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Ähnliche Figuren einfach erklärt: So erkennst und berechnest du Ähnlichkeitsabbildungen

Stell dir vor, du machst ein Foto von deinem Haus und druckst es einmal als kleines Passfoto und einmal als riesiges Poster aus. Das Haus sieht auf beiden Bildern gleich aus – nur die Grösse ist unterschiedlich. Die Proportionen bleiben perfekt erhalten: Das Dach ist immer noch gleich steil, die Fenster haben dieselbe Form, und der Abstand zwischen Tür und Garage passt immer noch zusammen. Genau dieses Prinzip steckt hinter dem mathematischen Konzept der Ähnlichkeit. In diesem Kapitel lernst du, wie du erkennst, ob zwei Figuren ähnlich sind, und wie du mit dem sogenannten Ähnlichkeitsfaktor unbekannte Längen berechnest.

Vom Foto zur Mathematik: Was bedeutet Ähnlichkeit?

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Kehren wir zu unserem Fotobeispiel zurück. Wenn du das Passfoto mit dem Poster vergleichst, stellst du fest: Jede Strecke auf dem Poster ist zum Beispiel fünfmal so lang wie auf dem Passfoto. Das Verhältnis bleibt immer gleich – egal ob du die Breite des Hauses, die Höhe des Daches oder die Diagonale eines Fensters misst.

In der Mathematik übertragen wir genau dieses Prinzip auf geometrische Figuren. Zwei Figuren heissen ähnlich, wenn sie dieselbe Form haben, aber unterschiedlich gross sein können. Das bedeutet konkret zwei Dinge:

  1. Alle entsprechenden Winkel sind gleich gross. Wenn ein Dreieck Winkel von 30°30°, 60°60° und 90°90° hat, muss das ähnliche Dreieck ebenfalls Winkel von 30°30°, 60°60° und 90°90° haben.

  2. Alle entsprechenden Seitenlängen stehen im gleichen Verhältnis. Dieses konstante Verhältnis nennen wir den Ähnlichkeitsfaktor kk.

Eine Ähnlichkeitsabbildung ist die geometrische Operation, die eine Figur in eine ähnliche Figur überführt. Sie kombiniert eine zentrische Streckung (Vergrössern oder Verkleinern von einem Zentrum aus) mit möglichen Kongruenzabbildungen wie Drehungen, Spiegelungen oder Verschiebungen.

Der Ähnlichkeitsfaktor: Dein wichtigstes Werkzeug

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Der Ähnlichkeitsfaktor kk gibt an, in welchem Verhältnis die Seitenlängen zweier ähnlicher Figuren zueinander stehen. Er ist der Schlüssel zu allen Berechnungen bei ähnlichen Figuren.

So bestimmst du den Ähnlichkeitsfaktor:

  1. Identifiziere zwei entsprechende Seiten in beiden Figuren.
  2. Teile die Länge der Seite in der zweiten Figur durch die Länge der entsprechenden Seite in der ersten Figur.
  3. Das Ergebnis ist der Ähnlichkeitsfaktor kk.
k=Seitenla¨nge der neuen FigurSeitenla¨nge der urspru¨nglichen Figurk = \frac{\text{Seitenlänge der neuen Figur}}{\text{Seitenlänge der ursprünglichen Figur}}
DEFINITION

Zwei Figuren sind ähnlich, wenn alle entsprechenden Winkel gleich gross sind und alle entsprechenden Seiten im gleichen Verhältnis kk stehen. Der Ähnlichkeitsfaktor kk beschreibt dieses Verhältnis. Ist k>1k > 1, wird die Figur vergrössert. Ist 0<k<10 < k < 1, wird sie verkleinert. Bei k=1k = 1 sind die Figuren kongruent (deckungsgleich).

Die Formel zur Berechnung einer unbekannten Seitenlänge lautet:

a=kaa' = k \cdot a

Dabei ist aa die bekannte Seitenlänge der ursprünglichen Figur und aa' die entsprechende Seitenlänge der ähnlichen Figur.

