Wahrscheinlichkeit einfach erklärt: Grundbegriffe der Stochastik verstehen
Stell dir vor, du spielst mit deinen Freunden ein Brettspiel. Jemand würfelt – und alle starren gebannt auf den Würfel. Wird es eine Sechs? Niemand kann es mit Sicherheit sagen. Aber irgendwie “weisst” du, dass eine Sechs genauso wahrscheinlich ist wie jede andere Zahl. Dieses Bauchgefühl hat einen Namen: Wahrscheinlichkeit.
Oder denk an den Wetterbericht. “Morgen regnet es mit 70% Wahrscheinlichkeit.” Was bedeutet das genau? Regnet es dann 70% des Tages? Nein – es beschreibt, wie sicher sich die Meteorologen sind.
Die Wahrscheinlichkeitsrechnung – auch Stochastik genannt – ist die Mathematik des Zufalls. Sie hilft uns, Unsicherheit zu messen und bessere Entscheidungen zu treffen. In diesem Artikel lernst du die grundlegenden Begriffe kennen, mit denen Mathematiker über Zufall sprechen. Danach wirst du Würfel, Münzen und Glücksräder mit ganz anderen Augen sehen.
Vom Alltag zur Mathematik: Was ist eigentlich Zufall?
Abschnitt betitelt „Vom Alltag zur Mathematik: Was ist eigentlich Zufall?“Bevor wir rechnen können, müssen wir eine gemeinsame Sprache finden. Denn “Zufall” im Alltag ist nicht dasselbe wie “Zufall” in der Mathematik.
Im Alltag sagen wir “zufällig”, wenn etwas unerwartet passiert. Du triffst zufällig einen Freund in der Stadt. Das ist aber kein mathematischer Zufall – es war nur für dich überraschend.
In der Mathematik bedeutet Zufall etwas Präzises: Ein Vorgang ist zufällig, wenn wir das Ergebnis vorher nicht sicher vorhersagen können, obwohl wir den Vorgang beliebig oft wiederholen könnten. Ein Würfelwurf ist zufällig. Das Ergebnis von ist es nicht.
Die Stochastik gibt uns Werkzeuge, um über solche zufälligen Vorgänge systematisch nachzudenken. Dafür brauchen wir zunächst die richtigen Begriffe.
Die Grundbegriffe: Dein Wortschatz für den Zufall
Abschnitt betitelt „Die Grundbegriffe: Dein Wortschatz für den Zufall“Das Zufallsexperiment
Abschnitt betitelt „Das Zufallsexperiment“Ein Zufallsexperiment ist ein Vorgang mit folgenden Eigenschaften:
- Er lässt sich unter gleichen Bedingungen beliebig oft wiederholen.
- Alle möglichen Ausgänge sind vorher bekannt.
- Das tatsächliche Ergebnis lässt sich nicht vorhersagen.
Ein Zufallsexperiment ist ein wiederholbarer Vorgang, dessen mögliche Ausgänge bekannt sind, dessen tatsächliches Ergebnis aber vom Zufall abhängt und nicht vorhergesagt werden kann.
Typische Beispiele für Zufallsexperimente sind:
- Werfen eines Würfels
- Werfen einer Münze
- Ziehen einer Kugel aus einer Urne
- Drehen eines Glücksrads
Kein Zufallsexperiment ist hingegen: das Messen deiner Körpergrösse (das Ergebnis steht fest) oder das Warten auf den Bus (nicht unter gleichen Bedingungen wiederholbar).
Ergebnis und Ergebnismenge
Abschnitt betitelt „Ergebnis und Ergebnismenge“Jeder einzelne mögliche Ausgang eines Zufallsexperiments heisst Ergebnis. Die Menge aller möglichen Ergebnisse heisst Ergebnismenge. Sie wird mit dem griechischen Buchstaben (Omega) bezeichnet.
Ein Ergebnis ist ein einzelner möglicher Ausgang eines Zufallsexperiments. Die Ergebnismenge enthält alle möglichen Ergebnisse. Ein einzelnes Ergebnis wird oft mit bezeichnet.
Beim Würfeln mit einem sechsseitigen Würfel gilt:
Die Ergebnismenge hat hier sechs Elemente. Man sagt: .
Beim Münzwurf gilt:
Hier ist .
Ereignis
Abschnitt betitelt „Ereignis“Ein Ereignis ist eine Teilmenge der Ergebnismenge. Es beschreibt eine Aussage, die nach dem Experiment entweder wahr oder falsch ist.
Ein Ereignis ist eine Teilmenge der Ergebnismenge: . Ein Ereignis tritt ein, wenn das tatsächliche Ergebnis des Zufallsexperiments in enthalten ist: .
