Die Geschichte des Logarithmus beginnt mit einem praktischen Problem: Wie rechnet man schnell mit sehr grossen Zahlen? Im 16. Jahrhundert war das eine ernste Frage. Astronomen, Navigatoren und Kaufleute mussten täglich aufwendige Multiplikationen mit vielen Stellen durchführen. Taschenrechner gab es nicht. Jede Rechnung kostete Zeit und war fehleranfällig.
Der schottische Mathematiker John Napier (1550–1617) arbeitete zwanzig Jahre lang an einer Lösung. Im Jahr 1614 veröffentlichte er sein Werk Mirifici Logarithmorum Canonis Descriptio – zu Deutsch: “Beschreibung des wunderbaren Kanons der Logarithmen”. Napier hatte eine Tabelle entwickelt, mit der man Multiplikationen in Additionen umwandeln konnte. Die Idee dahinter war einfach: Statt zwei grosse Zahlen zu multiplizieren, addiert man ihre Logarithmen und schlägt das Ergebnis in einer Tabelle nach.
Wenig später verfeinerte der englische Mathematiker Henry Briggs (1561–1630) Napiers Idee. Er schlug vor, die Basis 10 zu verwenden, weil das besser zum Dezimalsystem passt. Diese Logarithmen nennt man heute dekadische Logarithmen oder Briggssche Logarithmen.
Das Rechenwerkzeug, das aus dieser Idee entstand – der Rechenschieber – blieb über 350 Jahre lang das wichtigste Hilfsmittel für Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker. Noch die Ingenieure, die 1969 die Mondlandung berechnet haben, arbeiteten teilweise mit Rechenschiebern. Erst der elektronische Taschenrechner machte dieses Werkzeug in den 1970er Jahren überflüssig.
Der natürliche Logarithmus mit der Basis e≈2.718 hat eine etwas andere Geschichte. Die Zahl e tauchte erstmals bei Jakob Bernoulli (1654–1705) auf, als er Zinseszinsberechnungen untersuchte. Leonhard Euler (1707–1783), der bedeutendste Schweizer Mathematiker aller Zeiten, erkannte die zentrale Rolle dieser Zahl in der Analysis und führte das Symbol e ein.
Heute begegnet dir der Logarithmus überall: in der Chemie beim pH-Wert, in der Physik beim Dezibel, in der Informatik bei der Analyse von Algorithmen und in der Biologie bei Wachstumsmodellen. Was vor 400 Jahren ein Rechentrick war, ist heute ein fundamentales Konzept der Mathematik.
Beim Potenzieren kennst du die Basis und den Exponenten. Du berechnest das Ergebnis:
23=8
Manchmal ist die Situation umgekehrt. Du kennst die Basis und das Ergebnis, suchst aber den Exponenten:
2?=8
Die Antwort ist 3, denn 23=8. Doch wie drückst du das mathematisch präzise aus? Genau hier kommt der Logarithmus ins Spiel.
Die Schreibweise loga(b)=x und die Potenzschreibweise ax=b drücken exakt denselben Sachverhalt aus. Sie sind wie zwei Seiten derselben Münze. Das Umschreiben zwischen diesen beiden Formen ist die wichtigste Technik beim Arbeiten mit Logarithmen.
In der Praxis begegnen dir drei Basen besonders häufig:
Basis
Schreibweise
Name
Verwendung
10
log(x) oder lg(x)
Dekadischer Logarithmus
Taschenrechner, pH-Wert, Dezibel
e≈2.718
ln(x)
Natürlicher Logarithmus
Naturwissenschaften, Wachstum
2
log2(x)
Binärer Logarithmus
Informatik, Algorithmen
Auf deinem Taschenrechner findest du die Tasten log (Basis 10) und ln (Basis e). Für andere Basen brauchst du die Basiswechselformel, die du weiter unten kennenlernst.
Die vier wichtigsten Logarithmusregeln leiten sich direkt aus den Potenzgesetzen ab. Wer die Potenzgesetze kennt, versteht diese Regeln sofort.
Ausserdem gelten zwei spezielle Werte, die du auswendig kennen solltest:
loga(1)=0(weil a0=1)
loga(a)=1(weil a1=a)
Die Potenzregel ist besonders nützlich. Sie erlaubt es dir, einen Exponenten aus dem Argument herauszuziehen und als Faktor zu schreiben. Das ist der Schlüsseltrick beim Lösen von Exponentialgleichungen. Die Basiswechselformel hilft dir, wenn dein Taschenrechner nur log und ln kennt, du aber einen Logarithmus mit einer anderen Basis brauchst.
Tipp: Bei einfachen Logarithmen hilft das schrittweise Potenzieren. Du fragst dich immer: “Welcher Exponent passt?” Sobald du die Verbindung loga(b)=x⇔ax=b sicher beherrschst, gehst du von der Logarithmusform direkt in die Potenzform – und die Antwort liegt offen.
Sobald du die Grundlagen sicher beherrschst, öffnen sich weitere wichtige Konzepte.
Logarithmusfunktion: Die Funktion f(x)=loga(x) ist auf dem Bereich x>0 definiert. Ihr Graph verläuft durch den Punkt (1∣0), wächst für a>1 streng monoton und steigt immer langsamer. Für a>1 ist die Logarithmusfunktion die Umkehrfunktion der Exponentialfunktion g(x)=ax. Die Graphen beider Funktionen sind symmetrisch zur Winkelhalbierenden y=x.
