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Definitions- und Wertemenge einfach erklärt: Der Schlüssel zur Funktionsanalyse

Stell dir vor, du betreibst einen Limonadenstand. Du kannst 0 bis 50 Gläser pro Tag verkaufen – mehr hast du nicht auf Lager. Gleichzeitig kannst du zwischen 0 CHF und 100 CHF einnehmen, je nachdem wie viel du verkaufst. Die Anzahl der Gläser, die du verkaufen kannst, entspricht deiner Definitionsmenge. Die Einnahmen, die dabei möglich sind, entsprechen deiner Wertemenge. Genau dieses Konzept – was rein darf und was raus kommt – ist der Kern jeder Funktionsuntersuchung. In diesem Kapitel lernst du, wie du für beliebige Funktionen die Definitions- und Wertemenge bestimmst.

Vom Alltag zur Mathematik: Was bedeuten diese Begriffe?

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Zurück zum Limonadenstand. Du kannst nicht minus 5 Gläser verkaufen. Du kannst auch nicht 1000 Gläser verkaufen, wenn du nur 50 hast. Es gibt also Grenzen für das, was du eingeben kannst.

In der Mathematik ist eine Funktion wie eine Maschine. Du wirfst etwas hinein (die Eingabe) und bekommst etwas heraus (die Ausgabe). Aber nicht jede Maschine akzeptiert jede Eingabe. Ein Mixer verarbeitet keine Steine. Ein Taschenrechner kann nicht durch null teilen.

Die Definitionsmenge beschreibt alle Werte, die du in die Funktion eingeben darfst.

Die Wertemenge beschreibt alle Werte, die als Ergebnis herauskommen können.

Mathematisch schreiben wir:

  • D\mathbb{D} oder DfD_f für die Definitionsmenge
  • W\mathbb{W} oder WfW_f für die Wertemenge

Bei einer Funktion f(x)f(x) enthält die Definitionsmenge alle erlaubten xx-Werte. Die Wertemenge enthält alle möglichen yy-Werte, die durch f(x)f(x) entstehen.

Die Definitionsmenge bestimmen: Dein Werkzeugkasten

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Die Grundregel lautet: Die Definitionsmenge umfasst alle reellen Zahlen, ausser die Funktion enthält “verbotene Stellen”. Diese verbotenen Stellen musst du erkennen und ausschliessen.

Es gibt drei Hauptfälle, in denen nicht alle reellen Zahlen erlaubt sind:

1. Division durch null ist verboten

Steht im Nenner ein Term mit xx, darfst du alle xx-Werte nicht einsetzen, die den Nenner zu null machen.

2. Negative Zahlen unter geraden Wurzeln sind verboten

Unter einer Quadratwurzel (oder jeder anderen geraden Wurzel) darf nur etwas Nicht-Negatives stehen.

3. Logarithmen von nicht-positiven Zahlen sind verboten

Der Logarithmus ist nur für positive Zahlen definiert.

  1. Prüfe, ob ein Bruch vorliegt. Falls ja: Setze den Nenner gleich null und löse nach xx. Diese Werte müssen ausgeschlossen werden.
  2. Prüfe, ob eine gerade Wurzel vorliegt. Falls ja: Setze den Term unter der Wurzel 0\geq 0 und löse die Ungleichung.
  3. Prüfe, ob ein Logarithmus vorliegt. Falls ja: Setze das Argument >0> 0 und löse die Ungleichung.
  4. Kombiniere alle Einschränkungen zur endgültigen Definitionsmenge.
DEFINITION

Die Definitionsmenge D\mathbb{D} einer Funktion ff enthält alle reellen Zahlen xx, für die der Funktionsterm f(x)f(x) definiert ist. Sie beschreibt, welche Eingabewerte erlaubt sind. Schreibweise: D={xRBedingung}\mathbb{D} = \{x \in \mathbb{R} \mid \text{Bedingung}\} oder in Intervallschreibweise.

Die Wertemenge bestimmen: Welche Ausgaben sind möglich?

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Die Wertemenge zu bestimmen ist oft kniffliger als die Definitionsmenge. Du musst verstehen, welche yy-Werte die Funktion tatsächlich annehmen kann.

