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Zentrische Streckung einfach erklärt: So vergrösserst und verkleinerst du Figuren

Stell dir vor, du fotografierst deine Freunde mit dem Smartphone. Wenn du mit zwei Fingern auf das Bild tippst und sie auseinanderziehst, wird das Bild grösser. Ziehst du sie zusammen, wird es kleiner. Das Erstaunliche: Das Bild bleibt dabei immer gleich – nur die Grösse ändert sich. Die Proportionen, also das Verhältnis zwischen Kopf, Körper und Beinen, bleiben exakt erhalten. Niemand bekommt plötzlich einen riesigen Kopf oder winzige Füsse.

Genau dieses Prinzip nutzen Mathematiker seit Jahrhunderten. Sie nennen es zentrische Streckung. Mit dieser Methode kannst du jede geometrische Figur vergrössern oder verkleinern, ohne ihre Form zu verändern. Architekten verwenden sie für Baupläne, Kartografen für Landkarten und Designer für Logos. In diesem Artikel lernst du, wie du selbst Figuren zentrisch strecken kannst.

Kehren wir zum Smartphone-Beispiel zurück. Wenn du das Bild vergrösserst, gibt es einen festen Punkt, der sich nicht bewegt. Dieser Punkt liegt genau zwischen deinen beiden Fingern. Von diesem Punkt aus “wandern” alle anderen Punkte des Bildes nach aussen.

In der Mathematik funktioniert die zentrische Streckung genauso. Du brauchst drei Dinge:

  1. Ein Streckzentrum ZZ: Das ist der feste Punkt, der sich nicht bewegt. Von hier aus werden alle anderen Punkte verschoben.

  2. Einen Streckfaktor kk: Diese Zahl gibt an, um wie viel grösser oder kleiner die Figur wird.

  3. Eine Originalfigur: Die Figur, die du strecken möchtest.

Das Ergebnis ist die Bildfigur. Sie ist ähnlich zur Originalfigur. Das bedeutet: Alle Winkel bleiben gleich, alle Seitenlängen werden mit demselben Faktor multipliziert.

Bevor wir zur eigentlichen Konstruktion kommen, hilft eine Tabelle beim Verstehen. Sie zeigt, wie sich Seitenlängen bei verschiedenen Streckfaktoren verändern.

Streckfaktor kkOriginallängeBildlängeWirkung
k=2k = 23cm3 \, \text{cm}6cm6 \, \text{cm}Vergrösserung auf das Doppelte
k=3k = 33cm3 \, \text{cm}9cm9 \, \text{cm}Vergrösserung auf das Dreifache
k=0,5k = 0{,}53cm3 \, \text{cm}1,5cm1{,}5 \, \text{cm}Verkleinerung auf die Hälfte
k=1k = 13cm3 \, \text{cm}3cm3 \, \text{cm}Keine Veränderung
k=1k = -13cm3 \, \text{cm}3cm3 \, \text{cm}Punktspiegelung am Zentrum

Die Tabelle zeigt: Der Streckfaktor bestimmt alles. Bei k>1k > 1 wird die Figur grösser. Bei 0<k<10 < k < 1 wird sie kleiner. Bei negativem kk liegt die Bildfigur auf der anderen Seite des Zentrums.

Die zentrische Streckung eines Punktes PP zum Bildpunkt PP' folgt immer demselben Ablauf. Hier ist dein Schritt-für-Schritt-Rezept:

Schritt 1: Zeichne das Streckzentrum ZZ ein.

Schritt 2: Verbinde ZZ mit dem Punkt PP, den du strecken möchtest. Du erhältst die Strecke ZP\overline{ZP}.

Schritt 3: Miss die Länge von ZP\overline{ZP}.

Schritt 4: Multipliziere diese Länge mit dem Streckfaktor kk. Das Ergebnis ist die neue Länge ZP\overline{ZP'}.

Schritt 5: Trage die neue Länge auf der Geraden durch ZZ und PP ab. Bei positivem kk liegt PP' auf derselben Seite von ZZ wie PP. Bei negativem kk liegt PP' auf der gegenüberliegenden Seite.

Schritt 6: Wiederhole die Schritte 2-5 für alle weiteren Eckpunkte der Figur.

Schritt 7: Verbinde die Bildpunkte zur Bildfigur.

