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Geraden in der analytischen Geometrie: Vom Punkt zur Gleichung

Stell dir vor, du stehst am Bahnhof und beobachtest einen Zug, der auf schnurgeraden Schienen in die Ferne fährt. Der Zug hat einen Startpunkt – den Bahnhof. Und er bewegt sich in eine bestimmte Richtung – entlang der Gleise. Mit nur diesen zwei Informationen könntest du exakt beschreiben, wo sich der Zug zu jedem Zeitpunkt befindet.

Genau so funktioniert das Beschreiben von Geraden in der analytischen Geometrie. Du brauchst einen Startpunkt und eine Richtung. Mit diesem einfachen Prinzip kannst du jede Gerade im Raum mathematisch erfassen – und das öffnet die Tür zu faszinierenden Anwendungen in Physik, Computergrafik und Architektur.

Kehren wir zum Zug zurück. Der Bahnhof liegt an einem bestimmten Ort – sagen wir bei den Koordinaten (2,3)(2, 3) in einem Koordinatensystem. Die Schienen zeigen in eine Richtung, die wir als “2 Einheiten nach rechts und 1 Einheit nach oben” beschreiben könnten.

Wenn der Zug losfährt, bewegt er sich von seinem Startpunkt aus immer weiter in diese Richtung. Nach einer “Einheit Zeit” ist er bei (4,4)(4, 4). Nach zwei “Einheiten Zeit” bei (6,5)(6, 5). Du siehst: Jeder Punkt auf der Strecke lässt sich berechnen.

In der Mathematik formalisieren wir das. Der Startpunkt wird zum Stützvektor. Die Richtung wird zum Richtungsvektor. Und die “Zeit” wird zu einem Parameter, den wir meist tt nennen.

Die Parameterform ist die mächtigste Methode, um Geraden zu beschreiben. Sie funktioniert in der Ebene (2D) genauso wie im Raum (3D).

So erstellst du die Parameterform einer Geraden:

  1. Wähle einen Punkt auf der Geraden. Dieser wird dein Stützvektor a\vec{a}.
  2. Bestimme die Richtung der Geraden. Das ist dein Richtungsvektor v\vec{v}.
  3. Setze beides in die Formel ein: r=a+tv\vec{r} = \vec{a} + t \cdot \vec{v}

Der Parameter tt ist eine reelle Zahl. Für jeden Wert von tt erhältst du einen anderen Punkt auf der Geraden.

DEFINITION

Eine Gerade gg lässt sich durch die Parameterform beschreiben:

r=a+tv\vec{r} = \vec{a} + t \cdot \vec{v}

Dabei ist:

  • r\vec{r} der Ortsvektor eines beliebigen Punktes auf der Geraden
  • a\vec{a} der Stützvektor (ein fester Punkt auf der Geraden)
  • v\vec{v} der Richtungsvektor (gibt die Richtung der Geraden an)
  • tRt \in \mathbb{R} der Parameter

Oft kennst du nicht direkt die Richtung, sondern zwei Punkte auf der Geraden. Kein Problem! Der Richtungsvektor ergibt sich aus der Differenz der beiden Ortsvektoren.

Wenn du die Punkte PP und QQ hast, dann ist:

v=qp\vec{v} = \vec{q} - \vec{p}

Das ist logisch: Der Vektor von PP nach QQ zeigt genau in die Richtung der Geraden.

In der Ebene gibt es noch eine andere, oft praktischere Darstellung: die Koordinatenform. Sie beschreibt alle Punkte (x,y)(x, y), die auf der Geraden liegen.

Die allgemeine Koordinatenform lautet:

ax+by=cax + by = c

Dabei sind aa, bb und cc Konstanten. Diese Form ist besonders nützlich, wenn du Schnittpunkte berechnen willst.

Um von der Parameterform zur Koordinatenform zu gelangen, eliminierst du den Parameter tt:

  1. Schreibe die Parameterform als zwei separate Gleichungen (eine für xx, eine für yy).
  2. Löse eine Gleichung nach tt auf.
  3. Setze diesen Ausdruck in die andere Gleichung ein.
  4. Vereinfache.

Du kennst sie wahrscheinlich schon aus früheren Klassen: die Steigungsform y=mx+qy = mx + q. Sie ist ein Spezialfall der Koordinatenform und beschreibt Geraden in der Ebene besonders anschaulich.

  • mm ist die Steigung: Sie gibt an, um wie viele Einheiten yy wächst, wenn xx um 1 wächst.
  • qq ist der y-Achsenabschnitt: der Punkt, an dem die Gerade die yy-Achse schneidet.

Achtung: Die Steigungsform versagt bei senkrechten Geraden! Eine Gerade der Form x=3x = 3 hat keine Steigung im klassischen Sinn.