1. Grafische Analyse

Zeichne den Graphen und lies ab, welche yy-Werte erreicht werden. Die Wertemenge ist die Projektion des Graphen auf die yy-Achse.

2. Analyse typischer Funktionstypen

Manche Funktionstypen haben charakteristische Wertemengen:

  • Quadratische Funktionen f(x)=x2f(x) = x^2 haben W=[0;+)\mathbb{W} = [0; +\infty)
  • Die Exponentialfunktion f(x)=exf(x) = e^x hat W=(0;+)\mathbb{W} = (0; +\infty)
  • Sinus und Kosinus haben W=[1;1]\mathbb{W} = [-1; 1]

3. Umkehrung der Funktion

Löse die Gleichung y=f(x)y = f(x) nach xx auf. Die Werte von yy, für die dies möglich ist, bilden die Wertemenge.

4. Extremwertbetrachtung

Bestimme Minimum und Maximum der Funktion. Die Wertemenge liegt zwischen diesen Grenzen.

DEFINITION

Die Wertemenge W\mathbb{W} einer Funktion ff enthält alle reellen Zahlen yy, die als Funktionswert f(x)f(x) für mindestens ein xx aus der Definitionsmenge auftreten. Sie beschreibt alle möglichen Ausgabewerte. Schreibweise: W={yRxD:f(x)=y}\mathbb{W} = \{y \in \mathbb{R} \mid \exists x \in \mathbb{D}: f(x) = y\}.

Fehler 1: Nur den Nenner betrachten, aber die Wurzel vergessen

Bei einer Funktion wie f(x)=xx2f(x) = \frac{\sqrt{x}}{x-2} musst du beide Einschränkungen beachten. Der Nenner verbietet x=2x = 2, die Wurzel verbietet x<0x < 0. Die Definitionsmenge ist also D=[0;2)(2;+)\mathbb{D} = [0; 2) \cup (2; +\infty).

Fehler 2: Definitions- und Wertemenge verwechseln

Die Definitionsmenge betrifft die xx-Werte (Eingabe), die Wertemenge die yy-Werte (Ausgabe). Merke dir: Definitionsmenge = Davor (bevor die Funktion rechnet), Wertemenge = Was herauskommt.

Fehler 3: Bei der Wurzel 0\geq 0 vergessen und nur >0> 0 schreiben

Unter einer Quadratwurzel darf auch null stehen. Der Ausdruck 0=0\sqrt{0} = 0 ist erlaubt. Die Bedingung lautet daher 0\geq 0, nicht >0> 0.

Fehler 4: Annehmen, die Wertemenge sei automatisch ganz R\mathbb{R}

Viele Funktionen erreichen nicht alle reellen Zahlen als Funktionswerte. Bei f(x)=x2f(x) = x^2 gibt es zum Beispiel keine negativen Funktionswerte.

Für Definitions- und Wertemenge verwenden wir oft die Intervallschreibweise. Hier eine Übersicht:

SchreibweiseBedeutungBeispiel
[a;b][a; b]Alle Zahlen von aa bis bb, inklusive aa und bb[0;5][0; 5] enthält 0, 3, 5
(a;b)(a; b)Alle Zahlen von aa bis bb, ohne aa und bb(0;5)(0; 5) enthält 3, aber nicht 0 oder 5
[a;b)[a; b)Mit aa, ohne bb[0;5)[0; 5) enthält 0, aber nicht 5
(;a](-\infty; a]Alle Zahlen bis aa, inklusive aa(;3](-\infty; 3] enthält alle Zahlen 3\leq 3
R\mathbb{R}Alle reellen ZahlenDie gesamte Zahlengerade
R{a}\mathbb{R} \setminus \{a\}Alle reellen Zahlen ausser aaR{0}\mathbb{R} \setminus \{0\} = alle ausser 0
Beispiel 1: Bruchfunktion

Bestimme die Definitionsmenge von f(x)=3x+1x4f(x) = \frac{3x + 1}{x - 4}.

