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Vereinfachte Baumdiagramme: So berechnest du Wahrscheinlichkeiten schnell und sicher

Stell dir vor, du wirfst eine Münze zweimal hintereinander. Wie gross ist die Chance, zweimal Kopf zu bekommen? Du könntest jetzt alle möglichen Ergebnisse aufschreiben: Kopf-Kopf, Kopf-Zahl, Zahl-Kopf, Zahl-Zahl. Aber was, wenn du die Münze fünfmal wirfst? Oder wenn du erst einen Würfel wirfst und dann aus einem Beutel eine Kugel ziehst? Die Liste wird schnell unübersichtlich.

Genau hier kommen vereinfachte Baumdiagramme ins Spiel. Sie funktionieren wie eine Landkarte für Zufallsexperimente. Statt dich im Dschungel aller Möglichkeiten zu verlieren, zeigen sie dir den direkten Weg zur gesuchten Wahrscheinlichkeit. In diesem Artikel lernst du, wie du diese mächtigen Werkzeuge selbst zeichnest und damit auch komplexe Aufgaben meisterst.

Kehren wir zum doppelten Münzwurf zurück. Jeder Wurf ist eine “Stufe” des Experiments. Bei jedem Wurf gibt es zwei Möglichkeiten: Kopf (KK) oder Zahl (ZZ). Ein Baumdiagramm macht diese Struktur sichtbar.

Du beginnst links mit einem Startpunkt. Von dort gehen zwei Äste ab – einer für Kopf, einer für Zahl. Das ist die erste Stufe. Von jedem dieser Endpunkte gehen wieder zwei Äste ab – erneut für Kopf und Zahl. Das ist die zweite Stufe.

An jeden Ast schreibst du die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis. Bei einer fairen Münze ist das jeweils 12\frac{1}{2}. Die Endpunkte ganz rechts nennen wir “Pfade”. Jeder Pfad zeigt eine mögliche Abfolge von Ergebnissen.

Die Schönheit des Baumdiagramms liegt darin, dass du die Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades einfach multiplizierst. Willst du die Wahrscheinlichkeit für “zweimal Kopf” (KK-KK) wissen? Du multiplizierst:

P(K und K)=1212=14P(K \text{ und } K) = \frac{1}{2} \cdot \frac{1}{2} = \frac{1}{4}

Die Chance, zweimal hintereinander Kopf zu werfen, beträgt also 14\frac{1}{4} oder 25%.

Um mit Baumdiagrammen zu rechnen, brauchst du nur zwei Regeln. Diese Regeln gelten immer – egal wie kompliziert das Experiment wird.

Willst du die Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten Pfad (eine bestimmte Abfolge von Ereignissen) berechnen? Dann multiplizierst du alle Wahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades.

  1. Verfolge den Pfad vom Start bis zum Ende.
  2. Notiere jede Wahrscheinlichkeit an den Ästen, die du passierst.
  3. Multipliziere alle diese Wahrscheinlichkeiten.
DEFINITION

Die Wahrscheinlichkeit eines Pfades ergibt sich durch Multiplikation aller Einzelwahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades.

P(Pfad)=P(1. Ast)P(2. Ast)P(3. Ast)P(\text{Pfad}) = P(\text{1. Ast}) \cdot P(\text{2. Ast}) \cdot P(\text{3. Ast}) \cdot \ldots

Diese Regel drückt aus, dass mehrere Ereignisse nacheinander eintreten müssen. Das mathematische Wort dafür ist “und”.

Manchmal interessiert dich nicht ein einzelner Pfad, sondern mehrere. Zum Beispiel: “Wie gross ist die Chance, genau einmal Kopf zu werfen?” Das kann auf zwei Wegen passieren: Kopf-Zahl oder Zahl-Kopf.

Wenn mehrere Pfade zum gewünschten Ergebnis führen, addierst du ihre Einzelwahrscheinlichkeiten.

DEFINITION

Führen mehrere Pfade zum gesuchten Ereignis, so addierst du die Wahrscheinlichkeiten dieser Pfade.

P(Ereignis)=P(Pfad1)+P(Pfad2)+P(Pfad3)+P(\text{Ereignis}) = P(\text{Pfad}_1) + P(\text{Pfad}_2) + P(\text{Pfad}_3) + \ldots

Diese Regel drückt aus, dass eines von mehreren Szenarien eintreten kann. Das mathematische Wort dafür ist “oder”.

