Sinus- und Kosinusfunktion einfach erklärt: Schwingungen verstehen und berechnen
Stell dir vor, du sitzt auf einem Riesenrad. Während sich das Rad gleichmässig dreht, bewegst du dich mal nach oben, mal nach unten – und das immer wieder in der gleichen Abfolge. Deine Höhe über dem Boden ändert sich dabei nicht zufällig, sondern folgt einem ganz bestimmten Muster: einer Wellenbewegung. Diese Wellenbewegung begegnet uns überall – beim Schall, beim Licht, bei Gezeiten und sogar beim Herzschlag. In der Mathematik beschreiben wir solche regelmässigen Schwingungen mit zwei besonderen Funktionen: der Sinusfunktion und der Kosinusfunktion. In diesem Artikel lernst du, wie diese Funktionen aufgebaut sind, wie du ihre Graphen zeichnest und wie du mit ihnen rechnest.
Vom Riesenrad zur Mathematik
Abschnitt betitelt „Vom Riesenrad zur Mathematik“Kehren wir zum Riesenrad zurück. Das Rad hat einen bestimmten Radius – sagen wir . Die Achse des Rades liegt auf einer Höhe von über dem Boden. Wenn du ganz unten bist, befindest du dich auf Bodenhöhe (). Ganz oben erreichst du .
Jetzt kommt der mathematische Trick: Wir betrachten nicht das ganze Rad, sondern stellen uns einen Kreis mit Radius vor – den sogenannten Einheitskreis. Dieser Kreis hat seinen Mittelpunkt im Koordinatenursprung. Wenn sich ein Punkt auf diesem Kreis bewegt, können wir seine Position durch den Winkel beschreiben, den er zur positiven -Achse bildet.
Die Koordinaten dieses Punktes sind genau die Werte, die uns interessieren:
- Die -Koordinate entspricht dem Kosinus des Winkels:
- Die -Koordinate entspricht dem Sinus des Winkels:
Der Einheitskreis ist also die geometrische Grundlage für Sinus und Kosinus. Aus der Drehbewegung auf dem Kreis entsteht eine Wellenbewegung – und genau diese beschreiben die Sinus- und Kosinusfunktion.
Die Sinusfunktion
Abschnitt betitelt „Die Sinusfunktion“Die Sinusfunktion ordnet jedem Winkel einen Wert zu. Wir schreiben:
Dabei ist der Winkel, gemessen im Bogenmass. Das Bogenmass ist eine andere Art, Winkel anzugeben. Statt schreiben wir , statt schreiben wir . Diese Schreibweise ist in der höheren Mathematik Standard.
Der Graph der Sinusfunktion
Abschnitt betitelt „Der Graph der Sinusfunktion“Wenn du für verschiedene Winkel den Wert berechnest und die Punkte verbindest, entsteht eine charakteristische Wellenkurve. Sie beginnt bei , steigt bis zum Maximum bei , fällt durch bis zum Minimum bei und kehrt bei zum Ausgangswert zurück.
Diese Wellenbewegung wiederholt sich dann unendlich – sowohl nach rechts als auch nach links. Man sagt: Die Sinusfunktion ist periodisch mit der Periode .
Wichtige Eigenschaften der Sinusfunktion
Abschnitt betitelt „Wichtige Eigenschaften der Sinusfunktion“| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Definitionsbereich | (alle reellen Zahlen) |
| Wertebereich | |
| Periode | |
| Nullstellen | mit |
| Maximum | bei |
| Minimum | bei |
| Symmetrie | Punktsymmetrisch zum Ursprung |
Die Punktsymmetrie bedeutet: Wenn du den Graphen um um den Ursprung drehst, sieht er genauso aus wie vorher. Mathematisch drücken wir das so aus: . Funktionen mit dieser Eigenschaft heissen ungerade Funktionen.
Die Kosinusfunktion
Abschnitt betitelt „Die Kosinusfunktion“Die Kosinusfunktion funktioniert ganz ähnlich. Wir schreiben:
Auch hier ist der Winkel im Bogenmass.
Der Graph der Kosinusfunktion
Abschnitt betitelt „Der Graph der Kosinusfunktion“Der Kosinusgraph sieht aus wie eine verschobene Sinuskurve. Er beginnt bei – also am Maximum. Von dort fällt er durch zum Minimum bei , steigt durch und erreicht bei wieder das Maximum.