Lösung:

Der Nenner darf nicht null werden. Wir setzen den Nenner gleich null:

x4=0x - 4 = 0

x=4x = 4

Der Wert x=4x = 4 muss ausgeschlossen werden.

Definitionsmenge: D=R{4}\mathbb{D} = \mathbb{R} \setminus \{4\} oder D=(;4)(4;+)\mathbb{D} = (-\infty; 4) \cup (4; +\infty)

Für die Wertemenge überlegen wir: Der Bruch kann beliebig grosse positive und negative Werte annehmen. Kann er aber jeden Wert erreichen? Wir lösen nach xx auf:

y=3x+1x4y = \frac{3x + 1}{x - 4}

y(x4)=3x+1y \cdot (x - 4) = 3x + 1

yx4y=3x+1yx - 4y = 3x + 1

yx3x=4y+1yx - 3x = 4y + 1

x(y3)=4y+1x(y - 3) = 4y + 1

x=4y+1y3x = \frac{4y + 1}{y - 3}

Dies ist nur definiert, wenn y3y \neq 3.

Wertemenge: W=R{3}\mathbb{W} = \mathbb{R} \setminus \{3\}

Beispiel 2: Wurzelfunktion

Bestimme Definitions- und Wertemenge von f(x)=2x6f(x) = \sqrt{2x - 6}.

Lösung:

Unter der Wurzel muss ein nicht-negativer Wert stehen:

2x602x - 6 \geq 0

2x62x \geq 6

x3x \geq 3

Definitionsmenge: D=[3;+)\mathbb{D} = [3; +\infty)

Für die Wertemenge betrachten wir, welche Werte 2x6\sqrt{2x - 6} annehmen kann. Eine Quadratwurzel liefert immer nicht-negative Werte. Der kleinste Wert tritt bei x=3x = 3 auf: f(3)=0=0f(3) = \sqrt{0} = 0. Nach oben gibt es keine Grenze.

Wertemenge: W=[0;+)\mathbb{W} = [0; +\infty)

Beispiel 3: Kombinierte Einschränkungen

Bestimme die Definitionsmenge von f(x)=x+2x29f(x) = \frac{\sqrt{x + 2}}{x^2 - 9}.

Lösung:

Wir haben zwei Einschränkungen:

Einschränkung 1 (Wurzel):

x+20x + 2 \geq 0

x2x \geq -2

Einschränkung 2 (Nenner):

x290x^2 - 9 \neq 0

x29x^2 \neq 9

x3 und x3x \neq 3 \text{ und } x \neq -3

Jetzt kombinieren wir: Wir brauchen x2x \geq -2, aber x3x \neq 3 und x3x \neq -3.

Da 3<2-3 < -2 liegt, ist 3-3 ohnehin nicht in der Menge x2x \geq -2 enthalten. Wir müssen nur x=3x = 3 ausschliessen.

Definitionsmenge: D=[2;3)(3;+)\mathbb{D} = [-2; 3) \cup (3; +\infty)

Beispiel 4: Quadratische Funktion mit Verschiebung

Bestimme Definitions- und Wertemenge von f(x)=(x1)2+3f(x) = (x - 1)^2 + 3.

Lösung:

Diese Funktion ist eine verschobene Parabel. Es gibt keine Brüche, Wurzeln oder Logarithmen.

Definitionsmenge: D=R\mathbb{D} = \mathbb{R}

Für die Wertemenge betrachten wir den Aufbau der Funktion:

  • (x1)2(x - 1)^2 ist immer 0\geq 0 (Quadrate sind nie negativ)
  • Der kleinste Wert von (x1)2(x - 1)^2 ist 00, erreicht bei x=1x = 1
  • Also ist der kleinste Wert von f(x)f(x) gleich 0+3=30 + 3 = 3
  • Nach oben ist die Parabel unbegrenzt

Wertemenge: W=[3;+)\mathbb{W} = [3; +\infty)

Beispiel 5: Bruch mit Wurzel im Zähler

Bestimme Definitions- und Wertemenge von f(x)=4xx+1f(x) = \frac{\sqrt{4 - x}}{x + 1}.