Für “genau einmal Kopf” bei zwei Würfen:

P(genau ein K)=P(K-Z)+P(Z-K)=14+14=12P(\text{genau ein } K) = P(K\text{-}Z) + P(Z\text{-}K) = \frac{1}{4} + \frac{1}{4} = \frac{1}{2}

Ein vollständiges Baumdiagramm zeigt jeden einzelnen Pfad. Das funktioniert gut bei zwei oder drei Stufen mit wenigen Möglichkeiten pro Stufe. Bei einem dreifachen Münzwurf hast du bereits 8 Pfade. Bei einem fünffachen Münzwurf sind es 32.

Ein vereinfachtes Baumdiagramm konzentriert sich nur auf die Pfade, die dich interessieren. Du zeichnest nicht den ganzen Baum, sondern nur die relevanten Äste. Die restlichen Möglichkeiten fasst du zusammen oder lässt sie weg.

Stell dir vor, du wirfst eine Münze dreimal und willst wissen, wie gross die Chance auf mindestens zwei Köpfe ist. Statt alle 8 Pfade zu zeichnen, konzentrierst du dich auf die günstigen Fälle.

Ein weiterer Aspekt der Vereinfachung: Bei identischen Stufen musst du nicht jede Stufe neu aufzeichnen. Du kannst ein allgemeines Muster erkennen und dieses nutzen.

Fehler 1: Wahrscheinlichkeiten addieren statt multiplizieren

Viele Schüler addieren die Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades. Das ist falsch! Entlang eines Pfades wird immer multipliziert. Addition kommt nur ins Spiel, wenn du mehrere verschiedene Pfade zusammenzählen willst.

Fehler 2: Vergessen, dass sich Wahrscheinlichkeiten ändern können

Bei manchen Experimenten ändert sich die Wahrscheinlichkeit von Stufe zu Stufe. Klassisches Beispiel: Ziehen ohne Zurücklegen. Wenn du aus einem Beutel mit 3 roten und 2 blauen Kugeln eine rote Kugel ziehst und nicht zurücklegst, ändern sich die Verhältnisse für den zweiten Zug.

Fehler 3: Nicht alle günstigen Pfade berücksichtigen

Bei Fragen wie “mindestens ein Treffer” oder “genau zwei Erfolge” gibt es oft mehrere Pfade, die zum Ziel führen. Vergisst du einen Pfad, ist dein Ergebnis zu klein. Tipp: Zähle vor dem Rechnen systematisch alle günstigen Pfade auf.

Beispiel 1: Zweifacher Würfelwurf

Du wirfst einen fairen Würfel zweimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, zuerst eine 6 und dann eine gerade Zahl zu würfeln?

Schritt 1: Wahrscheinlichkeiten bestimmen

Die Wahrscheinlichkeit für eine 6 beträgt P(6)=16P(6) = \frac{1}{6}.

Die geraden Zahlen auf einem Würfel sind 2, 4 und 6. Das sind 3 von 6 möglichen Ergebnissen. Also: P(gerade)=36=12P(\text{gerade}) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2}.

Schritt 2: Baumdiagramm skizzieren

Vom Start geht ein Ast zur 6 (Wahrscheinlichkeit 16\frac{1}{6}). Von der 6 geht ein Ast zu “gerade” (Wahrscheinlichkeit 12\frac{1}{2}).

Schritt 3: Pfadmultiplikation anwenden

P(6 und gerade)=1612=112P(6 \text{ und gerade}) = \frac{1}{6} \cdot \frac{1}{2} = \frac{1}{12}

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 112\frac{1}{12}, also etwa 8,3%.

Beispiel 2: Glücksrad mit zwei Drehungen

Ein Glücksrad hat drei Sektoren: Rot (50%), Blau (30%) und Grün (20%). Du drehst das Rad zweimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal Grün zu erhalten?

Schritt 1: Wahrscheinlichkeiten als Dezimalzahlen

P(R)=0,5P(R) = 0{,}5, P(B)=0,3P(B) = 0{,}3, P(G)=0,2P(G) = 0{,}2

Schritt 2: Günstige Pfade identifizieren

“Mindestens einmal Grün” bedeutet: Grün-Rot, Grün-Blau, Grün-Grün, Rot-Grün oder Blau-Grün. Das sind 5 Pfade.

