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Zufallsgrösse und Wahrscheinlichkeitsverteilung einfach erklärt: Dein Leitfaden für die Stochastik

Stell dir vor, du spielst mit deinen Freunden ein Würfelspiel um Süssigkeiten. Bei einer 1 oder 2 verlierst du zwei Bonbons, bei einer 3, 4 oder 5 passiert nichts, und bei einer 6 gewinnst du fünf Bonbons. Bevor du mitspielst, möchtest du wissen: Lohnt sich das Spiel für dich auf lange Sicht? Wirst du am Ende mehr Bonbons haben oder weniger? Um solche Fragen zu beantworten, brauchst du ein mächtiges Werkzeug aus der Stochastik: die Zufallsgrösse und ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung. Mit diesen Konzepten kannst du den Zufall zähmen und vorhersagen, was im Durchschnitt passieren wird.

Kehren wir zum Bonbon-Spiel zurück. Was genau interessiert dich? Nicht die Augenzahl selbst, sondern was sie für deinen Bonbon-Vorrat bedeutet. Du übersetzt also das zufällige Ergebnis (die Augenzahl) in eine Zahl, die dich wirklich interessiert (Gewinn oder Verlust an Bonbons).

Genau das macht eine Zufallsgrösse: Sie ordnet jedem Ergebnis eines Zufallsexperiments eine Zahl zu.

Lass uns das Spiel in einer Tabelle festhalten:

Augenzahl123456
Gewinn (in Bonbons)2-22-2000000+5+5

Die Zufallsgrösse XX beschreibt hier deinen Gewinn pro Wurf. Sie kann die Werte 2-2, 00 oder +5+5 annehmen.

Eine Zufallsgrösse ist also nichts anderes als eine Funktion. Sie nimmt ein zufälliges Ereignis und macht daraus eine Zahl. Diese Zahl nennt man den Wert der Zufallsgrösse.

In der Mathematik verwenden wir für Zufallsgrössen meistens Grossbuchstaben wie XX, YY oder ZZ. Die konkreten Werte, die sie annehmen kann, schreiben wir oft als x1,x2,x3,x_1, x_2, x_3, \ldots

Beim Bonbon-Spiel hat die Zufallsgrösse XX drei mögliche Werte:

  • x1=2x_1 = -2 (Verlust von 2 Bonbons)
  • x2=0x_2 = 0 (kein Gewinn, kein Verlust)
  • x3=+5x_3 = +5 (Gewinn von 5 Bonbons)
DEFINITION

Eine Zufallsgrösse XX ist eine Grösse, deren Wert vom Zufall abhängt. Sie ordnet jedem Ergebnis eines Zufallsexperiments genau eine reelle Zahl zu. Die möglichen Werte einer Zufallsgrösse bezeichnet man als ihre Ausprägungen.

Du weisst jetzt, welche Werte die Zufallsgrösse annehmen kann. Aber wie wahrscheinlich ist jeder einzelne Wert? Das beschreibt die Wahrscheinlichkeitsverteilung.

Für das Bonbon-Spiel überlegst du:

  • Verlust von 2 Bonbons tritt bei Augenzahl 1 oder 2 ein. Das sind 2 von 6 Möglichkeiten.
  • Kein Gewinn/Verlust tritt bei Augenzahl 3, 4 oder 5 ein. Das sind 3 von 6 Möglichkeiten.
  • Gewinn von 5 Bonbons tritt nur bei Augenzahl 6 ein. Das ist 1 von 6 Möglichkeiten.

Die Wahrscheinlichkeitsverteilung schreibst du so:

P(X=2)=26=13P(X = -2) = \frac{2}{6} = \frac{1}{3} P(X=0)=36=12P(X = 0) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2} P(X=5)=16P(X = 5) = \frac{1}{6}

Diese Verteilung stellst du übersichtlich in einer Tabelle dar:

xix_i2-20055
P(X=xi)P(X = x_i)13\frac{1}{3}12\frac{1}{2}16\frac{1}{6}

Das ist die vollständige Wahrscheinlichkeitsverteilung der Zufallsgrösse XX.

DEFINITION

Die Wahrscheinlichkeitsverteilung einer Zufallsgrösse XX gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit jeder mögliche Wert xix_i angenommen wird. Sie ordnet jedem Wert xix_i seine Wahrscheinlichkeit P(X=xi)P(X = x_i) zu. Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten muss immer 1 ergeben.