Basiswechsel in der Praxis: Dein Taschenrechner kennt nur log und ln. Für jeden anderen Logarithmus verwendest du:
loga(b)=ln(a)ln(b)=log(a)log(b)
Anwendungen im Alltag:
Der pH-Wert einer Lösung ist definiert als pH=−log[H+], wobei [H+] die Konzentration der Wasserstoffionen angibt. Eine Lösung mit pH 3 hat zehnmal mehr Wasserstoffionen als eine Lösung mit pH 4.
Der Dezibel-Wert eines Schalldrucks ist L=20⋅log(p0p). Eine Verdopplung des Schalldrucks erhöht den Dezibelwert um etwa 6 dB.
In der Informatik gibt die Funktion log2(n) an, wie viele Schritte ein binärer Suchalgorithmus maximal braucht. Bei einer Million Einträgen genügen rund 20 Schritte – ein beeindruckendes Beispiel für die Kraft des Logarithmus.
Die folgenden Aufgaben sind nach Schwierigkeit geordnet. Beginne oben und arbeite dich vor. Die vollständigen Lösungswege findest du im Abschnitt “Lösungen” am Ende des Artikels.
Grundlagen (Aufgaben 1–3)
Aufgabe 1: Berechne ohne Taschenrechner:
a) log2(16) b) log3(27) c) log10(1000) d) log5(1)
Aufgabe 2: Schreibe jeweils in Potenzform um:
a) log4(64)=3 b) log2(0.5)=−1 c) loga(m)=k
Aufgabe 3: Schreibe jeweils in Logarithmusform um:
a) 72=49 b) 10−2=0.01 c) e1=e
Regelanwendung (Aufgaben 4–6)
Aufgabe 4: Vereinfache mit den Logarithmusregeln (ohne Taschenrechner):
a) log3(9)+log3(3) b) log2(64)−log2(8) c) log5(57)
Aufgabe 5: Berechne mit dem Taschenrechner (auf zwei Dezimalstellen):
a) log3(20) b) log7(100) c) log6(200)
Aufgabe 6: Löse die Gleichungen:
a) log3(x)=4 b) logx(16)=2 c) log2(x+1)=5
Exponentialgleichungen (Aufgaben 7–8)
Aufgabe 7: Löse die Exponentialgleichungen (auf zwei Dezimalstellen):
a) 3x=20 b) 5x=0.1 c) 2x+1=10
Aufgabe 8: Vereinfache vollständig:
log6(4)+2⋅log6(3)−log6(2)
Anwendungen (Aufgaben 9–10)
Aufgabe 9: Ein Bakterium verdoppelt sich alle 30 Minuten. Die Anfangspopulation beträgt 500 Bakterien. Nach wie vielen Minuten sind es mehr als 100 000 Bakterien?
Aufgabe 10: Eine radioaktive Substanz zerfällt jedes Jahr um 12%. Ausgangsmenge: 200 g. Nach wie vielen Jahren sind noch weniger als 50 g übrig?
log4(64)=3
Begründung: Gesucht ist der Exponent x mit 4x=64.
Probe: 43=64 ✓
Also ist log4(64)=3.
❓ Frage:Vereinfache: log5(25)+log5(5)
Lösung anzeigen
Methode 1 – Produktregel:log5(25)+log5(5)=log5(25⋅5)=log5(125)=3Methode 2 – Einzeln berechnen:log5(25)=2 (weil 52=25) und log5(5)=1 (weil 51=5).
Also: 2+1=3
Das Ergebnis ist 3.
❓ Frage:Löse die Gleichung 3x=100. Runde auf zwei Dezimalstellen.
Lösung anzeigen
Du logarithmierst beide Seiten:
ln(3x)=ln(100)x⋅ln(3)=ln(100)x=ln(3)ln(100)=1.09864.6052≈4.19
Die Lösung ist x≈4.19.
Probe: 34.19≈100 ✓
❓ Frage:Welche der folgenden Aussagen ist korrekt?
A) log2(8+4)=log2(8)+log2(4)
B) log2(8⋅4)=log2(8)+log2(4)
C) log2(8⋅4)=log2(8)⋅log2(4)
Lösung anzeigen
Die richtige Antwort ist B.
Die Produktregel lautet: loga(u⋅v)=loga(u)+loga(v).
Probe: log2(8⋅4)=log2(32)=5 und log2(8)+log2(4)=3+2=5 ✓
Aussage A ist falsch: Es gibt keine Summenregel für Logarithmen.
Aussage C ist falsch: Der Logarithmus eines Produkts ist die Summe, nicht das Produkt der Logarithmen.
❓ Frage:Berechne log8(2).
Lösung anzeigen
Gesucht ist x mit 8x=2.
Du erkennst: 8=23, also:
(23)x=2123x=21
Durch Vergleich der Exponenten: 3x=1, also x=31.
Somit ist log8(2)=31.
Probe: 81/3=38=2 ✓
Mit dem Logarithmus hast du ein mächtiges Werkzeug kennengelernt, das weit über die Schulstube hinausreicht. Im nächsten Schritt wirst du Exponentialfunktionen und Logarithmusfunktionen als Graphen untersuchen. Du lernst, wie Wachstums- und Zerfallsprozesse modelliert werden – von Bakterienpopulationen bis zum radioaktiven Zerfall. In der Oberstufe begegnet dir der natürliche Logarithmus erneut in der Analysis, wo er eine zentrale Rolle bei der Ableitungs- und Integralrechnung spielt. Die Rechenregeln, die du heute geübt hast, bleiben dabei immer dieselben.