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Potenzen mit reellen Exponenten einfach erklärt: So rechnest du mit Wurzeln und Bruchexponenten

Stell dir vor, du beobachtest eine Bakterienkultur unter dem Mikroskop. Jede Stunde verdoppelt sich die Anzahl der Bakterien. Nach einer Stunde hast du doppelt so viele, nach zwei Stunden viermal so viele. Aber was passiert nach einer halben Stunde? Oder nach exakt 2\sqrt{2} Stunden? Die Natur macht keine Sprünge – Wachstum verläuft kontinuierlich. Um solche Prozesse mathematisch zu beschreiben, reichen ganze Zahlen als Exponenten nicht mehr aus. Du brauchst Potenzen mit reellen Exponenten – ein mächtiges Werkzeug, das dir erlaubt, Wachstum und Zerfall präzise zu berechnen. In diesem Kapitel lernst du, wie du mit Brüchen, Wurzeln und sogar irrationalen Zahlen als Exponenten rechnest.

Erinnere dich an das Bakterienbeispiel. Die Verdopplung pro Stunde lässt sich als Potenz schreiben: Nach nn Stunden hast du 2n2^n-mal so viele Bakterien wie zu Beginn.

Zeit (Stunden)Faktor
020=12^0 = 1
121=22^1 = 2
222=42^2 = 4
323=82^3 = 8

Aber was steht in der Zeile für n=12n = \frac{1}{2}, also nach einer halben Stunde?

Hier kommt der entscheidende Gedanke: Wenn sich die Bakterien nach einer Stunde verdoppelt haben, dann müssen sie nach einer halben Stunde um einen Faktor gewachsen sein, der – zweimal angewendet – eine Verdopplung ergibt.

Mathematisch ausgedrückt suchst du eine Zahl xx, sodass:

xx=2x \cdot x = 2

Das ist nichts anderes als x=2x = \sqrt{2}. Und genau deshalb definieren wir:

212=22^{\frac{1}{2}} = \sqrt{2}

Ein Bruch im Exponenten verbindet zwei Operationen: Potenzieren und Wurzelziehen. Die allgemeine Regel lautet:

amn=amn=(an)ma^{\frac{m}{n}} = \sqrt[n]{a^m} = \left(\sqrt[n]{a}\right)^m

Dabei ist a>0a > 0, mm eine ganze Zahl und nn eine natürliche Zahl grösser als Null.

So gehst du Schritt für Schritt vor:

  1. Zerlege den Bruchexponenten in Zähler und Nenner.
  2. Der Nenner gibt die Wurzel an – bei 13\frac{1}{3} ist es die dritte Wurzel.
  3. Der Zähler gibt die Potenz an – bei 23\frac{2}{3} quadrierst du das Ergebnis.
  4. Wähle die günstigere Reihenfolge – oft ist es einfacher, zuerst die Wurzel zu ziehen.
DEFINITION

Für jede positive reelle Zahl aa und jeden Bruch mn\frac{m}{n} mit nNn \in \mathbb{N}, n>0n > 0 und mZm \in \mathbb{Z} gilt:

amn=amna^{\frac{m}{n}} = \sqrt[n]{a^m}

Der Nenner nn bestimmt die Wurzel, der Zähler mm die Potenz. Ein negativer Zähler bedeutet zusätzlich einen Kehrwert.

Bei Bruchexponenten mit geradem Nenner würdest du sonst auf Probleme stossen. Zum Beispiel ist (4)12=4(-4)^{\frac{1}{2}} = \sqrt{-4} im Bereich der reellen Zahlen nicht definiert. Deshalb beschränken wir uns bei reellen Exponenten auf positive Basen.

Du kannst nun Potenzen wie 3253^{\frac{2}{5}} oder 7347^{-\frac{3}{4}} berechnen. Aber was bedeutet 222^{\sqrt{2}} oder 5π5^{\pi}?

Irrationale Zahlen wie 21,41421...\sqrt{2} \approx 1{,}41421... oder π3,14159...\pi \approx 3{,}14159... lassen sich nicht als Bruch schreiben. Ihre Dezimaldarstellung ist unendlich und nicht periodisch.

Die Idee ist folgende: Du näherst die irrationale Zahl durch Brüche an. Je genauer die Näherung, desto genauer das Ergebnis:

  • 21=22^{1} = 2
  • 21,4=2752,6392^{1{,}4} = 2^{\frac{7}{5}} \approx 2{,}639
  • 21,41=21411002,6572^{1{,}41} = 2^{\frac{141}{100}} \approx 2{,}657
  • 21,414=2141410002,6652^{1{,}414} = 2^{\frac{1414}{1000}} \approx 2{,}665
  • 222,6652^{\sqrt{2}} \approx 2{,}665

Diese Werte nähern sich einem festen Grenzwert an. Diesen Grenzwert definieren wir als 222^{\sqrt{2}}.