So gehst du bei jeder Aufgabe vor:

  1. Zufallsexperiment identifizieren: Was wird zufällig durchgeführt? (z.B. Würfeln, Münzwurf, Ziehen aus einer Urne)

  2. Zufallsgrösse definieren: Was genau misst du? Gib der Zufallsgrösse einen Namen (meist XX) und beschreibe sie in Worten.

  3. Alle möglichen Werte auflisten: Welche Zahlen kann die Zufallsgrösse annehmen? Liste alle Werte x1,x2,x_1, x_2, \ldots auf.

  4. Wahrscheinlichkeiten berechnen: Bestimme für jeden Wert die zugehörige Wahrscheinlichkeit P(X=xi)P(X = x_i).

  5. Kontrollieren: Addiere alle Wahrscheinlichkeiten. Die Summe muss genau 1 ergeben.

Die Kontrollrechnung für das Bonbon-Spiel:

13+12+16=26+36+16=66=1\frac{1}{3} + \frac{1}{2} + \frac{1}{6} = \frac{2}{6} + \frac{3}{6} + \frac{1}{6} = \frac{6}{6} = 1 \checkmark

Fehler 1: Ergebnisse und Werte verwechseln Die Augenzahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6 sind die Ergebnisse des Würfelwurfs. Die Werte der Zufallsgrösse sind 2-2, 00 und 55. Achte darauf, was genau die Zufallsgrösse misst.

Fehler 2: Wahrscheinlichkeiten falsch zuordnen Wenn mehrere Ergebnisse zum selben Wert führen (z.B. Augenzahl 1 und 2 beide zu Gewinn 2-2), musst du die Wahrscheinlichkeiten addieren. Der Wert 2-2 hat die Wahrscheinlichkeit 16+16=26\frac{1}{6} + \frac{1}{6} = \frac{2}{6}, nicht nur 16\frac{1}{6}.

Fehler 3: Die Summenprobe vergessen Alle Wahrscheinlichkeiten müssen zusammen genau 1 ergeben. Wenn deine Summe nicht 1 ist, hast du einen Fehler gemacht. Kontrolliere immer am Schluss.

Beispiel 1: Zweimaliges Münzwerfen

Du wirfst eine faire Münze zweimal. Die Zufallsgrösse XX zählt, wie oft Kopf erscheint.

Schritt 1: Zufallsexperiment ist zweimaliges Werfen einer Münze.

Schritt 2: XX = Anzahl der Köpfe bei zwei Würfen.

Schritt 3: Mögliche Werte: x1=0x_1 = 0, x2=1x_2 = 1, x3=2x_3 = 2

Schritt 4: Alle möglichen Ergebnisse beim zweimaligen Münzwurf sind:

  • Kopf-Kopf (KK): X=2X = 2
  • Kopf-Zahl (KZ): X=1X = 1
  • Zahl-Kopf (ZK): X=1X = 1
  • Zahl-Zahl (ZZ): X=0X = 0

Jedes Ergebnis hat die Wahrscheinlichkeit 14\frac{1}{4}.

P(X=0)=14P(X = 0) = \frac{1}{4}P(X=1)=24=12P(X = 1) = \frac{2}{4} = \frac{1}{2}P(X=2)=14P(X = 2) = \frac{1}{4}

Wahrscheinlichkeitsverteilung:

xix_i001122
P(X=xi)P(X = x_i)14\frac{1}{4}12\frac{1}{2}14\frac{1}{4}

Kontrolle: 14+12+14=1\frac{1}{4} + \frac{1}{2} + \frac{1}{4} = 1

Beispiel 2: Glücksrad mit Geldgewinnen

Ein Glücksrad hat 8 gleich grosse Felder. Auf 4 Feldern steht “0 CHF”, auf 3 Feldern “10 CHF” und auf 1 Feld “50 CHF”. Die Zufallsgrösse XX beschreibt den Gewinn in CHF.

Schritt 1: Zufallsexperiment ist das Drehen des Glücksrads.

Schritt 2: XX = Gewinn in CHF.

