Ableitung einfach erklärt: So verstehst du Steigung und Änderungsrate
Stell dir vor, du fährst mit dem Fahrrad einen Hügel hinunter. Am Anfang ist der Weg noch flach, dann wird er immer steiler, und kurz vor dem Tal flacht er wieder ab. Dein Gefühl sagt dir genau, wann es steil wird – dein Magen kribbelt, du wirst schneller. Aber wie würdest du einem Freund am Telefon erklären, wie steil der Weg an einer bestimmten Stelle ist? Du könntest sagen: “Auf den nächsten 10 Metern falle ich 3 Meter ab.” Das wäre ein Durchschnittswert. Aber was, wenn du wissen willst, wie steil es genau jetzt, in diesem einen Moment ist? Genau hier kommt die Ableitung ins Spiel. Sie ist das mathematische Werkzeug, um die Steilheit – oder allgemeiner: die Änderungsrate – an einem exakten Punkt zu bestimmen.
Von der Durchschnittssteigung zur Momentansteigung
Abschnitt betitelt „Von der Durchschnittssteigung zur Momentansteigung“Kehren wir zu deiner Fahrradtour zurück. Angenommen, der Höhenverlauf des Hügels lässt sich durch eine Funktion beschreiben, wobei die zurückgelegte Strecke in Metern und die Höhe in Metern ist.
Wenn du die durchschnittliche Steigung zwischen zwei Punkten berechnen willst, kennst du das bereits: Du nimmst den Höhenunterschied und teilst ihn durch die Streckendifferenz. Mathematisch ausgedrückt, für zwei Punkte bei und :
Das ist die sogenannte Sekantensteigung – die Steigung einer Geraden, die durch zwei Punkte auf dem Graphen verläuft.
Aber was passiert, wenn du die beiden Punkte immer näher zusammenrückst? Wenn immer näher an heranrückt? Die Sekante “schmiegt” sich immer enger an den Graphen an. Im Grenzfall, wenn beide Punkte praktisch zusammenfallen, erhältst du die Tangente – eine Gerade, die den Graphen in genau einem Punkt berührt. Und die Steigung dieser Tangente ist genau das, was wir suchen: die Momentansteigung oder Ableitung.
Der Differenzenquotient: Das Werkzeug für die Durchschnittssteigung
Abschnitt betitelt „Der Differenzenquotient: Das Werkzeug für die Durchschnittssteigung“Bevor wir zur Ableitung kommen, müssen wir den Differenzenquotienten verstehen. Er ist das Fundament, auf dem alles aufbaut.
Statt und zu verwenden, schreiben wir es etwas eleganter. Wir starten bei einem Punkt und gehen einen kleinen Schritt weiter. Der zweite Punkt liegt also bei .
Der Differenzenquotient lautet dann:
Was bedeutet das?
- ist der Funktionswert am Startpunkt.
- ist der Funktionswert nach dem Schritt .
- ist die Änderung der Funktionswerte (der “Höhenunterschied”).
- ist die Schrittweite (die “Streckendifferenz”).
Der Differenzenquotient gibt dir also die durchschnittliche Änderungsrate der Funktion im Intervall von bis .
Der Differentialquotient: Die Ableitung
Abschnitt betitelt „Der Differentialquotient: Die Ableitung“Jetzt kommt der entscheidende Schritt. Wir lassen gegen Null gehen. Wir machen den Schritt also unendlich klein. Mathematisch schreiben wir das als Grenzwert:
Das ist die Definition der Ableitung. Das Symbol (sprich: “f Strich von x”) bezeichnet die Ableitung der Funktion an der Stelle .
Die Ableitung einer Funktion gibt die momentane Änderungsrate der Funktion an der Stelle an. Geometrisch entspricht sie der Steigung der Tangente an den Graphen von im Punkt .
Alternative Schreibweisen: , (wenn ), oder (vor allem in der Physik).
Die Ableitungsregeln: Dein Werkzeugkasten
Abschnitt betitelt „Die Ableitungsregeln: Dein Werkzeugkasten“Die gute Nachricht: Du musst nicht jedes Mal den Grenzwert berechnen. Für die wichtigsten Funktionstypen gibt es Ableitungsregeln, die du wie Rezepte anwenden kannst.
Die Potenzregel
Abschnitt betitelt „Die Potenzregel“Die wichtigste Regel für den Anfang. Sie gilt für Funktionen der Form , wobei eine beliebige Zahl ist.
So gehst du vor:
- Nimm den Exponenten und schreibe ihn als Faktor vor das .
- Reduziere den Exponenten um 1.
Beispiele:
Die Konstantenregel
Abschnitt betitelt „Die Konstantenregel“Eine Konstante ändert sich nicht – ihre Änderungsrate ist also Null.
Beispiel:
Die Faktorregel
Abschnitt betitelt „Die Faktorregel“Ein konstanter Faktor vor einer Funktion bleibt beim Ableiten erhalten.
Beispiel:
Die Summenregel
Abschnitt betitelt „Die Summenregel“Summen (und Differenzen) werden gliedweise abgeleitet.
