach unten.
Aufgabe 1: Ein Winkel beträgt . Wie gross ist jeder Teilwinkel, wenn du die Winkelhalbierende zeichnest?
Aufgabe 2: Die Winkelhalbierende eines Winkels erzeugt zwei Teilwinkel von je . Wie gross ist der ursprüngliche Winkel?
Aufgabe 3: Ein Winkel misst . Wie gross sind die Teilwinkel nach dem Zeichnen der Winkelhalbierenden?
Aufgabe 4: Ein Winkel beträgt . Wie gross ist jeder Teilwinkel?
Aufgabe 5: Zeichne einen Winkel von auf Papier. Konstruiere mit Zirkel und Lineal die Winkelhalbierende. Miss am Schluss beide Teilwinkel. Sind sie gleich gross?
Aufgabe 6: Ein Punkt liegt auf der Winkelhalbierenden eines -Winkels. Der senkrechte Abstand von zum einen Schenkel beträgt . Wie gross ist der Abstand zum anderen Schenkel?
Aufgabe 7: In einem gleichschenkligen Dreieck ist der Winkel an der Spitze . Wie gross ist der Winkel zwischen der Winkelhalbierenden dieses Spitzenwinkels und einem Schenkel des Dreiecks?
Aufgabe 8: Ein Winkel misst . Die Winkelhalbierende wird gezeichnet. Auf ihr liegt ein Punkt , der vom Scheitelpunkt entfernt ist. Bestimme den Winkel .
Aufgabe 9: In einem Dreieck hat die Ecke einen Winkel von , die Ecke einen Winkel von . Wie gross ist die Winkelhalbierende bei Ecke , also halber Winkel ?
Aufgabe 10: Die Winkelhalbierende eines Winkels wird gezeichnet. Der ursprüngliche Winkel ist um grösser als einer seiner Teilwinkel. Wie gross ist der ursprüngliche Winkel?
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“Die Winkelhalbierende teilt einen Winkel in zwei gleich grosse Hälften. Sie verläuft vom Scheitelpunkt aus genau durch die Mitte und liegt symmetrisch zwischen den beiden Schenkeln.
Jeder Punkt auf der Winkelhalbierenden hat den gleichen senkrechten Abstand zu beiden Schenkeln. Diese Eigenschaft ist die Grundlage der klassischen Konstruktion mit Zirkel und Lineal.
Die Konstruktion nutzt drei Kreisbögen: einen um den Scheitelpunkt, zwei weitere mit gleicher Öffnung um die Schnittpunkte mit den Schenkeln. Die Verbindung des Scheitelpunkts mit dem Schnittpunkt dieser beiden Bögen ergibt die Winkelhalbierende.
Im Dreieck schneiden sich alle drei Winkelhalbierenden in einem einzigen Punkt, dem Inkreismittelpunkt. Von dort hast du zu jeder Seite denselben Abstand – das ist der Radius des Inkreises.
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Ausblick
Abschnitt betitelt „Ausblick“Die Winkelhalbierende ist der Schlüssel zum Inkreis. In der nächsten Lektion lernst du die Mittelsenkrechte genauer kennen. Sie funktioniert ähnlich, bezieht sich aber auf Strecken statt auf Winkel. Mit ihr konstruierst du den Umkreis eines Dreiecks.
Später triffst du die Winkelhalbierende wieder beim Winkelhalbierendensatz und bei Konstruktionen mit Tangenten an Kreise. In der Trigonometrie hilft sie, Winkelbeziehungen eleganter zu beweisen. Und im Alltag steckt sie überall dort, wo Symmetrie gefragt ist.
Lösungen
Abschnitt betitelt „Lösungen“Aufgabe 1: Die Winkelhalbierende halbiert den Winkel. Du rechnest . Jeder Teilwinkel beträgt .
Aufgabe 2: Beide Teilwinkel sind gleich gross, denn die Winkelhalbierende teilt genau in der Mitte. Der ursprüngliche Winkel ist die Summe oder das Doppelte: . Der ursprüngliche Winkel misst .
Aufgabe 3: Ein Winkel von ist ein rechter Winkel. Die Winkelhalbierende teilt ihn in zwei gleich grosse Hälften: . Jeder Teilwinkel beträgt . Das ist ein sogenannter halber rechter Winkel.
Aufgabe 4: Die Winkelhalbierende halbiert den stumpfen Winkel: . Jeder Teilwinkel beträgt . Beide Teilwinkel sind spitz, obwohl der ursprüngliche Winkel stumpf war.
Aufgabe 5: Zeichne den Winkel mit dem Geodreieck. Setze dann den Zirkel in den Scheitelpunkt und ziehe einen Bogen, der beide Schenkel schneidet. Setze mit gleicher Öffnung in beiden Schnittpunkten ein und zeichne zwei weitere Bögen, die sich im Inneren schneiden. Verbinde den Schnittpunkt mit dem Scheitelpunkt. Misst du beide Teilwinkel, ergibt jeder . Die Teilwinkel sind also gleich gross – die Konstruktion funktioniert.
Aufgabe 6: Nach der besonderen Eigenschaft der Winkelhalbierenden ist der Abstand zu beiden Schenkeln gleich: . Der Abstand zum anderen Schenkel beträgt .
Aufgabe 7: Im gleichschenkligen Dreieck teilt die Winkelhalbierende des Spitzenwinkels diesen in zwei gleiche Hälften: . Der Winkel zwischen der Winkelhalbierenden und einem Schenkel des Dreiecks beträgt .
Aufgabe 8: Der Punkt liegt auf der Winkelhalbierenden. Die Winkelhalbierende teilt den Winkel in zwei gleiche Hälften. Also gilt:
Der Winkel beträgt . Der Abstand von zum Scheitelpunkt spielt keine Rolle für die Winkelgrösse.
Aufgabe 9: Zuerst berechnest du den Winkel bei der Ecke . Die Winkelsumme im Dreieck beträgt :
Die Winkelhalbierende halbiert :
Der halbe Winkel beträgt .
Aufgabe 10: Sei der ursprüngliche Winkel und ein Teilwinkel. Dann gilt und . Aus der zweiten Gleichung folgt . Eingesetzt in die erste Gleichung:
Auflösen nach :
Der ursprüngliche Winkel beträgt . Prüfung: Der Teilwinkel ist , und . Passt.
Quellen
- Lehrplan 21 — Mathematik — Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK)
- Lehrplan Volksschule Aargau — Mathematik — Kanton Aargau, Departement Bildung, Kultur und Sport