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Ganzrationale Funktionen einfach erklärt: Polynome verstehen und anwenden

Stell dir vor, du wirfst einen Basketball in Richtung Korb. Der Ball fliegt nicht einfach geradeaus, sondern beschreibt einen eleganten Bogen durch die Luft. Diese Flugbahn ist keine zufällige Kurve – sie folgt einem mathematischen Gesetz. Oder denk an eine Achterbahn: Die Schienen steigen steil an, fallen wieder ab, machen Wellen und Kurven. All diese Formen lassen sich mit einer einzigen Funktionsfamilie beschreiben.

Diese mächtigen mathematischen Werkzeuge heissen ganzrationale Funktionen. Sie sind sozusagen die “Allrounder” unter den Funktionen. Mit ihnen kannst du nicht nur Wurfbahnen und Achterbahnen modellieren, sondern auch Unternehmensgewinne berechnen, Brückenbögen konstruieren oder das Verhalten von Populationen vorhersagen. In diesem Kapitel lernst du, wie diese Funktionen aufgebaut sind und wie du sie erkennst.

Von der Geraden zur Kurve: Der Weg zu ganzrationalen Funktionen

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Du kennst bereits lineare Funktionen wie f(x)=2x+3f(x) = 2x + 3. Der Graph ist immer eine Gerade. Du kennst auch quadratische Funktionen wie g(x)=x24x+1g(x) = x^2 - 4x + 1. Der Graph ist immer eine Parabel. Aber was haben diese beiden Funktionstypen gemeinsam?

Schau dir die Bausteine genauer an:

  • Lineare Funktion: f(x)=2x+3f(x) = 2x + 3 besteht aus xx und Zahlen
  • Quadratische Funktion: g(x)=x24x+1g(x) = x^2 - 4x + 1 besteht aus x2x^2, xx und Zahlen

Das Muster ist klar: Beide Funktionen verwenden nur Potenzen von xx mit natürlichen Exponenten (also 0, 1, 2, 3, …) und multiplizieren diese mit Zahlen. Genau das macht eine ganzrationale Funktion aus.

Eine ganzrationale Funktion ist eine Summe von Termen der Form axna \cdot x^n. Dabei ist aa eine beliebige reelle Zahl und nn eine natürliche Zahl (inklusive 0).

Die allgemeine Form sieht so aus:

f(x)=anxn+an1xn1++a2x2+a1x+a0f(x) = a_n \cdot x^n + a_{n-1} \cdot x^{n-1} + \ldots + a_2 \cdot x^2 + a_1 \cdot x + a_0

Das sieht auf den ersten Blick kompliziert aus. Lass es uns Stück für Stück zerlegen:

  • Die Zahlen an,an1,,a1,a0a_n, a_{n-1}, \ldots, a_1, a_0 heissen Koeffizienten. Sie bestimmen, wie stark jeder Term die Funktion beeinflusst.
  • Die höchste Potenz nn heisst der Grad der Funktion.
  • Der Term anxna_n \cdot x^n mit der höchsten Potenz heisst Leitterm.
  • Der Koeffizient ana_n heisst Leitkoeffizient.
  • Der Term a0a_0 (ohne xx) heisst Absolutglied oder konstanter Term.
DEFINITION

Eine ganzrationale Funktion vom Grad nn hat die Form:

f(x)=anxn+an1xn1++a1x+a0f(x) = a_n \cdot x^n + a_{n-1} \cdot x^{n-1} + \ldots + a_1 \cdot x + a_0

Dabei gilt: an0a_n \neq 0 (der Leitkoeffizient darf nicht null sein) und alle Exponenten sind natürliche Zahlen. Der Grad nn gibt die höchste vorkommende Potenz von xx an.

Der Grad einer ganzrationalen Funktion verrät dir sofort wichtige Eigenschaften über ihren Graphen. Er ist wie ein Steckbrief der Funktion.

Grad 0: Konstante Funktion f(x)=5f(x) = 5 Der Graph ist eine horizontale Gerade.

Grad 1: Lineare Funktion f(x)=3x2f(x) = 3x - 2 Der Graph ist eine schräge Gerade.

Grad 2: Quadratische Funktion f(x)=2x24x+1f(x) = 2x^2 - 4x + 1 Der Graph ist eine Parabel mit genau einem Scheitelpunkt.