Lösung:

Einschränkung 1 (Wurzel):

4x04 - x \geq 0

4x4 \geq x

x4x \leq 4

Einschränkung 2 (Nenner):

x+10x + 1 \neq 0

x1x \neq -1

Definitionsmenge: D=(;1)(1;4]\mathbb{D} = (-\infty; -1) \cup (-1; 4]

Für die Wertemenge analysieren wir das Verhalten:

  • Der Zähler 4x\sqrt{4-x} ist immer 0\geq 0
  • Bei x=4x = 4: f(4)=05=0f(4) = \frac{0}{5} = 0
  • Bei x1x \to -1 von rechts: Zähler 5\to \sqrt{5}, Nenner 0+\to 0^+, also f(x)+f(x) \to +\infty
  • Bei x1x \to -1 von links: Zähler 5\to \sqrt{5}, Nenner 0\to 0^-, also f(x)f(x) \to -\infty
  • Für x<1x < -1 ist der Nenner negativ, also wird f(x)f(x) negativ

Die Funktion nimmt alle positiven Werte an (für 1<x4-1 < x \leq 4) und alle negativen Werte (für x<1x < -1).

Wertemenge: W=R\mathbb{W} = \mathbb{R}

  • Die Definitionsmenge D\mathbb{D} enthält alle erlaubten Eingabewerte (xx-Werte), für die die Funktion definiert ist.
  • Die Wertemenge W\mathbb{W} enthält alle möglichen Ausgabewerte (yy-Werte), die die Funktion erreichen kann.
  • Einschränkungen der Definitionsmenge entstehen durch: Division durch null (Nenner 0\neq 0), gerade Wurzeln (Radikand 0\geq 0) und Logarithmen (Argument >0> 0).
  • Die Intervallschreibweise ermöglicht eine kompakte Darstellung: eckige Klammern [[ ]] schliessen Randpunkte ein, runde Klammern (( )) schliessen sie aus.
  • Bei mehreren Einschränkungen müssen alle Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein.
❓ Frage: Wie lautet die Definitionsmenge von f(x)=5x+7f(x) = \frac{5}{x + 7}?
Lösung anzeigen

Der Nenner darf nicht null werden: x+70x + 7 \neq 0, also x7x \neq -7.

Definitionsmenge: D=R{7}\mathbb{D} = \mathbb{R} \setminus \{-7\}

❓ Frage: Bestimme die Definitionsmenge von f(x)=5xf(x) = \sqrt{5 - x}.
Lösung anzeigen

Der Ausdruck unter der Wurzel muss nicht-negativ sein:

5x05 - x \geq 0

5x5 \geq x

Definitionsmenge: D=(;5]\mathbb{D} = (-\infty; 5]

❓ Frage: Eine Funktion hat die Form f(x)=x24f(x) = x^2 - 4. Welche Wertemenge hat diese Funktion?
Lösung anzeigen

Die Funktion f(x)=x24f(x) = x^2 - 4 ist eine nach oben geöffnete Parabel.

Das Minimum von x2x^2 ist 00 (bei x=0x = 0).

Also ist das Minimum von f(x)=x24f(x) = x^2 - 4 gleich 04=40 - 4 = -4.

Nach oben ist die Parabel unbegrenzt.

Wertemenge: W=[4;+)\mathbb{W} = [-4; +\infty)

Mit der Definitions- und Wertemenge hast du den ersten wichtigen Schritt der Funktionsuntersuchung gemeistert. Du weisst nun, welche Eingaben erlaubt sind und welche Ausgaben möglich sind.

Im nächsten Schritt wirst du das Monotonieverhalten von Funktionen untersuchen. Dabei geht es um die Frage: In welchen Bereichen steigt die Funktion, in welchen fällt sie? Dafür nutzt du die Ableitung als mächtiges Werkzeug. Die Definitionsmenge spielt dabei eine zentrale Rolle, denn du kannst das Monotonieverhalten nur dort untersuchen, wo die Funktion überhaupt definiert ist.

Danach folgen Extremwerte (Hoch- und Tiefpunkte), Wendepunkte und das Krümmungsverhalten. All diese Konzepte bauen auf dem Fundament auf, das du heute gelegt hast.