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Zufallsexperimente verstehen: Dein Einstieg in die Wahrscheinlichkeitsrechnung

Stell dir vor, du spielst mit deinen Freunden ein Brettspiel. Du schüttelst den Würfel in der Hand, wirfst ihn auf den Tisch – und wartest gespannt. Wird es eine Sechs? Du weisst es nicht. Niemand weiss es. Genau das macht den Reiz aus: Das Ergebnis ist ungewiss.

Dieses Gefühl der Ungewissheit begegnet dir ständig. Beim Münzwurf vor dem Fussballspiel. Beim Ziehen einer Karte aus dem Stapel. Beim Losverfahren in der Schule. All diese Situationen haben eines gemeinsam: Du kannst das Ergebnis nicht vorhersagen, egal wie sehr du es versuchst.

Die Mathematik nennt solche Situationen Zufallsexperimente. Und obwohl wir das einzelne Ergebnis nicht kennen, können wir erstaunlich viel über die möglichen Ausgänge aussagen. Genau das lernst du jetzt.

Kehren wir zum Würfel zurück. Wenn du ihn wirfst, passieren immer die gleichen Dinge:

  1. Du führst eine Handlung durch (den Wurf).
  2. Es gibt mehrere mögliche Ausgänge (die Zahlen 1 bis 6).
  3. Du weisst vorher nicht, welcher Ausgang eintritt.
  4. Du kannst den Versuch beliebig oft wiederholen – unter denselben Bedingungen.

Diese vier Eigenschaften definieren ein Zufallsexperiment. Sobald auch nur eine fehlt, liegt kein echtes Zufallsexperiment vor.

Betrachte als Gegenbeispiel das Berechnen von 3+53 + 5. Das Ergebnis ist immer 88. Keine Ungewissheit, kein Zufall. Oder denke an einen Fallschirmsprung ohne Fallschirm – das Ergebnis ist leider vorhersagbar und nicht wiederholbar.

DEFINITION

Ein Zufallsexperiment ist ein Vorgang, der folgende Eigenschaften erfüllt:

  • Es lässt sich unter gleichen Bedingungen beliebig oft wiederholen.
  • Es hat mindestens zwei mögliche Ausgänge.
  • Das Ergebnis ist vor der Durchführung nicht vorhersagbar.

Um über Zufallsexperimente präzise sprechen zu können, brauchen wir klare Begriffe. Die Mathematik hat dafür ein einfaches Vokabular entwickelt.

Jeder einzelne mögliche Ausgang eines Zufallsexperiments heisst Ergebnis. Beim Würfeln sind das die Zahlen 11, 22, 33, 44, 55 und 66. Jede dieser Zahlen ist ein Ergebnis.

Die Menge aller möglichen Ergebnisse nennen wir Ergebnismenge. Wir schreiben sie mit dem griechischen Buchstaben Omega: Ω\Omega (sprich: “Omega”).

Für den Würfel gilt:

Ω={1,2,3,4,5,6}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\}

Die geschweiften Klammern zeigen an, dass es sich um eine Menge handelt. Die Elemente werden durch Kommas getrennt.

Ein Ereignis ist eine Teilmenge der Ergebnismenge. Es beschreibt, welche Ergebnisse wir “interessant” finden oder welche Bedingung erfüllt sein soll.

Beispiel: “Eine gerade Zahl würfeln” ist ein Ereignis. Es umfasst die Ergebnisse 22, 44 und 66. Wir schreiben:

A={2,4,6}A = \{2, 4, 6\}

Das Ereignis AA tritt ein, wenn das tatsächliche Ergebnis in der Menge AA liegt. Würfelst du eine 44, ist das Ereignis “gerade Zahl” eingetreten.

DEFINITION
  • Ein Ergebnis ist ein einzelner möglicher Ausgang eines Zufallsexperiments.
  • Die Ergebnismenge Ω\Omega enthält alle möglichen Ergebnisse.
  • Ein Ereignis ist eine Teilmenge von Ω\Omega. Es tritt ein, wenn das tatsächliche Ergebnis in dieser Teilmenge liegt.