Grad 3: Kubische Funktion f(x)=x33x2+2xf(x) = x^3 - 3x^2 + 2x Der Graph kann bis zu zwei Wendepunkte haben und sieht oft S-förmig aus.

Grad 4: Quartische Funktion f(x)=x42x2+1f(x) = x^4 - 2x^2 + 1 Der Graph kann bis zu drei Wendepunkte haben und W-förmig aussehen.

Je höher der Grad, desto mehr “Wellen” und Richtungswechsel kann der Graph haben. Genauer gesagt: Eine ganzrationale Funktion vom Grad nn hat höchstens n1n - 1 lokale Extremstellen (Hoch- und Tiefpunkte).

Jeder Koeffizient hat eine spezielle Aufgabe:

Der Leitkoeffizient ana_n bestimmt das Verhalten für sehr grosse und sehr kleine xx-Werte:

  • Ist an>0a_n > 0 und nn gerade, dann geht der Graph für x±x \to \pm\infty nach oben
  • Ist an<0a_n < 0 und nn gerade, dann geht der Graph für x±x \to \pm\infty nach unten
  • Ist an>0a_n > 0 und nn ungerade, dann geht der Graph links nach unten und rechts nach oben
  • Ist an<0a_n < 0 und nn ungerade, dann geht der Graph links nach oben und rechts nach unten

Das Absolutglied a0a_0 gibt den yy-Achsenabschnitt an. Der Graph schneidet die yy-Achse immer im Punkt (0a0)(0 \mid a_0).

Ganzrationale Funktionen erkennen: Eine Checkliste

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Wie erkennst du, ob eine Funktion ganzrational ist? Prüfe diese drei Kriterien:

  1. Nur Potenzen von xx: Die Variable xx darf nur mit natürlichen Exponenten vorkommen (0, 1, 2, 3, …).
  2. Keine Brüche mit xx im Nenner: Terme wie 1x\frac{1}{x} oder 3x2\frac{3}{x^2} sind verboten.
  3. Keine Wurzeln von xx: Terme wie x\sqrt{x} oder x3\sqrt[3]{x} sind verboten.
FunktionGanzrational?Begründung
f(x)=3x42x2+7f(x) = 3x^4 - 2x^2 + 7JaNur natürliche Exponenten
g(x)=x3+1xg(x) = x^3 + \frac{1}{x}Nein1x=x1\frac{1}{x} = x^{-1} hat negativen Exponenten
h(x)=2x5xh(x) = 2x^5 - \sqrt{x}Neinx=x0.5\sqrt{x} = x^{0.5} hat keinen natürlichen Exponenten
k(x)=x2+3x2k(x) = \frac{x^2 + 3x}{2}Ja=12x2+32x= \frac{1}{2}x^2 + \frac{3}{2}x, nur Zahlen im Nenner

Häufige Fehler und wie du sie vermeidest:

  1. Verwechslung von Grad und Anzahl der Terme: Der Grad ist die höchste Potenz, nicht die Anzahl der Summanden. Die Funktion f(x)=x5+1f(x) = x^5 + 1 hat nur zwei Terme, aber Grad 5.

  2. Negative Exponenten übersehen: Der Term 3x2\frac{3}{x^2} sieht harmlos aus, ist aber 3x23 \cdot x^{-2}. Das macht die Funktion nicht ganzrational.

  3. Grad bei fehlenden Termen falsch bestimmen: Bei f(x)=x4+2xf(x) = x^4 + 2x fehlt x3x^3 und x2x^2. Der Grad ist trotzdem 4, denn der höchste Exponent zählt.

Beispiel 1: Grad und Koeffizienten bestimmen

Gegeben ist die Funktion f(x)=4x32x2+5x7f(x) = 4x^3 - 2x^2 + 5x - 7.

Schritt 1: Identifiziere den höchsten Exponenten. Der höchste Exponent ist 3. Also ist der Grad gleich 3.

Schritt 2: Bestimme den Leitterm und Leitkoeffizienten. Der Leitterm ist 4x34x^3. Der Leitkoeffizient ist a3=4a_3 = 4.

Schritt 3: Bestimme das Absolutglied. Das Absolutglied ist a0=7a_0 = -7.

Schritt 4: Liste alle Koeffizienten auf.