Bei ähnlichen Figuren verhalten sich nicht nur die Längen proportional. Auch für Flächen und Volumen gibt es klare Zusammenhänge.

Für Flächen gilt:

AA=k2\frac{A'}{A} = k^2

Wenn der Ähnlichkeitsfaktor k=3k = 3 ist, dann ist die Fläche der neuen Figur 32=93^2 = 9-mal so gross wie die Fläche der ursprünglichen Figur.

Für Volumen gilt:

VV=k3\frac{V'}{V} = k^3

Bei k=3k = 3 ist das Volumen 33=273^3 = 27-mal so gross.

Diese Zusammenhänge sind entscheidend, denn viele Schüler vergessen, dass sich Flächen und Volumen nicht linear mit dem Ähnlichkeitsfaktor verändern.

Fehler 1: Flächen mit dem einfachen Ähnlichkeitsfaktor berechnen. Viele Schüler multiplizieren die Fläche einfach mit kk statt mit k2k^2. Merke dir: Längen werden mit kk multipliziert, Flächen mit k2k^2 und Volumen mit k3k^3.

Fehler 2: Den Ähnlichkeitsfaktor falsch herum berechnen. Achte genau darauf, welche Figur die “neue” und welche die “ursprüngliche” ist. Wenn du von der grossen zur kleinen Figur gehst, ist k<1k < 1. Wenn du von der kleinen zur grossen Figur gehst, ist k>1k > 1.

Fehler 3: Entsprechende Seiten verwechseln. Bei Dreiecken müssen die Seiten gegenüber den gleich grossen Winkeln liegen. Bei Vierecken müssen die Seiten dieselbe Position in der Figur haben. Beschrifte die Figuren sorgfältig, bevor du rechnest.

Beispiel 1: Ähnlichkeitsfaktor bestimmen

Zwei Rechtecke sind ähnlich. Das erste Rechteck hat die Seitenlängen a=4cma = 4 \, \text{cm} und b=6cmb = 6 \, \text{cm}. Das zweite Rechteck hat die Seitenlängen a=10cma' = 10 \, \text{cm} und b=15cmb' = 15 \, \text{cm}.

Bestimme den Ähnlichkeitsfaktor.

Lösung:

Wir wählen die Seite aa und berechnen:

k=aa=10cm4cm=2,5k = \frac{a'}{a} = \frac{10 \, \text{cm}}{4 \, \text{cm}} = 2{,}5

Zur Kontrolle prüfen wir mit der zweiten Seite:

k=bb=15cm6cm=2,5k = \frac{b'}{b} = \frac{15 \, \text{cm}}{6 \, \text{cm}} = 2{,}5

Beide Verhältnisse sind gleich. Der Ähnlichkeitsfaktor beträgt k=2,5k = 2{,}5.

Beispiel 2: Unbekannte Seitenlänge berechnen

Zwei Dreiecke sind ähnlich mit einem Ähnlichkeitsfaktor von k=1,5k = 1{,}5. Das ursprüngliche Dreieck hat die Seitenlängen a=8cma = 8 \, \text{cm}, b=6cmb = 6 \, \text{cm} und c=10cmc = 10 \, \text{cm}.

Berechne alle Seitenlängen des ähnlichen Dreiecks.

Lösung:

Wir multiplizieren jede Seite mit dem Ähnlichkeitsfaktor:

a=ka=1,58cm=12cma' = k \cdot a = 1{,}5 \cdot 8 \, \text{cm} = 12 \, \text{cm}b=kb=1,56cm=9cmb' = k \cdot b = 1{,}5 \cdot 6 \, \text{cm} = 9 \, \text{cm}c=kc=1,510cm=15cmc' = k \cdot c = 1{,}5 \cdot 10 \, \text{cm} = 15 \, \text{cm}

Das ähnliche Dreieck hat die Seitenlängen a=12cma' = 12 \, \text{cm}, b=9cmb' = 9 \, \text{cm} und c=15cmc' = 15 \, \text{cm}.