DEFINITION

Bei einer zentrischen Streckung mit Zentrum ZZ und Streckfaktor kk wird jeder Punkt PP auf einen Bildpunkt PP' abgebildet. Dabei gilt:

ZP=kZP\overline{ZP'} = k \cdot \overline{ZP}

Die Bildstrecke ist also das kk-fache der Originalstrecke. Der Punkt PP' liegt auf der Halbgeraden von ZZ durch PP (bei k>0k > 0) oder auf der Gegenrichtung (bei k<0k < 0).

Die zentrische Streckung hat besondere Eigenschaften, die du kennen musst:

Längentreue im Verhältnis: Alle Strecken werden mit demselben Faktor kk multipliziert. Wenn eine Seite doppelt so lang ist wie eine andere, bleibt das auch nach der Streckung so.

Winkeltreue: Alle Winkel bleiben exakt gleich. Ein rechter Winkel bleibt ein rechter Winkel. Ein Winkel von 60°60° bleibt bei 60°60°.

Parallelität: Parallele Geraden bleiben parallel. Das ist wichtig bei Figuren wie Parallelogrammen oder Trapezen.

Flächenänderung: Die Fläche verändert sich mit dem Quadrat des Streckfaktors. Bei k=2k = 2 wird die Fläche 22=42^2 = 4-mal so gross. Bei k=0,5k = 0{,}5 wird sie 0,52=0,250{,}5^2 = 0{,}25-mal so gross, also ein Viertel.

A=k2AA' = k^2 \cdot A

Hierbei ist AA die Originalfläche und AA' die Bildfläche.

Fehler 1: Die falsche Richtung bei negativem Streckfaktor Bei negativem kk vergessen viele, dass der Bildpunkt auf der anderen Seite des Zentrums liegt. Merke dir: Negatives kk bedeutet “durch das Zentrum hindurch”.

Fehler 2: Die Länge falsch abtragen Manche tragen die neue Länge ab dem Originalpunkt PP ab statt ab dem Zentrum ZZ. Die Messung beginnt immer beim Zentrum!

Fehler 3: Die Flächenformel verwechseln Längen werden mit kk multipliziert, Flächen mit k2k^2. Bei k=3k = 3 werden Längen 3-mal so gross, Flächen aber 9-mal so gross. Diese Verwechslung führt zu falschen Ergebnissen.

Fehler 4: Das Zentrum auf die Figur legen Das Streckzentrum kann überall liegen – auch auf der Figur oder sogar innerhalb der Figur. Punkte, die genau auf dem Zentrum liegen, werden nicht verschoben.

Beispiel 1: Einfache Streckung eines Dreiecks

Gegeben ist ein Dreieck ABCABC mit den Seitenlängen AB=4cm\overline{AB} = 4 \, \text{cm}, BC=3cm\overline{BC} = 3 \, \text{cm} und AC=5cm\overline{AC} = 5 \, \text{cm}. Das Streckzentrum ZZ liegt ausserhalb des Dreiecks. Der Streckfaktor beträgt k=2k = 2.

Aufgabe: Berechne die Seitenlängen des Bilddreiecks ABCA'B'C'.

Lösung:

Jede Seitenlänge wird mit dem Streckfaktor multipliziert:

AB=kAB=24cm=8cm\overline{A'B'} = k \cdot \overline{AB} = 2 \cdot 4 \, \text{cm} = 8 \, \text{cm}

BC=kBC=23cm=6cm\overline{B'C'} = k \cdot \overline{BC} = 2 \cdot 3 \, \text{cm} = 6 \, \text{cm}

AC=kAC=25cm=10cm\overline{A'C'} = k \cdot \overline{AC} = 2 \cdot 5 \, \text{cm} = 10 \, \text{cm}

Das Bilddreieck hat die Seitenlängen 8cm8 \, \text{cm}, 6cm6 \, \text{cm} und 10cm10 \, \text{cm}. Es ist doppelt so gross wie das Original, behält aber dieselbe Form.

Beispiel 2: Verkleinerung mit Flächenberechnung

Ein Quadrat hat eine Seitenlänge von 6cm6 \, \text{cm}. Es wird zentrisch mit dem Faktor k=13k = \frac{1}{3} gestreckt.

Aufgabe: Berechne die Seitenlänge und die Fläche des Bildquadrats.