Schritt 3: Mögliche Werte: x1=0x_1 = 0, x2=10x_2 = 10, x3=50x_3 = 50

Schritt 4:

P(X=0)=48=12P(X = 0) = \frac{4}{8} = \frac{1}{2}P(X=10)=38P(X = 10) = \frac{3}{8}P(X=50)=18P(X = 50) = \frac{1}{8}

Wahrscheinlichkeitsverteilung:

xix_i0010105050
P(X=xi)P(X = x_i)12\frac{1}{2}38\frac{3}{8}18\frac{1}{8}

Kontrolle: 12+38+18=48+38+18=88=1\frac{1}{2} + \frac{3}{8} + \frac{1}{8} = \frac{4}{8} + \frac{3}{8} + \frac{1}{8} = \frac{8}{8} = 1

Beispiel 3: Ziehen aus einer Urne

In einer Urne liegen 3 rote, 2 blaue und 1 grüne Kugel. Du ziehst eine Kugel. Für Rot erhältst du 1 Punkt, für Blau 3 Punkte und für Grün 10 Punkte. Die Zufallsgrösse XX beschreibt deine Punktzahl.

Schritt 1: Zufallsexperiment ist das Ziehen einer Kugel.

Schritt 2: XX = erzielte Punktzahl.

Schritt 3: Mögliche Werte: x1=1x_1 = 1, x2=3x_2 = 3, x3=10x_3 = 10

Schritt 4: Insgesamt liegen 3+2+1=63 + 2 + 1 = 6 Kugeln in der Urne.

P(X=1)=36=12P(X = 1) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2}P(X=3)=26=13P(X = 3) = \frac{2}{6} = \frac{1}{3}P(X=10)=16P(X = 10) = \frac{1}{6}

Wahrscheinlichkeitsverteilung:

xix_i11331010
P(X=xi)P(X = x_i)12\frac{1}{2}13\frac{1}{3}16\frac{1}{6}

Kontrolle: 12+13+16=36+26+16=66=1\frac{1}{2} + \frac{1}{3} + \frac{1}{6} = \frac{3}{6} + \frac{2}{6} + \frac{1}{6} = \frac{6}{6} = 1

Beispiel 4: Würfeln mit zwei Würfeln

Du wirfst zwei faire Würfel gleichzeitig. Die Zufallsgrösse XX beschreibt die Differenz der Augenzahlen (grössere minus kleinere Zahl, also immer 0\geq 0).

Schritt 1: Zufallsexperiment ist das Werfen zweier Würfel.

Schritt 2: XX = Differenz der Augenzahlen (grössere minus kleinere).

Schritt 3: Mögliche Werte: x1=0x_1 = 0, x2=1x_2 = 1, x3=2x_3 = 2, x4=3x_4 = 3, x5=4x_5 = 4, x6=5x_6 = 5

Schritt 4: Es gibt insgesamt 66=366 \cdot 6 = 36 mögliche Würfelergebnisse.

Für X=0X = 0 (beide Würfel zeigen dieselbe Zahl): (1,1),(2,2),(3,3),(4,4),(5,5),(6,6)(1,1), (2,2), (3,3), (4,4), (5,5), (6,6) → 6 Möglichkeiten

Für X=1X = 1 (Differenz 1): (1,2),(2,1),(2,3),(3,2),(3,4),(4,3),(4,5),(5,4),(5,6),(6,5)(1,2), (2,1), (2,3), (3,2), (3,4), (4,3), (4,5), (5,4), (5,6), (6,5) → 10 Möglichkeiten

Für X=2X = 2: (1,3),(3,1),(2,4),(4,2),(3,5),(5,3),(4,6),(6,4)(1,3), (3,1), (2,4), (4,2), (3,5), (5,3), (4,6), (6,4) → 8 Möglichkeiten

Für X=3X = 3: (1,4),(4,1),(2,5),(5,2),(3,6),(6,3)(1,4), (4,1), (2,5), (5,2), (3,6), (6,3) → 6 Möglichkeiten

Für X=4X = 4: (1,5),(5,1),(2,6),(6,2)(1,5), (5,1), (2,6), (6,2) → 4 Möglichkeiten