Beispiel:
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Abschnitt betitelt „Häufige Fehler und wie du sie vermeidest“Fehler 1: Den Exponenten vergessen zu reduzieren Viele schreiben bei als Ableitung statt . Denke immer daran: Der Exponent wird um 1 kleiner!
Fehler 2: Die Ableitung einer Konstanten falsch berechnen Bei ist die Ableitung , nicht oder . Eine Konstante ist eine horizontale Linie – ihre Steigung ist überall Null.
Fehler 3: übersehen Der Term ist eigentlich . Die Ableitung ist . Manche vergessen diesen Term oder leiten ihn als ab.
Fehler 4: Vorzeichen verschlampen Bei ist die Ableitung . Das Minuszeichen gehört zum Faktor und bleibt erhalten.
Beispiele
Abschnitt betitelt „Beispiele“Bestimme die Ableitung von .
Lösung:
Wir wenden die Potenzregel an:
Hier ist .
Interpretation: Die Steigung des Graphen von an einer beliebigen Stelle beträgt . An der Stelle ist die Steigung zum Beispiel .
Bestimme die Ableitung von .
Lösung:
Wir leiten jeden Term einzeln ab (Summenregel) und beachten die Faktor- und Konstantenregel.
Ergebnis:
Gegeben ist die Funktion . Berechne die Steigung des Graphen an der Stelle .
Lösung:
Schritt 1: Bestimme die Ableitungsfunktion.
Schritt 2: Setze in die Ableitung ein.
Antwort: Die Steigung der Tangente an den Graphen von im Punkt mit beträgt . Das bedeutet: Wenn du an dieser Stelle eine Tangente anlegst, steigt sie pro Einheit auf der -Achse um 8 Einheiten auf der -Achse.
Bestimme die Gleichung der Tangente an den Graphen von im Punkt .
Lösung:
Schritt 1: Berechne den -Wert des Berührpunkts.
Der Berührpunkt ist also .
Schritt 2: Bestimme die Ableitung und berechne die Steigung im Punkt.
Die Tangentensteigung beträgt .
Schritt 3: Stelle die Tangentengleichung auf.
Eine Tangente ist eine Gerade. Wir kennen einen Punkt und die Steigung . Mit der Punkt-Steigungsform:
Antwort: Die Tangentengleichung lautet .
An welchen Stellen hat der Graph von eine horizontale Tangente?
Lösung:
Eine horizontale Tangente hat die Steigung . Wir suchen also alle , für die gilt.
Schritt 1: Bestimme die Ableitung.
Schritt 2: Setze die Ableitung gleich Null und löse nach auf.
Antwort: Der Graph von hat an den Stellen und horizontale Tangenten. Diese Stellen sind besonders interessant – dort könnten Hoch- oder Tiefpunkte liegen (dazu mehr in späteren Lektionen).
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“- Die Ableitung gibt die momentane Änderungsrate einer Funktion an. Geometrisch ist sie die Steigung der Tangente.
- Der Differenzenquotient beschreibt die Durchschnittssteigung. Im Grenzwert wird er zum Differentialquotienten (der Ableitung).
- Die Potenzregel ist dein wichtigstes Werkzeug: .
- Mit Faktor-, Summen- und Konstantenregel kannst du auch komplexere Funktionen ableiten.
- Stellen mit sind besonders wichtig – dort hat der Graph eine horizontale Tangente.
Dein Wissen im Test
Abschnitt betitelt „Dein Wissen im Test“Lösung anzeigen
Die Ableitung lautet .
Rechenweg: Wende die Potenzregel mit dem Faktor an: .
Lösung anzeigen
Die Steigung beträgt .
Rechenweg:
- Ableitung:
- Einsetzen:
Lösung anzeigen
Eine konstante Funktion beschreibt eine horizontale Gerade. Sie hat überall die gleiche Höhe und ändert sich nicht – egal, wie weit du auf der -Achse gehst. Da die Ableitung die Änderungsrate misst und es keine Änderung gibt, ist .
Geometrisch: Die Tangente an eine horizontale Linie ist die Linie selbst – und eine horizontale Linie hat die Steigung .
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Abschnitt betitelt „Ausblick: Was kommt als Nächstes?“Du hast jetzt das Fundament gelegt: Du weisst, was die Ableitung bedeutet und wie du Polynomfunktionen ableitest. Aber das ist erst der Anfang.
Als Nächstes wirst du lernen, wie du mit der Ableitung systematisch Kurvendiskussionen durchführst: Wo hat eine Funktion Hoch- und Tiefpunkte? Wo ist sie steigend, wo fallend? Was sind Wendepunkte? Die Ableitung ist der Schlüssel zu all diesen Fragen.
Ausserdem warten weitere Ableitungsregeln auf dich, wie die Produktregel, die Quotientenregel und die Kettenregel – damit kannst du dann auch kompliziertere Funktionen wie oder ableiten.
Doch zuerst: Übe die Grundlagen, bis sie sitzen. Die Potenzregel sollte dir so leicht von der Hand gehen wie das kleine Einmaleins. Dann bist du bestens vorbereitet für alles, was kommt.