Lösung:

Seitenlänge des Bildquadrats:

a=ka=136cm=2cma' = k \cdot a = \frac{1}{3} \cdot 6 \, \text{cm} = 2 \, \text{cm}

Fläche des Originalquadrats:

A=a2=(6cm)2=36cm2A = a^2 = \left( 6 \, \text{cm} \right)^2 = 36 \, \text{cm}^2

Fläche des Bildquadrats (Methode 1 – direkt):

A=(a)2=(2cm)2=4cm2A' = \left( a' \right)^2 = \left( 2 \, \text{cm} \right)^2 = 4 \, \text{cm}^2

Fläche des Bildquadrats (Methode 2 – über k2k^2):

A=k2A=(13)236cm2=1936cm2=4cm2A' = k^2 \cdot A = \left( \frac{1}{3} \right)^2 \cdot 36 \, \text{cm}^2 = \frac{1}{9} \cdot 36 \, \text{cm}^2 = 4 \, \text{cm}^2

Beide Methoden liefern dasselbe Ergebnis. Das Bildquadrat hat eine Seitenlänge von 2cm2 \, \text{cm} und eine Fläche von 4cm24 \, \text{cm}^2.

Beispiel 3: Streckfaktor aus gegebenen Längen berechnen

Ein Architekt erstellt einen Bauplan im Massstab. Auf dem Plan ist ein Zimmer 4cm4 \, \text{cm} lang. In Wirklichkeit ist das Zimmer 6m6 \, \text{m} lang.

Aufgabe: Bestimme den Streckfaktor kk vom Plan zur Realität.

Lösung:

Zuerst müssen wir die Einheiten angleichen. Wir rechnen die reale Länge in Zentimeter um:

6m=600cm6 \, \text{m} = 600 \, \text{cm}

Der Streckfaktor ergibt sich aus dem Verhältnis von Bildlänge zu Originallänge. Hier ist der Plan das “Original” und die Realität das “Bild”:

k=Bildla¨ngeOriginalla¨nge=600cm4cm=150k = \frac{\text{Bildlänge}}{\text{Originallänge}} = \frac{600 \, \text{cm}}{4 \, \text{cm}} = 150

Der Streckfaktor beträgt k=150k = 150. Das bedeutet: Jede Länge in der Realität ist 150-mal so gross wie auf dem Plan. Der Massstab ist 1:1501 : 150.

Beispiel 4: Zentrische Streckung mit negativem Faktor

Ein Punkt PP hat den Abstand 5cm5 \, \text{cm} vom Streckzentrum ZZ. Die Streckung erfolgt mit k=2k = -2.

Aufgabe: Bestimme den Abstand des Bildpunktes PP' vom Zentrum und beschreibe seine Lage.

Lösung:

Berechnung des Abstands:

ZP=kZP=25cm=25cm=10cm\overline{ZP'} = |k| \cdot \overline{ZP} = |-2| \cdot 5 \, \text{cm} = 2 \cdot 5 \, \text{cm} = 10 \, \text{cm}

Lage des Bildpunktes:

Da kk negativ ist, liegt PP' auf der gegenüberliegenden Seite des Zentrums ZZ. Der Bildpunkt PP' hat einen Abstand von 10cm10 \, \text{cm} vom Zentrum und liegt auf der Verlängerung der Strecke ZP\overline{ZP} über ZZ hinaus.

Eine Streckung mit k=1k = -1 entspricht einer Punktspiegelung am Zentrum. Bei k=2k = -2 wird zusätzlich zur Spiegelung noch verdoppelt.

Beispiel 5: Anwendung – Modellbau

Ein Modellbauer möchte ein Schiff im Massstab 1:501 : 50 nachbauen. Das echte Schiff ist 120m120 \, \text{m} lang und hat eine Deckfläche von 2400m22400 \, \text{m}^2.

Aufgabe: Berechne die Länge und die Deckfläche des Modells.

Lösung:

Der Massstab 1:501 : 50 bedeutet: Das Modell ist 50-mal kleiner als das Original. Der Streckfaktor vom Original zum Modell ist also:

k=150=0,02k = \frac{1}{50} = 0{,}02

Länge des Modells:

LModell=kLOriginal=150120m=2,4m=240cmL_{\text{Modell}} = k \cdot L_{\text{Original}} = \frac{1}{50} \cdot 120 \, \text{m} = 2{,}4 \, \text{m} = 240 \, \text{cm}

Deckfläche des Modells:

AModell=k2AOriginal=(150)22400m2A_{\text{Modell}} = k^2 \cdot A_{\text{Original}} = \left( \frac{1}{50} \right)^2 \cdot 2400 \, \text{m}^2

AModell=125002400m2=0,96m2=9600cm2A_{\text{Modell}} = \frac{1}{2500} \cdot 2400 \, \text{m}^2 = 0{,}96 \, \text{m}^2 = 9600 \, \text{cm}^2

Das Modell ist 240cm240 \, \text{cm} lang. Die Deckfläche beträgt 9600cm29600 \, \text{cm}^2, also etwa 1m21 \, \text{m}^2.