Schritt 3: Jeden Pfad berechnen

P(G-R)=0,20,5=0,10P(G\text{-}R) = 0{,}2 \cdot 0{,}5 = 0{,}10 P(G-B)=0,20,3=0,06P(G\text{-}B) = 0{,}2 \cdot 0{,}3 = 0{,}06 P(G-G)=0,20,2=0,04P(G\text{-}G) = 0{,}2 \cdot 0{,}2 = 0{,}04 P(R-G)=0,50,2=0,10P(R\text{-}G) = 0{,}5 \cdot 0{,}2 = 0{,}10 P(B-G)=0,30,2=0,06P(B\text{-}G) = 0{,}3 \cdot 0{,}2 = 0{,}06

Schritt 4: Pfadaddition

P(mindestens ein G)=0,10+0,06+0,04+0,10+0,06=0,36P(\text{mindestens ein } G) = 0{,}10 + 0{,}06 + 0{,}04 + 0{,}10 + 0{,}06 = 0{,}36

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 36%.

Alternativweg: Das Gegenereignis nutzen

Manchmal ist es einfacher, das Gegenereignis zu berechnen. “Mindestens einmal Grün” ist das Gegenteil von “kein Grün”.

P(kein G)=P(nicht G)P(nicht G)=0,80,8=0,64P(\text{kein } G) = P(\text{nicht } G) \cdot P(\text{nicht } G) = 0{,}8 \cdot 0{,}8 = 0{,}64 P(mindestens ein G)=10,64=0,36P(\text{mindestens ein } G) = 1 - 0{,}64 = 0{,}36

Beide Wege führen zum gleichen Ergebnis.

Beispiel 3: Ziehen ohne Zurücklegen

In einem Beutel liegen 4 rote und 2 blaue Kugeln. Du ziehst zweimal ohne Zurücklegen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, zwei rote Kugeln zu ziehen?

Schritt 1: Erste Stufe analysieren

Am Anfang sind 6 Kugeln im Beutel. Davon sind 4 rot.

P(1. Kugel rot)=46=23P(\text{1. Kugel rot}) = \frac{4}{6} = \frac{2}{3}

Schritt 2: Zweite Stufe analysieren

Wenn die erste Kugel rot war und nicht zurückgelegt wird, sind noch 5 Kugeln im Beutel. Davon sind 3 rot.

P(2. Kugel rot1. Kugel rot)=35P(\text{2. Kugel rot} \mid \text{1. Kugel rot}) = \frac{3}{5}

Das Symbol "\mid" bedeutet “unter der Bedingung, dass”. Die Wahrscheinlichkeit hat sich verändert!

Schritt 3: Pfadmultiplikation

P(zwei rote)=2335=615=25P(\text{zwei rote}) = \frac{2}{3} \cdot \frac{3}{5} = \frac{6}{15} = \frac{2}{5}

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 25\frac{2}{5} oder 40%.

Beispiel 4: Dreifacher Münzwurf mit vereinfachtem Diagramm

Du wirfst eine faire Münze dreimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, genau zweimal Kopf zu werfen?

Schritt 1: Alle günstigen Pfade auflisten

Bei genau zwei Köpfen kann der “Zahl”-Wurf an drei verschiedenen Stellen auftreten:

  • Pfad 1: KK-KK-ZZ
  • Pfad 2: KK-ZZ-KK
  • Pfad 3: ZZ-KK-KK

Schritt 2: Wahrscheinlichkeit eines einzelnen Pfades

Jeder Pfad hat die gleiche Struktur: zwei Köpfe und eine Zahl. Da P(K)=P(Z)=12P(K) = P(Z) = \frac{1}{2}, gilt für jeden Pfad:

P(ein Pfad)=121212=18P(\text{ein Pfad}) = \frac{1}{2} \cdot \frac{1}{2} \cdot \frac{1}{2} = \frac{1}{8}

Schritt 3: Pfade addieren

Es gibt 3 günstige Pfade mit je 18\frac{1}{8} Wahrscheinlichkeit.

P(genau zwei K)=318=38P(\text{genau zwei } K) = 3 \cdot \frac{1}{8} = \frac{3}{8}

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 38\frac{3}{8} oder 37,5%.