Tatsächlich ist der Kosinusgraph nichts anderes als der Sinusgraph, der um nach links verschoben wurde. Es gilt:
Wichtige Eigenschaften der Kosinusfunktion
Abschnitt betitelt „Wichtige Eigenschaften der Kosinusfunktion“| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Definitionsbereich | (alle reellen Zahlen) |
| Wertebereich | |
| Periode | |
| Nullstellen | mit |
| Maximum | bei |
| Minimum | bei |
| Symmetrie | Achsensymmetrisch zur -Achse |
Die Achsensymmetrie bedeutet: Spiegelst du den Graphen an der -Achse, bleibt er gleich. Mathematisch: . Solche Funktionen heissen gerade Funktionen.
Die Sinusfunktion und die Kosinusfunktion sind periodische Funktionen mit der Periode . Beide haben den Wertebereich . Der Sinusgraph startet bei und ist punktsymmetrisch zum Ursprung. Der Kosinusgraph startet bei und ist achsensymmetrisch zur -Achse. Beide Funktionen beschreiben Wellenbewegungen und basieren auf dem Einheitskreis.
Transformationen: Amplitude, Periode und Verschiebung
Abschnitt betitelt „Transformationen: Amplitude, Periode und Verschiebung“Die Standardfunktionen und sind nur der Anfang. In der Praxis begegnen dir oft veränderte Varianten. Die allgemeine Form lautet:
Jeder Parameter verändert den Graphen auf eine bestimmte Weise:
Der Parameter – die Amplitude
Abschnitt betitelt „Der Parameter aaa – die Amplitude“Der Faktor vor der Sinusfunktion streckt oder staucht den Graphen in -Richtung. Der Betrag heisst Amplitude. Er gibt an, wie weit der Graph vom Mittelwert nach oben und unten ausschlägt.
- Bei schwankt der Graph zwischen und .
- Bei schwankt er nur zwischen und .
- Bei wird der Graph zusätzlich an der -Achse gespiegelt.
Der Parameter – die Periode
Abschnitt betitelt „Der Parameter bbb – die Periode“Der Faktor im Argument verändert die Periode der Funktion. Die neue Periode berechnet sich als:
- Bei beträgt die Periode nur noch . Der Graph schwingt doppelt so schnell.
- Bei beträgt die Periode . Der Graph schwingt langsamer.
Der Parameter – die horizontale Verschiebung
Abschnitt betitelt „Der Parameter ccc – die horizontale Verschiebung“Der Wert verschiebt den Graphen entlang der -Achse.
- Bei verschiebt sich der Graph nach rechts.
- Bei verschiebt sich der Graph nach links.
Diese Verschiebung heisst auch Phasenverschiebung.
Der Parameter – die vertikale Verschiebung
Abschnitt betitelt „Der Parameter ddd – die vertikale Verschiebung“Der Summand verschiebt den gesamten Graphen nach oben oder unten. Die Mittellinie liegt dann nicht mehr bei , sondern bei .
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Abschnitt betitelt „Häufige Fehler und wie du sie vermeidest“Fehler 1: Grad und Bogenmass verwechseln Der Taschenrechner muss auf das richtige Winkelmass eingestellt sein. Wenn du eingibst und erhältst, ist der Rechner auf Bogenmass eingestellt. Im Gradmodus wäre das Ergebnis . Überprüfe immer die Einstellung (DEG für Grad, RAD für Bogenmass).
Fehler 2: Vorzeichen bei Transformationen vergessen Bei verschiebt sich der Graph nach rechts, nicht nach links. Das Minuszeichen im Argument wirkt “umgekehrt”. Merke dir: bedeutet Verschiebung um nach rechts.
Fehler 3: Periode falsch berechnen Die Periode ist , nicht oder . Bei ist die Periode , nicht .
Beispiele
Abschnitt betitelt „Beispiele“Aufgabe: Berechne und .
Lösung:
Diese Werte gehören zu den Standardwinkeln, die du auswendig kennen solltest.
Der Winkel entspricht . Aus dem Einheitskreis oder dem gleichseitigen Dreieck folgt:
Der Winkel entspricht . Hier gilt:
Wichtige Standardwerte zum Merken:
| Winkel | |||||
|---|---|---|---|---|---|
Aufgabe: Gegeben ist die Funktion . Bestimme Amplitude, Periode, Wertebereich und Mittellinie.