  • Die zentrische Streckung vergrössert oder verkleinert eine Figur von einem festen Punkt (Streckzentrum) aus.
  • Der Streckfaktor kk bestimmt die Grössenänderung: Bei k>1k > 1 Vergrösserung, bei 0<k<10 < k < 1 Verkleinerung, bei k<0k < 0 zusätzlich Spiegelung am Zentrum.
  • Alle Längen werden mit kk multipliziert, alle Flächen mit k2k^2.
  • Die Winkel bleiben unverändert – Original und Bild sind zueinander ähnlich.
  • Die Formel für den Abstand eines Bildpunktes vom Zentrum lautet: ZP=kZP\overline{ZP'} = k \cdot \overline{ZP}
❓ Frage: Ein Rechteck mit den Seitenlängen 4cm4 \, \text{cm} und 6cm6 \, \text{cm} wird mit dem Streckfaktor k=1,5k = 1{,}5 zentrisch gestreckt. Welche Seitenlängen hat das Bildrechteck?
Lösung anzeigen

Die Seitenlängen des Bildrechtecks berechnen sich durch Multiplikation mit dem Streckfaktor:

a=1,54cm=6cma' = 1{,}5 \cdot 4 \, \text{cm} = 6 \, \text{cm}

b=1,56cm=9cmb' = 1{,}5 \cdot 6 \, \text{cm} = 9 \, \text{cm}

Das Bildrechteck hat die Seitenlängen 6cm6 \, \text{cm} und 9cm9 \, \text{cm}.

❓ Frage: Ein Kreis mit Radius r=5cmr = 5 \, \text{cm} wird zentrisch mit Faktor k=0,4k = 0{,}4 gestreckt. Um wie viel Prozent verringert sich die Kreisfläche?
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Die Fläche ändert sich mit dem Quadrat des Streckfaktors:

k2=0,42=0,16k^2 = 0{,}4^2 = 0{,}16

Die neue Fläche beträgt also 16%16\% der ursprünglichen Fläche. Die Verringerung beträgt:

100%16%=84%100\% - 16\% = 84\%

Die Kreisfläche verringert sich um 84%84\%.

❓ Frage: Bei einer zentrischen Streckung hat ein Punkt PP den Abstand 8cm8 \, \text{cm} vom Zentrum. Sein Bildpunkt PP' hat den Abstand 12cm12 \, \text{cm} vom Zentrum und liegt auf derselben Seite. Wie gross ist der Streckfaktor kk?
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Der Streckfaktor ergibt sich aus dem Verhältnis der Abstände:

k=ZPZP=12cm8cm=32=1,5k = \frac{\overline{ZP'}}{\overline{ZP}} = \frac{12 \, \text{cm}}{8 \, \text{cm}} = \frac{3}{2} = 1{,}5

Da PP' auf derselben Seite liegt wie PP, ist kk positiv. Der Streckfaktor beträgt k=1,5k = 1{,}5.

Du hast jetzt die zentrische Streckung gemeistert. Damit kannst du Figuren vergrössern und verkleinern, ohne ihre Form zu verändern. Das ist die Grundlage für ein wichtiges Konzept: die Ähnlichkeit von Figuren.

Im nächsten Schritt wirst du die Strahlensätze kennenlernen. Sie beschreiben, was passiert, wenn zwei Geraden von einem Punkt aus (dem Streckzentrum) von parallelen Geraden geschnitten werden. Die Strahlensätze sind eng mit der zentrischen Streckung verwandt und haben viele praktische Anwendungen – vom Vermessen von Gebäuden bis zum Berechnen unzugänglicher Entfernungen.

Ausserdem wirst du lernen, wie du mit Hilfe der Ähnlichkeit beweisen kannst, dass zwei Figuren dieselbe Form haben. Die Ähnlichkeitssätze für Dreiecke (SSS, SWS, WWS) werden dir dabei helfen. Sie sind das geometrische Gegenstück zu den Kongruenzsätzen, die du bereits kennst.