Fehler 1: Richtungs- und Stützvektor verwechseln Der Stützvektor ist ein Punkt (beschrieben als Ortsvektor). Der Richtungsvektor gibt die Richtung an. Wenn du die Gerade durch P(1,2)P(1, 2) mit Richtung (3,4)(3, 4) beschreibst, ist a=(12)\vec{a} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \end{pmatrix} und v=(34)\vec{v} = \begin{pmatrix} 3 \\ 4 \end{pmatrix}.

Fehler 2: Den Parameter vergessen Die Parameterform funktioniert nur mit dem Parameter tt. Ohne ihn beschreibst du nur einen einzigen Punkt, nicht die ganze Gerade. Schreibe immer r=a+tv\vec{r} = \vec{a} + t \cdot \vec{v} mit tRt \in \mathbb{R}.

Fehler 3: Die Richtung aus einem einzelnen Punkt ableiten wollen Ein einzelner Punkt gibt keine Richtung vor! Du brauchst entweder zwei Punkte oder eine explizite Richtungsangabe.

Beispiel 1: Parameterform aufstellen

Aufgabe: Stelle die Parameterform der Geraden durch die Punkte A(1,2)A(1, 2) und B(4,6)B(4, 6) auf.

Lösung:

Schritt 1: Stützvektor wählen Wir wählen AA als Stützpunkt: a=(12)\vec{a} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \end{pmatrix}

Schritt 2: Richtungsvektor berechnen v=ba=(46)(12)=(34)\vec{v} = \vec{b} - \vec{a} = \begin{pmatrix} 4 \\ 6 \end{pmatrix} - \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 3 \\ 4 \end{pmatrix}

Schritt 3: Parameterform aufschreiben r=(12)+t(34),tR\vec{r} = \begin{pmatrix} 1 \\ 2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 3 \\ 4 \end{pmatrix}, \quad t \in \mathbb{R}

Probe: Für t=0t = 0 erhalten wir Punkt AA. Für t=1t = 1 erhalten wir (4,6)=B(4, 6) = B. ✓

Beispiel 2: Liegt ein Punkt auf der Geraden?

Aufgabe: Gegeben ist die Gerade g:r=(21)+t(13)g: \vec{r} = \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix}.

Liegt der Punkt P(5,10)P(5, 10) auf der Geraden?

Lösung:

Wir setzen die Koordinaten von PP ein und prüfen, ob ein passendes tt existiert.

Aus der xx-Koordinate: 5=2+t15 = 2 + t \cdot 1 t=3t = 3

Aus der yy-Koordinate: 10=1+t310 = 1 + t \cdot 3 t=3t = 3

Beide Gleichungen liefern t=3t = 3. Also liegt PP auf der Geraden.

Gegenbeispiel: Für Q(4,5)Q(4, 5) würden wir aus der xx-Gleichung t=2t = 2 erhalten, aus der yy-Gleichung aber t=43t = \frac{4}{3}. Widerspruch! QQ liegt nicht auf gg.

Beispiel 3: Schnittpunkt zweier Geraden berechnen

Aufgabe: Berechne den Schnittpunkt der Geraden:

  • g:r=(10)+s(21)g: \vec{r} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix}
  • h:r=(03)+t(11)h: \vec{r} = \begin{pmatrix} 0 \\ 3 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ -1 \end{pmatrix}

Lösung:

Am Schnittpunkt sind beide Ortsvektoren gleich: (10)+s(21)=(03)+t(11)\begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} + s \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 0 \\ 3 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ -1 \end{pmatrix}

Das ergibt zwei Gleichungen: 1+2s=t(I)1 + 2s = t \quad (I) s=3t(II)s = 3 - t \quad (II)

Aus (II) in (I) einsetzen: 1+2(3t)=t1 + 2(3 - t) = t 1+62t=t1 + 6 - 2t = t 7=3t7 = 3t t=73t = \frac{7}{3}

Einsetzen in (II): s=373=23s = 3 - \frac{7}{3} = \frac{2}{3}

Den Schnittpunkt erhalten wir durch Einsetzen in gg: r=(10)+23(21)=(1+4323)=(7323)\vec{r} = \begin{pmatrix} 1 \\ 0 \end{pmatrix} + \frac{2}{3} \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 + \frac{4}{3} \\ \frac{2}{3} \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} \frac{7}{3} \\ \frac{2}{3} \end{pmatrix}

Schnittpunkt: S(73,23)S\left(\frac{7}{3}, \frac{2}{3}\right)

Beispiel 4: Parameterform in Steigungsform umwandeln

Aufgabe: Wandle die Gerade g:r=(25)+t(42)g: \vec{r} = \begin{pmatrix} 2 \\ 5 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 4 \\ -2 \end{pmatrix} in die Steigungsform um.