  • a3=4a_3 = 4 (bei x3x^3)
  • a2=2a_2 = -2 (bei x2x^2)
  • a1=5a_1 = 5 (bei xx)
  • a0=7a_0 = -7 (konstant)

Interpretation: Diese kubische Funktion schneidet die yy-Achse bei (07)(0 \mid -7). Da der Leitkoeffizient positiv ist und der Grad ungerade, verläuft der Graph von links unten nach rechts oben.

Beispiel 2: Funktionsgleichung aus Beschreibung aufstellen

Eine ganzrationale Funktion dritten Grades hat:

  • Leitkoeffizient 2
  • Keinen quadratischen Term
  • Linearen Koeffizienten 3-3
  • Absolutglied 1

Stelle die Funktionsgleichung auf.

Schritt 1: Schreibe die allgemeine Form für Grad 3 auf. f(x)=a3x3+a2x2+a1x+a0f(x) = a_3 x^3 + a_2 x^2 + a_1 x + a_0

Schritt 2: Setze die bekannten Koeffizienten ein.

  • a3=2a_3 = 2 (Leitkoeffizient)
  • a2=0a_2 = 0 (kein quadratischer Term)
  • a1=3a_1 = -3 (linearer Koeffizient)
  • a0=1a_0 = 1 (Absolutglied)

Schritt 3: Schreibe die Funktionsgleichung. f(x)=2x3+0x2+(3)x+1f(x) = 2x^3 + 0 \cdot x^2 + (-3)x + 1

f(x)=2x33x+1f(x) = 2x^3 - 3x + 1

Beispiel 3: Ganzrationale Funktion ja oder nein?

Prüfe, ob die folgenden Funktionen ganzrational sind:

a) f(x)=x43x2+24f(x) = \frac{x^4 - 3x^2 + 2}{4}

Schreibe um: f(x)=14x434x2+12f(x) = \frac{1}{4}x^4 - \frac{3}{4}x^2 + \frac{1}{2}

Ja, das ist eine ganzrationale Funktion vom Grad 4. Die Zahl 4 steht im Nenner, nicht xx.

b) g(x)=x2+3x+x1g(x) = x^2 + 3x + x^{-1}

Der Term x1x^{-1} hat einen negativen Exponenten.

Nein, das ist keine ganzrationale Funktion.

c) h(x)=(x+2)(x1)(x+3)h(x) = (x + 2)(x - 1)(x + 3)

Multipliziere aus: h(x)=(x+2)(x2+2x3)h(x) = (x + 2)(x^2 + 2x - 3)

h(x)=x3+2x23x+2x2+4x6h(x) = x^3 + 2x^2 - 3x + 2x^2 + 4x - 6

h(x)=x3+4x2+x6h(x) = x^3 + 4x^2 + x - 6

Ja, das ist eine ganzrationale Funktion vom Grad 3.

d) k(x)=5k(x) = 5

Das ist dasselbe wie k(x)=5x0k(x) = 5 \cdot x^0, da x0=1x^0 = 1.

Ja, das ist eine ganzrationale Funktion vom Grad 0 (konstante Funktion).

Beispiel 4: Anwendung – Gewinn eines Unternehmens

Der monatliche Gewinn eines Start-ups (in tausend CHF) lässt sich durch folgende Funktion modellieren:

G(x)=0.5x3+6x215x+10G(x) = -0.5x^3 + 6x^2 - 15x + 10

Dabei ist xx die Anzahl der Monate seit Gründung (x0x \geq 0).

Aufgabe: Bestimme den Gewinn nach 2 Monaten und berechne den Anfangsgewinn.

Lösung:

Anfangsgewinn (bei x=0x = 0): G(0)=0.503+602150+10=10G(0) = -0.5 \cdot 0^3 + 6 \cdot 0^2 - 15 \cdot 0 + 10 = 10

Der Anfangsgewinn beträgt 10’000 CHF. Das entspricht dem Absolutglied.

Gewinn nach 2 Monaten (x=2x = 2): G(2)=0.523+622152+10G(2) = -0.5 \cdot 2^3 + 6 \cdot 2^2 - 15 \cdot 2 + 10

G(2)=0.58+6430+10G(2) = -0.5 \cdot 8 + 6 \cdot 4 - 30 + 10

G(2)=4+2430+10G(2) = -4 + 24 - 30 + 10

G(2)=0G(2) = 0

Nach 2 Monaten beträgt der Gewinn 0 CHF – das Unternehmen arbeitet kostendeckend.