Beispiel 3: Flächenverhältnis berechnen

Ein quadratisches Grundstück hat eine Seitenlänge von 20m20 \, \text{m} und eine Fläche von 400m2400 \, \text{m}^2. Ein ähnliches, kleineres Grundstück hat eine Seitenlänge von 15m15 \, \text{m}.

Berechne die Fläche des kleineren Grundstücks.

Lösung:

Schritt 1: Ähnlichkeitsfaktor bestimmen.

k=15m20m=0,75k = \frac{15 \, \text{m}}{20 \, \text{m}} = 0{,}75

Schritt 2: Flächenverhältnis berechnen.

k2=0,752=0,5625k^2 = 0{,}75^2 = 0{,}5625

Schritt 3: Fläche des kleineren Grundstücks berechnen.

A=k2A=0,5625400m2=225m2A' = k^2 \cdot A = 0{,}5625 \cdot 400 \, \text{m}^2 = 225 \, \text{m}^2

Das kleinere Grundstück hat eine Fläche von 225m2225 \, \text{m}^2.

Kontrolle: Wir können auch direkt rechnen: 15m15m=225m215 \, \text{m} \cdot 15 \, \text{m} = 225 \, \text{m}^2. Das Ergebnis stimmt.

Beispiel 4: Anwendung in der Realität – Modellbau

Ein Architekt baut ein Modell eines Hochhauses im Massstab 1:2001 : 200. Das echte Hochhaus ist 120m120 \, \text{m} hoch und hat eine Grundfläche von 2500m22500 \, \text{m}^2.

a) Wie hoch ist das Modell? b) Wie gross ist die Grundfläche des Modells?

Lösung:

Der Massstab 1:2001 : 200 bedeutet: 1cm1 \, \text{cm} am Modell entspricht 200cm=2m200 \, \text{cm} = 2 \, \text{m} in der Realität. Der Ähnlichkeitsfaktor vom Original zum Modell ist:

k=1200=0,005k = \frac{1}{200} = 0{,}005

a) Höhe des Modells:

h=kh=0,005120m=0,6m=60cmh' = k \cdot h = 0{,}005 \cdot 120 \, \text{m} = 0{,}6 \, \text{m} = 60 \, \text{cm}

Das Modell ist 60cm60 \, \text{cm} hoch.

b) Grundfläche des Modells:

A=k2A=0,00522500m2=0,0000252500m2=0,0625m2A' = k^2 \cdot A = 0{,}005^2 \cdot 2500 \, \text{m}^2 = 0{,}000025 \cdot 2500 \, \text{m}^2 = 0{,}0625 \, \text{m}^2

Umrechnung in Quadratzentimeter: 0,0625m2=625cm20{,}0625 \, \text{m}^2 = 625 \, \text{cm}^2.

Die Grundfläche des Modells beträgt 625cm2625 \, \text{cm}^2 (das entspricht einem Quadrat von 25cm×25cm25 \, \text{cm} \times 25 \, \text{cm}).

Beispiel 5: Ähnlichkeitsfaktor aus Flächen bestimmen

Zwei ähnliche Dreiecke haben die Flächeninhalte A1=18cm2A_1 = 18 \, \text{cm}^2 und A2=50cm2A_2 = 50 \, \text{cm}^2. Das kleinere Dreieck hat eine Grundseite von 6cm6 \, \text{cm}.

Wie lang ist die entsprechende Grundseite des grösseren Dreiecks?

Lösung:

Schritt 1: Flächenverhältnis bestimmen.

A2A1=50cm218cm2=259\frac{A_2}{A_1} = \frac{50 \, \text{cm}^2}{18 \, \text{cm}^2} = \frac{25}{9}

Schritt 2: Ähnlichkeitsfaktor aus dem Flächenverhältnis berechnen.