Beim Würfeln könntest du folgende Ereignisse betrachten:
- – “Es fällt eine Sechs”
- – “Es fällt eine gerade Zahl”
- – “Es fällt irgendeine Zahl”
- – “Es fällt eine Sieben”
Das Ereignis enthält nur ein Element. Solche Ereignisse heissen Elementarereignisse. Das Ereignis heisst sicheres Ereignis – es tritt immer ein. Das Ereignis (die leere Menge) heisst unmögliches Ereignis – es tritt nie ein.
Besondere Ereignisse und Verknüpfungen
Abschnitt betitelt „Besondere Ereignisse und Verknüpfungen“Ereignisse lassen sich kombinieren, genau wie Mengen:
| Bezeichnung | Schreibweise | Bedeutung |
|---|---|---|
| Gegenereignis | oder | Alle Ergebnisse, die nicht in sind |
| Vereinigung | Mindestens eines der Ereignisse tritt ein | |
| Schnittmenge | Beide Ereignisse treten gleichzeitig ein |
Wenn gilt, heissen die Ereignisse unvereinbar oder disjunkt. Sie können nicht gleichzeitig eintreten.
Die Laplace-Wahrscheinlichkeit: Zählen statt Raten
Abschnitt betitelt „Die Laplace-Wahrscheinlichkeit: Zählen statt Raten“Jetzt kommt der entscheidende Schritt: Wie messen wir, wie “wahrscheinlich” ein Ereignis ist?
Der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace entwickelte im 18. Jahrhundert einen eleganten Ansatz. Er funktioniert bei Zufallsexperimenten, bei denen alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich sind.
Bei einem Laplace-Experiment sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses berechnet sich dann als:
Dabei bezeichnet (von englisch “probability”) die Wahrscheinlichkeit.
Die Formel ist verblüffend einfach: Du zählst, wie viele Ergebnisse “günstig” für dein Ereignis sind, und teilst durch die Gesamtzahl aller möglichen Ergebnisse.
Die Schritt-für-Schritt-Methode
Abschnitt betitelt „Die Schritt-für-Schritt-Methode“So berechnest du eine Laplace-Wahrscheinlichkeit:
- Ergebnismenge aufschreiben: Liste alle möglichen Ergebnisse auf.
- Prüfen: Sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich? (Nur dann gilt Laplace!)
- Ereignis definieren: Welche Ergebnisse sind “günstig”?
- Zählen: Bestimme (günstige) und (mögliche).
- Rechnen: Setze in die Formel ein.
Eigenschaften der Wahrscheinlichkeit
Abschnitt betitelt „Eigenschaften der Wahrscheinlichkeit“Für jede Wahrscheinlichkeit gilt:
Die Wahrscheinlichkeit ist immer eine Zahl zwischen 0 und 1. Dabei bedeutet:
- : Das Ereignis ist unmöglich.
- : Das Ereignis ist sicher.
- : Das Ereignis hat eine “Fifty-fifty-Chance”.
Ausserdem gilt für das Gegenereignis:
Diese Formel ist unglaublich praktisch. Manchmal ist es einfacher, die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils zu berechnen und dann von 1 abzuziehen.
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Abschnitt betitelt „Häufige Fehler und wie du sie vermeidest“Fehler 1: Laplace anwenden, obwohl es nicht passt
Laplace funktioniert nur, wenn alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich sind. Bei einem gezinkten Würfel oder einem Glücksrad mit unterschiedlich grossen Feldern darfst du die Formel nicht einfach anwenden. Prüfe immer zuerst, ob die Voraussetzung erfüllt ist!
Fehler 2: Ereignis und Ergebnis verwechseln
Ein Ergebnis ist ein einzelner Ausgang (z.B. “die 4 fällt”). Ein Ereignis kann mehrere Ergebnisse umfassen (z.B. “eine gerade Zahl fällt”). Achte darauf, was genau gefragt ist.
Fehler 3: Wahrscheinlichkeiten über 1
Wenn dein Ergebnis grösser als 1 ist, hast du einen Fehler gemacht. Wahrscheinlichkeiten können nie grösser als 100% sein. Überprüfe, ob du Zähler und Nenner richtig bestimmt hast.
Beispiele
Abschnitt betitelt „Beispiele“Aufgabe: Ein fairer Würfel wird einmal geworfen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, eine gerade Zahl zu würfeln?
Lösung:
Schritt 1: Die Ergebnismenge ist .
Schritt 2: Der Würfel ist fair, also sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich. Laplace ist anwendbar.
Schritt 3: Das Ereignis “gerade Zahl” ist .
Schritt 4: Es gibt günstige und mögliche Ergebnisse.
Schritt 5: Die Wahrscheinlichkeit beträgt:
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, eine gerade Zahl zu würfeln, beträgt oder 50%.