Für X=5X = 5: (1,6),(6,1)(1,6), (6,1) → 2 Möglichkeiten

Wahrscheinlichkeitsverteilung:

xix_i001122334455
P(X=xi)P(X = x_i)636\frac{6}{36}1036\frac{10}{36}836\frac{8}{36}636\frac{6}{36}436\frac{4}{36}236\frac{2}{36}

Gekürzt:

xix_i001122334455
P(X=xi)P(X = x_i)16\frac{1}{6}518\frac{5}{18}29\frac{2}{9}16\frac{1}{6}19\frac{1}{9}118\frac{1}{18}

Kontrolle: 6+10+8+6+4+2=366 + 10 + 8 + 6 + 4 + 2 = 363636=1\frac{36}{36} = 1

  • Eine Zufallsgrösse XX ordnet jedem Ergebnis eines Zufallsexperiments eine Zahl zu.

  • Die Wahrscheinlichkeitsverteilung gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit jeder Wert der Zufallsgrösse angenommen wird.

  • Führen mehrere Ergebnisse zum selben Wert, werden ihre Wahrscheinlichkeiten addiert.

  • Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten in einer Verteilung muss immer genau 1 ergeben. Nutze dies zur Kontrolle.

❓ Frage: Eine Zufallsgrösse XX kann die Werte 1, 2 und 3 annehmen. Es gilt P(X=1)=0,3P(X = 1) = 0{,}3 und P(X=2)=0,5P(X = 2) = 0{,}5. Wie gross ist P(X=3)P(X = 3)?
Lösung anzeigen

Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten muss 1 ergeben:

P(X=1)+P(X=2)+P(X=3)=1P(X = 1) + P(X = 2) + P(X = 3) = 10,3+0,5+P(X=3)=10{,}3 + 0{,}5 + P(X = 3) = 1P(X=3)=10,8=0,2P(X = 3) = 1 - 0{,}8 = 0{,}2

Die Wahrscheinlichkeit beträgt P(X=3)=0,2P(X = 3) = 0{,}2 oder 20%20\%.

❓ Frage: Du wirfst einen fairen Würfel einmal. Die Zufallsgrösse XX gibt an, ob die Augenzahl gerade (dann X=0X = 0) oder ungerade (dann X=1X = 1) ist. Stelle die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf.
Lösung anzeigen

Gerade Augenzahlen: 2, 4, 6 → 3 von 6 Möglichkeiten Ungerade Augenzahlen: 1, 3, 5 → 3 von 6 Möglichkeiten

P(X=0)=36=12P(X = 0) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2}P(X=1)=36=12P(X = 1) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2}
xix_i0011
P(X=xi)P(X = x_i)12\frac{1}{2}12\frac{1}{2}
❓ Frage: Bei einem Spiel gewinnst du bei einer 6 genau 12 CHF und bei jeder anderen Augenzahl verlierst du 2 CHF. Definiere eine passende Zufallsgrösse und stelle ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung auf.
Lösung anzeigen

Die Zufallsgrösse XX beschreibt den Gewinn in CHF pro Wurf.

Mögliche Werte:

  • x1=2x_1 = -2 (Verlust bei Augenzahl 1, 2, 3, 4, 5)
  • x2=12x_2 = 12 (Gewinn bei Augenzahl 6)

Wahrscheinlichkeiten:

P(X=2)=56P(X = -2) = \frac{5}{6}P(X=12)=16P(X = 12) = \frac{1}{6}
xix_i2-21212
P(X=xi)P(X = x_i)56\frac{5}{6}16\frac{1}{6}

Kontrolle: 56+16=1\frac{5}{6} + \frac{1}{6} = 1

Du kannst jetzt Zufallsgrössen definieren und ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung aufstellen. Der nächste logische Schritt ist die Frage: Was passiert im Durchschnitt? Beim Bonbon-Spiel vom Anfang wolltest du wissen, ob sich das Spiel lohnt. Dafür brauchst du den Erwartungswert. Er berechnet den durchschnittlichen Wert, den eine Zufallsgrösse auf lange Sicht annimmt. Mit dem Erwartungswert kannst du vorhersagen, ob du bei einem Glücksspiel langfristig gewinnst oder verlierst. Auch die Standardabweichung wird wichtig: Sie misst, wie stark die tatsächlichen Werte vom Erwartungswert abweichen. Diese Konzepte bauen direkt auf dem auf, was du heute gelernt hast.