Da k2=259k^2 = \frac{25}{9}, gilt:

k=259=531,67k = \sqrt{\frac{25}{9}} = \frac{5}{3} \approx 1{,}67

Schritt 3: Grundseite des grösseren Dreiecks berechnen.

g2=kg1=536cm=10cmg_2 = k \cdot g_1 = \frac{5}{3} \cdot 6 \, \text{cm} = 10 \, \text{cm}

Die entsprechende Grundseite des grösseren Dreiecks ist 10cm10 \, \text{cm} lang.

  • Zwei Figuren sind ähnlich, wenn alle entsprechenden Winkel gleich gross sind und alle entsprechenden Seiten im gleichen Verhältnis stehen.
  • Der Ähnlichkeitsfaktor kk ist das Verhältnis entsprechender Seitenlängen: k=neue La¨ngeurspru¨ngliche La¨ngek = \frac{\text{neue Länge}}{\text{ursprüngliche Länge}}.
  • Längen verändern sich mit dem Faktor kk, Flächen mit k2k^2 und Volumen mit k3k^3.
  • Bei Massstäben wie 1:1001 : 100 ist der Ähnlichkeitsfaktor k=1100k = \frac{1}{100}.
❓ Frage: Zwei ähnliche Rechtecke haben die Seitenlängen 3cm3 \, \text{cm} und 5cm5 \, \text{cm} bzw. 9cm9 \, \text{cm} und 15cm15 \, \text{cm}. Wie gross ist der Ähnlichkeitsfaktor?
Lösung anzeigen

Der Ähnlichkeitsfaktor beträgt k=3k = 3.

Berechnung: k=9cm3cm=3k = \frac{9 \, \text{cm}}{3 \, \text{cm}} = 3 oder k=15cm5cm=3k = \frac{15 \, \text{cm}}{5 \, \text{cm}} = 3.

❓ Frage: Ein Dreieck hat eine Fläche von 24cm224 \, \text{cm}^2. Ein ähnliches Dreieck hat einen Ähnlichkeitsfaktor von k=2k = 2. Wie gross ist die Fläche des ähnlichen Dreiecks?
Lösung anzeigen

Die Fläche beträgt 96cm296 \, \text{cm}^2.

Berechnung: A=k2A=2224cm2=424cm2=96cm2A' = k^2 \cdot A = 2^2 \cdot 24 \, \text{cm}^2 = 4 \cdot 24 \, \text{cm}^2 = 96 \, \text{cm}^2.

❓ Frage: Ein Würfel hat ein Volumen von 64cm364 \, \text{cm}^3. Ein ähnlicher Würfel hat Kanten, die doppelt so lang sind. Wie gross ist das Volumen des grösseren Würfels?
Lösung anzeigen

Das Volumen beträgt 512cm3512 \, \text{cm}^3.

Der Ähnlichkeitsfaktor ist k=2k = 2. Für Volumen gilt: V=k3V=2364cm3=864cm3=512cm3V' = k^3 \cdot V = 2^3 \cdot 64 \, \text{cm}^3 = 8 \cdot 64 \, \text{cm}^3 = 512 \, \text{cm}^3.

Nachdem du nun verstanden hast, wie ähnliche Figuren funktionieren, wirst du im nächsten Schritt die Strahlensätze kennenlernen. Diese beschreiben spezielle Verhältnisse bei Strecken, die von zwei sich schneidenden Geraden erzeugt werden. Die Strahlensätze sind eng mit der Ähnlichkeit verwandt und bilden die Grundlage für viele Konstruktionen und Berechnungen in der Geometrie. Ausserdem wirst du lernen, wie du mit Hilfe ähnlicher Dreiecke Höhen von Gebäuden oder Bäumen bestimmen kannst, ohne sie direkt zu messen – ein Verfahren, das schon die alten Griechen angewendet haben.