Lösung:

Schritt 1: Parameterform in Komponentenform schreiben x=2+4tx = 2 + 4t y=52ty = 5 - 2t

Schritt 2: Erste Gleichung nach tt auflösen x=2+4tx = 2 + 4t x2=4tx - 2 = 4t t=x24t = \frac{x - 2}{4}

Schritt 3: In die zweite Gleichung einsetzen y=52x24y = 5 - 2 \cdot \frac{x - 2}{4} y=5x22y = 5 - \frac{x - 2}{2} y=512x+1y = 5 - \frac{1}{2}x + 1 y=12x+6y = -\frac{1}{2}x + 6

Steigungsform: y=12x+6y = -\frac{1}{2}x + 6

Die Steigung ist m=12m = -\frac{1}{2}, der yy-Achsenabschnitt ist q=6q = 6.

  • Parameterform: r=a+tv\vec{r} = \vec{a} + t \cdot \vec{v} beschreibt eine Gerade durch Stützvektor und Richtungsvektor. Der Parameter tt durchläuft alle reellen Zahlen.
  • Richtungsvektor aus zwei Punkten: v=qp\vec{v} = \vec{q} - \vec{p}
  • Punktprobe: Ein Punkt liegt auf der Geraden, wenn sich für beide Koordinaten derselbe Parameterwert ergibt.
  • Steigungsform: y=mx+qy = mx + q ist praktisch für Geraden in der Ebene, funktioniert aber nicht bei senkrechten Geraden.
❓ Frage: Eine Gerade verläuft durch P(3,1)P(3, 1) mit Richtungsvektor (25)\begin{pmatrix} 2 \\ 5 \end{pmatrix}. Welchen Wert hat der Parameter tt, wenn du den Punkt Q(7,11)Q(7, 11) erreichen willst?
Lösung anzeigen

Wir setzen an: (711)=(31)+t(25)\begin{pmatrix} 7 \\ 11 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 3 \\ 1 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 2 \\ 5 \end{pmatrix}

Aus der xx-Koordinate: 7=3+2tt=27 = 3 + 2t \Rightarrow t = 2

Probe mit yy: 11=1+52=1111 = 1 + 5 \cdot 2 = 11

Antwort: t=2t = 2

❓ Frage: Zwei Geraden haben die Richtungsvektoren v1=(36)\vec{v}_1 = \begin{pmatrix} 3 \\ -6 \end{pmatrix} und v2=(12)\vec{v}_2 = \begin{pmatrix} -1 \\ 2 \end{pmatrix}. Sind die Geraden parallel, identisch oder schneiden sie sich?
Lösung anzeigen

Wir prüfen, ob ein Richtungsvektor ein Vielfaches des anderen ist:

v1=(36)=3(12)=3v2\vec{v}_1 = \begin{pmatrix} 3 \\ -6 \end{pmatrix} = -3 \cdot \begin{pmatrix} -1 \\ 2 \end{pmatrix} = -3 \cdot \vec{v}_2

Die Richtungsvektoren sind Vielfache voneinander. Die Geraden sind also parallel (oder identisch, falls sie einen gemeinsamen Punkt haben).

Ob sie identisch sind, lässt sich nur entscheiden, wenn wir die Stützvektoren kennen.

❓ Frage: Die Gerade gg hat die Steigungsform y=3x2y = 3x - 2. Gib einen möglichen Stützvektor und Richtungsvektor für die Parameterform an.
Lösung anzeigen

Aus y=3x2y = 3x - 2 lesen wir ab:

  • Steigung m=3m = 3: Wenn xx um 1 wächst, wächst yy um 3.
  • yy-Achsenabschnitt q=2q = -2: Die Gerade schneidet die yy-Achse bei (0,2)(0, -2).

Mögliche Antwort:

  • Stützvektor: a=(02)\vec{a} = \begin{pmatrix} 0 \\ -2 \end{pmatrix}
  • Richtungsvektor: v=(13)\vec{v} = \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix}

Parameterform: r=(02)+t(13)\vec{r} = \begin{pmatrix} 0 \\ -2 \end{pmatrix} + t \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 3 \end{pmatrix}

Hinweis: Auch Vielfache des Richtungsvektors und andere Punkte auf der Geraden wären korrekt.

Du hast jetzt das Handwerkszeug, um Geraden in der Ebene zu beschreiben. Der nächste logische Schritt ist die Erweiterung in den dreidimensionalen Raum. Dort funktioniert die Parameterform genauso – du arbeitest einfach mit Vektoren, die drei Komponenten haben.

Ausserdem wirst du lernen, wie man den Abstand eines Punktes zu einer Geraden berechnet und wie sich Ebenen mathematisch beschreiben lassen. Das Zusammenspiel von Geraden und Ebenen im Raum ist ein zentrales Thema der analytischen Geometrie in der Oberstufe.