Lösung:
Wir vergleichen mit der allgemeinen Form :
Amplitude:
Der Graph schwingt um Einheiten nach oben und unten von der Mittellinie aus.
Periode:
Eine vollständige Schwingung dauert Einheiten.
Mittellinie:
Die Mittellinie liegt bei .
Wertebereich:
Der Graph schwankt um die Mittellinie () mit Amplitude :
- Maximum:
- Minimum:
Aufgabe: Eine Sinusfunktion hat folgende Eigenschaften:
- Amplitude:
- Periode:
- Mittellinie:
- Der Graph beginnt bei in der Mittellinie und steigt zunächst an.
Stelle die Funktionsgleichung auf.
Lösung:
Schritt 1: Amplitude bestimmen
Die Amplitude ist , also .
Schritt 2: Parameter aus der Periode berechnen
Wir lösen nach auf:
Also (positiv, da keine Spiegelung erwähnt).
Schritt 3: Vertikale Verschiebung
Die Mittellinie liegt bei , also .
Schritt 4: Horizontale Verschiebung prüfen
Der Graph beginnt bei in der Mittellinie und steigt an. Das entspricht genau dem Verhalten der Standardsinusfunktion. Also .
Ergebnis:
Aufgabe: Die Tageslänge in einer Stadt schwankt im Laufe des Jahres zwischen Stunden (kürzester Tag) und Stunden (längster Tag). Am 21. März beträgt die Tageslänge Stunden und nimmt zu. Modelliere die Tageslänge als Kosinusfunktion, wobei die Anzahl der Tage seit dem 1. Januar ist.
Lösung:
Schritt 1: Amplitude und Mittellinie
- Maximum: Stunden
- Minimum: Stunden
- Mittellinie: Stunden
- Amplitude: Stunden
Schritt 2: Periode
Ein Jahr hat Tage. Also .
Schritt 3: Phasenverschiebung
Am 21. März () liegt die Tageslänge bei Stunden (Mittellinie) und steigt. Bei einer Kosinusfunktion ist der Wert an der Mittellinie, wenn das Argument oder beträgt.
Da die Tageslänge steigt, muss die Kosinusfunktion von unten durch die Mittellinie gehen. Das passiert bei (Kosinus steigt danach).
Wir setzen an:
Ergebnis:
Oder alternativ mit Sinus (da ) lässt sich das Modell anpassen. Die Kosinusform zeigt, wie reale Phänomene durch trigonometrische Funktionen beschrieben werden.
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“- Sinus und Kosinus sind periodische Funktionen mit Periode und Wertebereich .
- Der Einheitskreis ist die geometrische Grundlage: ist die -Koordinate, die -Koordinate eines Punktes auf dem Kreis.
- Die allgemeine Form beschreibt Transformationen: ist die Amplitude, die Periode, die horizontale und die vertikale Verschiebung.
- Symmetrie: Sinus ist punktsymmetrisch (ungerade Funktion), Kosinus ist achsensymmetrisch (gerade Funktion).
- Standardwerte für Winkel wie , , , , solltest du auswendig kennen.
Dein Wissen im Test
Abschnitt betitelt „Dein Wissen im Test“Lösung anzeigen
Die Standardsinusfunktion hat den Wertebereich .
Multiplizieren mit ergibt: .
Subtrahieren von verschiebt den Bereich nach unten: .
Antwort: Der Wertebereich ist .
Lösung anzeigen
Die Periode berechnet sich mit der Formel .
Hier ist .
Antwort: Die Periode beträgt .
Lösung anzeigen
Wir prüfen :
Da gilt, ist eine ungerade Funktion (punktsymmetrisch zum Ursprung).
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Abschnitt betitelt „Ausblick: Was kommt als Nächstes?“Mit Sinus und Kosinus hast du zwei fundamentale Funktionen kennengelernt, die in der Mathematik und den Naturwissenschaften eine zentrale Rolle spielen. Im weiteren Verlauf wirst du die Tangensfunktion kennenlernen, die als Quotient definiert ist. Ausserdem warten trigonometrische Gleichungen auf dich, bei denen du Gleichungen wie lösen musst. Diese Fähigkeiten sind die Grundlage für die Analysis in der Oberstufe, wo du lernst, Sinus- und Kosinusfunktionen abzuleiten und zu integrieren.