DEFINITION

Für eine positive Basis a>0a > 0 und eine irrationale Zahl rr ist ara^r definiert als der Grenzwert:

ar=limqraqa^r = \lim_{q \to r} a^q

wobei qq eine Folge rationaler Zahlen ist, die gegen rr konvergiert. Das Ergebnis ist unabhängig von der gewählten Folge.

In der Praxis berechnest du solche Potenzen mit dem Taschenrechner. Das Prinzip dahinter zu verstehen hilft dir aber, die Mathematik nicht nur anzuwenden, sondern auch zu begreifen.

Die gute Nachricht: Alle Potenzgesetze, die du bereits kennst, gelten auch für reelle Exponenten. Das macht das Rechnen übersichtlich.

GesetzFormelBeispiel
Gleiche Basis, Multiplikationaras=ar+sa^r \cdot a^s = a^{r+s}30,531,5=32=93^{0{,}5} \cdot 3^{1{,}5} = 3^2 = 9
Gleiche Basis, Divisionaras=ars\frac{a^r}{a^s} = a^{r-s}5π5π1=51=5\frac{5^{\pi}}{5^{\pi - 1}} = 5^1 = 5
Potenz einer Potenz(ar)s=ars\left(a^r\right)^s = a^{r \cdot s}(40,5)3=41,5=8\left(4^{0{,}5}\right)^3 = 4^{1{,}5} = 8
Gleiches Produkt(ab)r=arbr(a \cdot b)^r = a^r \cdot b^r(23)0,5=6(2 \cdot 3)^{0{,}5} = \sqrt{6}

Diese Gesetze anzuwenden ist der Schlüssel zum effizienten Rechnen mit Potenzen.

Fehler 1: Verwechslung von Zähler und Nenner im Exponenten

Viele Schüler berechnen 8238^{\frac{2}{3}} falsch als 83\sqrt{8^3} statt 823\sqrt[3]{8^2}.

Merke: Der Nenner steht “unten” – genau wie bei einem Bruch. Er bestimmt die Wurzel.

Fehler 2: Negative Basis bei Bruchexponenten

Der Ausdruck (8)12(-8)^{\frac{1}{2}} ist nicht definiert, obwohl 83=2\sqrt[3]{-8} = -2 existiert. Bei reellen Exponenten beschränken wir uns auf positive Basen.

Fehler 3: Falsche Anwendung der Potenzgesetze

Aus ar+asa^r + a^s kann man nicht ar+sa^{r+s} machen. Das Additionsgesetz gilt nur bei Multiplikation von Potenzen mit gleicher Basis.

Richtig: 23+23=8+8=1626=642^3 + 2^3 = 8 + 8 = 16 \neq 2^6 = 64

Beispiel 1: Bruchexponent ohne Taschenrechner

Berechne 272327^{\frac{2}{3}} ohne Taschenrechner.

Schritt 1: Zerlege den Exponenten. Nenner = 3 (dritte Wurzel), Zähler = 2 (Quadrat).

Schritt 2: Ziehe zuerst die dritte Wurzel aus 27.

273=3\sqrt[3]{27} = 3

Schritt 3: Quadriere das Ergebnis.

32=93^2 = 9

Ergebnis:

2723=927^{\frac{2}{3}} = 9
Beispiel 2: Negativer Bruchexponent

Berechne 163416^{-\frac{3}{4}}.

Schritt 1: Das Minuszeichen bedeutet Kehrwert. Schreibe um:

1634=1163416^{-\frac{3}{4}} = \frac{1}{16^{\frac{3}{4}}}

Schritt 2: Berechne 163416^{\frac{3}{4}}. Nenner = 4 (vierte Wurzel), Zähler = 3 (dritte Potenz).

164=2\sqrt[4]{16} = 223=82^3 = 8

Schritt 3: Bilde den Kehrwert.

1634=1816^{-\frac{3}{4}} = \frac{1}{8}
Beispiel 3: Vereinfachen mit Potenzgesetzen

Vereinfache den Ausdruck x1,5x0,7x0,2\frac{x^{1{,}5} \cdot x^{0{,}7}}{x^{0{,}2}} für x>0x > 0.

Schritt 1: Wende das Multiplikationsgesetz im Zähler an.

x1,5x0,7=x1,5+0,7=x2,2x^{1{,}5} \cdot x^{0{,}7} = x^{1{,}5 + 0{,}7} = x^{2{,}2}

Schritt 2: Wende das Divisionsgesetz an.

x2,2x0,2=x2,20,2=x2\frac{x^{2{,}2}}{x^{0{,}2}} = x^{2{,}2 - 0{,}2} = x^2

Ergebnis:

x1,5x0,7x0,2=x2\frac{x^{1{,}5} \cdot x^{0{,}7}}{x^{0{,}2}} = x^2
Beispiel 4: Exponentialgleichung mit Wurzel

Löse die Gleichung x25=4x^{\frac{2}{5}} = 4 nach xx auf.