Bemerkung: Da der Leitkoeffizient negativ ist (a3=0.5a_3 = -0.5) und der Grad ungerade (3), wird der Gewinn für grosse xx negativ. Das Modell ist also nur für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll.

Einige ganzrationale Funktionen haben besondere Namen und Eigenschaften:

Potenzfunktionen: f(x)=xnf(x) = x^n Das sind ganzrationale Funktionen mit nur einem Term (ausser dem Leitterm sind alle Koeffizienten null).

Symmetrische Funktionen:

  • Nur gerade Exponenten (z.B. f(x)=x43x2+2f(x) = x^4 - 3x^2 + 2): Der Graph ist achsensymmetrisch zur yy-Achse.
  • Nur ungerade Exponenten (z.B. f(x)=x52x3+xf(x) = x^5 - 2x^3 + x): Der Graph ist punktsymmetrisch zum Ursprung.

Normierte Funktionen: Wenn der Leitkoeffizient gleich 1 ist, heisst die Funktion normiert. Beispiel: f(x)=x34x+1f(x) = x^3 - 4x + 1.

  • Eine ganzrationale Funktion besteht aus Summen von Termen akxka_k \cdot x^k, wobei alle Exponenten natürliche Zahlen sind.
  • Der Grad ist die höchste vorkommende Potenz und bestimmt die maximale Anzahl an Extremstellen und das Verhalten für grosse x|x|-Werte.
  • Der Leitkoeffizient bestimmt, ob der Graph nach oben oder unten strebt.
  • Das Absolutglied a0a_0 ist der yy-Achsenabschnitt.
  • Funktionen mit xx im Nenner oder unter einer Wurzel sind nicht ganzrational.
❓ Frage:

Welchen Grad hat die Funktion f(x)=3x5x3+7x2f(x) = 3x^5 - x^3 + 7x - 2?

Lösung anzeigen

Der Grad ist 5.

Der höchste Exponent von xx ist 5 (im Term 3x53x^5). Es spielt keine Rolle, dass x4x^4 und x2x^2 fehlen.

❓ Frage:

Ist die Funktion g(x)=x3+2xxg(x) = \frac{x^3 + 2x}{x} eine ganzrationale Funktion?

Lösung anzeigen

Ja, wenn du sie umformst:

g(x)=x3+2xx=x3x+2xx=x2+2g(x) = \frac{x^3 + 2x}{x} = \frac{x^3}{x} + \frac{2x}{x} = x^2 + 2

Die vereinfachte Form g(x)=x2+2g(x) = x^2 + 2 ist eine ganzrationale Funktion vom Grad 2.

Achtung: Die Funktion ist allerdings nur für x0x \neq 0 definiert.

❓ Frage:

Gegeben ist h(x)=2x4+5x21h(x) = -2x^4 + 5x^2 - 1. Welches Verhalten zeigt der Graph für x+x \to +\infty?

Lösung anzeigen

Der Graph geht für x+x \to +\infty nach unten (gegen -\infty).

Begründung: Der Grad ist 4 (gerade) und der Leitkoeffizient ist 2-2 (negativ). Bei geraden Graden mit negativem Leitkoeffizient zeigt der Graph auf beiden Seiten nach unten.

Du hast jetzt die Grundlagen ganzrationaler Funktionen verstanden. Im nächsten Schritt wirst du lernen, wie du diese Funktionen genauer analysierst:

  • Nullstellen berechnen: Wo schneidet der Graph die xx-Achse? Du wirst Methoden wie die Polynomdivision und das Horner-Schema kennenlernen.
  • Extremstellen finden: Mit Hilfe der Ableitung bestimmst du Hoch- und Tiefpunkte.
  • Wendepunkte analysieren: Wo ändert der Graph seine Krümmung?

Ausserdem wirst du weitere Funktionstypen kennenlernen, die nicht ganzrational sind: gebrochen-rationale Funktionen (mit xx im Nenner), Exponentialfunktionen und trigonometrische Funktionen. Jeder dieser Typen hat seine eigenen Besonderheiten und Anwendungen. Die ganzrationalen Funktionen bilden dafür eine wichtige Grundlage.