Vereinfachung erkennen

Du hast hier nur die 3 günstigen Pfade betrachtet, nicht alle 8 möglichen. Das ist der Kern eines vereinfachten Baumdiagramms: Konzentriere dich auf das, was zählt.

  • Baumdiagramme visualisieren mehrstufige Zufallsexperimente. Jede Stufe wird durch Verzweigungen dargestellt, an denen die Einzelwahrscheinlichkeiten stehen.

  • Die Pfadmultiplikationsregel: Um die Wahrscheinlichkeit eines Pfades zu berechnen, multiplizierst du alle Wahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades.

  • Die Pfadadditionsregel: Führen mehrere Pfade zum gewünschten Ergebnis, addierst du die Wahrscheinlichkeiten dieser Pfade.

  • Vereinfachte Baumdiagramme zeigen nur die relevanten Pfade. Bei komplexen Experimenten sparst du so Zeit und behältst den Überblick.

  • Achte auf “mit oder ohne Zurücklegen”: Bei Ziehungen ohne Zurücklegen ändern sich die Wahrscheinlichkeiten von Stufe zu Stufe.

❓ Frage: Du wirfst einen fairen Würfel und eine faire Münze. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, eine 3 und Kopf zu erhalten?
Lösung anzeigen

Die Wahrscheinlichkeit für eine 3 beträgt 16\frac{1}{6}. Die Wahrscheinlichkeit für Kopf beträgt 12\frac{1}{2}.

Nach der Pfadmultiplikationsregel:

P(3 und K)=1612=112P(3 \text{ und } K) = \frac{1}{6} \cdot \frac{1}{2} = \frac{1}{12}

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 112\frac{1}{12}.

❓ Frage: In einer Urne liegen 5 weisse und 3 schwarze Kugeln. Du ziehst zweimal mit Zurücklegen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, zweimal eine schwarze Kugel zu ziehen?
Lösung anzeigen

Bei Ziehen mit Zurücklegen bleibt die Zusammensetzung der Urne gleich.

Die Wahrscheinlichkeit für Schwarz beträgt jedes Mal P(S)=38P(S) = \frac{3}{8}.

P(zweimal schwarz)=3838=964P(\text{zweimal schwarz}) = \frac{3}{8} \cdot \frac{3}{8} = \frac{9}{64}

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 964\frac{9}{64}.

❓ Frage: Anna spielt ein Spiel: Sie wirft eine Münze zweimal. Sie gewinnt, wenn mindestens einmal Zahl fällt. Wie gross ist ihre Gewinnwahrscheinlichkeit?
Lösung anzeigen

Methode 1: Günstige Pfade zählen

Günstige Pfade für “mindestens einmal Zahl”: KK-ZZ, ZZ-KK, ZZ-ZZ

P=14+14+14=34P = \frac{1}{4} + \frac{1}{4} + \frac{1}{4} = \frac{3}{4}

Methode 2: Gegenereignis

Das Gegenteil von “mindestens einmal Zahl” ist “kein einziges Mal Zahl”, also KK-KK.

P(K-K)=14P(K\text{-}K) = \frac{1}{4} P(mindestens ein Z)=114=34P(\text{mindestens ein } Z) = 1 - \frac{1}{4} = \frac{3}{4}

Annas Gewinnwahrscheinlichkeit beträgt 34\frac{3}{4} oder 75%.

Du hast jetzt das Werkzeug der vereinfachten Baumdiagramme gemeistert. Damit kannst du viele Wahrscheinlichkeitsprobleme lösen. Doch bei manchen Aufgaben wird selbst das vereinfachte Baumdiagramm unhandlich. Stell dir vor, du wirfst eine Münze zehnmal und sollst die Wahrscheinlichkeit für genau 6 Köpfe berechnen. Das wären sehr viele Pfade!

Im nächsten Thema lernst du die Binomialverteilung kennen. Sie ist eine elegante Formel, die dir erlaubt, solche Berechnungen ohne Baumdiagramm durchzuführen. Die Binomialverteilung baut direkt auf den Pfadregeln auf, die du gerade gelernt hast. Sie ist sozusagen die “Turbo-Version” des vereinfachten Baumdiagramms für Experimente mit nur zwei möglichen Ausgängen pro Stufe (wie Kopf/Zahl oder Treffer/Niete).