Schritt 1: Um den Exponenten 25\frac{2}{5} zu “neutralisieren”, potenzierst du beide Seiten mit dem Kehrwert 52\frac{5}{2}.

(x25)52=452\left(x^{\frac{2}{5}}\right)^{\frac{5}{2}} = 4^{\frac{5}{2}}

Schritt 2: Vereinfache die linke Seite mit dem Potenzgesetz.

x2552=x1=xx^{\frac{2}{5} \cdot \frac{5}{2}} = x^1 = x

Schritt 3: Berechne die rechte Seite.

452=(4)5=25=324^{\frac{5}{2}} = \left(\sqrt{4}\right)^5 = 2^5 = 32

Ergebnis:

x=32x = 32
Beispiel 5: Anwendung im Zinseszins

Ein Kapital von 1000 CHF wird mit 3% Jahreszins angelegt. Wie viel ist es nach 2,5 Jahren wert?

Formel: Der Zinseszins wird mit K=K0(1+p)tK = K_0 \cdot (1 + p)^t berechnet.

Dabei ist K0=1000K_0 = 1000 CHF, p=0,03p = 0{,}03 und t=2,5t = 2{,}5.

Berechnung:

K=10001,032,5K = 1000 \cdot 1{,}03^{2{,}5}

Mit dem Taschenrechner: 1,032,51,07691{,}03^{2{,}5} \approx 1{,}0769

K10001,0769=1076,90 CHFK \approx 1000 \cdot 1{,}0769 = 1076{,}90 \text{ CHF}

Ergebnis: Nach 2,5 Jahren beträgt das Kapital etwa 1076,90 CHF.

  • Bruchexponenten verbinden Potenzieren und Wurzelziehen: amn=amna^{\frac{m}{n}} = \sqrt[n]{a^m}.
  • Der Nenner des Bruchexponenten gibt die Wurzel an, der Zähler die Potenz.
  • Negative Exponenten bedeuten Kehrwert: ar=1ara^{-r} = \frac{1}{a^r}.
  • Irrationale Exponenten werden als Grenzwerte von Bruchexponenten definiert – in der Praxis nutzt du den Taschenrechner.
  • Alle bekannten Potenzgesetze gelten auch für reelle Exponenten.
  • Die Basis muss positiv sein, wenn der Exponent ein Bruch oder eine irrationale Zahl ist.
❓ Frage: Welchen Wert hat 813481^{\frac{3}{4}}?
Lösung anzeigen

Lösung: 8134=2781^{\frac{3}{4}} = 27

Rechenweg: 814=3\sqrt[4]{81} = 3, dann 33=273^3 = 27.

❓ Frage: Vereinfache: a2,3a1,7a3\frac{a^{2{,}3} \cdot a^{1{,}7}}{a^{3}} (mit a>0a > 0)
Lösung anzeigen

Lösung: a1=aa^1 = a

Rechenweg: Zähler: a2,3+1,7=a4a^{2{,}3 + 1{,}7} = a^4. Dann: a4a3=a43=a1=a\frac{a^4}{a^3} = a^{4-3} = a^1 = a.

❓ Frage: Warum ist (9)0,5(-9)^{0{,}5} im Bereich der reellen Zahlen nicht definiert?
Lösung anzeigen

Lösung: Der Ausdruck (9)0,5=9(-9)^{0{,}5} = \sqrt{-9} verlangt die Quadratwurzel einer negativen Zahl.

Im Bereich der reellen Zahlen gibt es keine Zahl, die mit sich selbst multipliziert eine negative Zahl ergibt. Daher ist der Ausdruck nicht definiert. Erst mit komplexen Zahlen lässt sich dieses Problem lösen.

Du hast jetzt ein solides Verständnis für Potenzen mit reellen Exponenten. Der nächste logische Schritt ist der Logarithmus – die Umkehroperation zum Potenzieren. Wenn du weisst, dass 2x=82^x = 8 ist und x=3x = 3 gesucht wird, dann hilft dir der Logarithmus, solche Gleichungen systematisch zu lösen. Der Logarithmus beantwortet die Frage: “Mit welchem Exponenten muss ich die Basis potenzieren, um einen bestimmten Wert zu erhalten?” Damit wirst du mächtige Werkzeuge für Wachstums- und Zerfallsprozesse in Biologie, Chemie und Wirtschaft in der Hand haben.