Aufgabe: Aus einem Standardkartenspiel mit 52 Karten wird zufällig eine Karte gezogen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, ein Herz zu ziehen?
Lösung:
Schritt 1: Die Ergebnismenge enthält alle 52 Karten: .
Schritt 2: Bei zufälligem Ziehen ist jede Karte gleich wahrscheinlich. Laplace gilt.
Schritt 3: Das Ereignis “Herz” umfasst alle 13 Herzkarten (Ass bis König).
Schritt 4: Es gilt und .
Schritt 5:
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, ein Herz zu ziehen, beträgt oder 25%.
Aufgabe: In einer Urne befinden sich 5 rote, 3 blaue und 2 grüne Kugeln. Eine Kugel wird zufällig gezogen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, keine rote Kugel zu ziehen?
Lösung:
Schritt 1: Insgesamt sind Kugeln in der Urne. Also .
Schritt 2: Zufälliges Ziehen bedeutet, dass jede Kugel gleich wahrscheinlich ist.
Schritt 3: Hier gibt es zwei Wege:
Weg 1 – Direkt: Das Ereignis “keine rote Kugel” bedeutet “blaue oder grüne Kugel”. Das sind Kugeln.
Weg 2 – Über das Gegenereignis: Das Gegenereignis ist “rote Kugel”. Dafür gibt es 5 günstige Ergebnisse.
Also:
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, keine rote Kugel zu ziehen, beträgt oder 50%.
Aufgabe: Zwei faire Münzen werden gleichzeitig geworfen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal Kopf zu erhalten?
Lösung:
Schritt 1: Bei zwei Münzen gibt es folgende mögliche Ergebnisse (wir unterscheiden die Münzen):
Dabei steht für Kopf und für Zahl. Es gilt .
Schritt 2: Alle vier Kombinationen sind bei fairen Münzen gleich wahrscheinlich.
Schritt 3: “Mindestens einmal Kopf” bedeutet: mindestens eine der beiden Münzen zeigt Kopf. Das Ereignis ist:
Es gilt .
Schritt 4: Wir rechnen:
Alternativ über das Gegenereignis: “Mindestens einmal Kopf” ist das Gegenteil von “kein Kopf” (also zweimal Zahl). Für “zweimal Zahl” gibt es nur ein günstiges Ergebnis: .
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal Kopf zu erhalten, beträgt oder 75%.
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“-
Ein Zufallsexperiment ist ein wiederholbarer Vorgang mit bekannten, aber nicht vorhersagbaren Ausgängen.
-
Die Ergebnismenge enthält alle möglichen Ergebnisse. Ein Ereignis ist eine Teilmenge davon.
-
Bei einem Laplace-Experiment (alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich) gilt:
-
Wahrscheinlichkeiten liegen immer zwischen 0 und 1. Für das Gegenereignis gilt: .
Dein Wissen im Test
Abschnitt betitelt „Dein Wissen im Test“Ein Glücksrad hat 8 gleich grosse Felder, nummeriert von 1 bis 8. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, eine Zahl grösser als 5 zu drehen?
Lösung anzeigen
Die Ergebnismenge ist mit .
Das Ereignis “grösser als 5” ist mit .
In einer Schüssel liegen 4 rote, 6 blaue und 2 gelbe Bonbons. Du greifst blind hinein und nimmst ein Bonbon. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, ein blaues Bonbon zu erwischen?
Lösung anzeigen
Insgesamt sind Bonbons in der Schüssel.
Davon sind 6 blau.
Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Spiel zu gewinnen, beträgt . Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, nicht zu gewinnen?
Lösung anzeigen
Das Gegenereignis “nicht gewinnen” hat die Wahrscheinlichkeit:
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Abschnitt betitelt „Ausblick: Was kommt als Nächstes?“Du hast jetzt das Fundament der Wahrscheinlichkeitsrechnung gelegt. Du kennst die Sprache, mit der Mathematiker über Zufall reden, und du kannst einfache Wahrscheinlichkeiten mit der Laplace-Formel berechnen.
Im nächsten Schritt wirst du lernen, wie man Wahrscheinlichkeiten bei mehrstufigen Zufallsexperimenten berechnet – zum Beispiel wenn du zweimal würfelst oder mehrere Karten nacheinander ziehst. Dafür wirst du Baumdiagramme kennenlernen, die dir helfen, den Überblick zu behalten. Ausserdem wirst du die Pfadregeln entdecken: die Multiplikationsregel für Pfade und die Additionsregel für verschiedene Wege zum gleichen Ereignis.
Die Stochastik wird dich durch deine gesamte Schulzeit begleiten – von einfachen Würfelspielen bis hin zu Normalverteilungen und Hypothesentests. Was du heute gelernt hast, ist der erste und wichtigste Schritt auf diesem Weg.