Zwei Ereignisse verdienen besondere Aufmerksamkeit:

Das sichere Ereignis ist die gesamte Ergebnismenge Ω\Omega. Es tritt immer ein, egal was passiert. Beim Würfel: “Eine Zahl zwischen 1 und 6 würfeln” – das passiert garantiert.

Das unmögliche Ereignis ist die leere Menge {}\{\} oder \emptyset. Es kann niemals eintreten. Beim Würfel: “Eine 7 würfeln” – das ist unmöglich.

Ein Elementarereignis enthält genau ein Ergebnis. Beispiel: {3}\{3\} bedeutet “genau eine 3 würfeln”.

Fehler 1: Ergebnis und Ereignis verwechseln Ein Ergebnis ist ein einzelner Ausgang (z.B. die Zahl 44). Ein Ereignis ist eine Menge von Ergebnissen (z.B. {2,4,6}\{2, 4, 6\}). Auch wenn ein Ereignis nur ein Element enthält, schreiben wir es als Menge: {4}\{4\}, nicht einfach 44.

Fehler 2: Ergebnismenge unvollständig aufschreiben Die Ergebnismenge muss alle möglichen Ausgänge enthalten. Beim Münzwurf ist Ω={Kopf,Zahl}\Omega = \{\text{Kopf}, \text{Zahl}\} – vergiss nicht, dass die Münze auf dem Rand landen könnte, falls das in deinem Experiment möglich ist. Im Schulkontext nehmen wir meist an: nur Kopf oder Zahl.

Fehler 3: “Zufall” mit “Unbekannt” verwechseln Das Ergebnis einer Klassenarbeit ist dir vielleicht unbekannt, aber es ist kein Zufallsexperiment. Die Note steht bereits fest, du kennst sie nur noch nicht. Beim Zufall ist das Ergebnis hingegen noch nicht bestimmt, bis das Experiment durchgeführt wird.

Beispiel 1: Der klassische Münzwurf

Situation: Du wirfst eine faire Münze einmal.

Schritt 1: Ist es ein Zufallsexperiment?

  • Wiederholbar? Ja, du kannst beliebig oft werfen.
  • Mehrere Ausgänge? Ja, Kopf oder Zahl.
  • Unvorhersagbar? Ja, du weisst nicht, was kommt.

✓ Es handelt sich um ein Zufallsexperiment.

Schritt 2: Ergebnismenge bestimmen

Ω={Kopf,Zahl}\Omega = \{\text{Kopf}, \text{Zahl}\}

Schritt 3: Ereignisse formulieren

  • Ereignis AA: “Kopf werfen” → A={Kopf}A = \{\text{Kopf}\}
  • Ereignis BB: “Zahl werfen” → B={Zahl}B = \{\text{Zahl}\}
  • Sicheres Ereignis: Ω={Kopf,Zahl}\Omega = \{\text{Kopf}, \text{Zahl}\}
  • Unmögliches Ereignis: ={}\emptyset = \{\}
Beispiel 2: Zweimaliges Würfeln

Situation: Du wirfst einen Würfel zweimal hintereinander und notierst beide Ergebnisse.

Schritt 1: Ist es ein Zufallsexperiment? Ja, alle drei Kriterien sind erfüllt.

Schritt 2: Ergebnismenge bestimmen Jedes Ergebnis ist ein Paar (a,b)(a, b), wobei aa den ersten und bb den zweiten Wurf beschreibt. Die Ergebnismenge enthält alle Kombinationen:

Ω={(1,1),(1,2),(1,3),,(6,5),(6,6)}\Omega = \{(1,1), (1,2), (1,3), \ldots, (6,5), (6,6)\}

Wie viele Ergebnisse gibt es? Für den ersten Wurf 66 Möglichkeiten, für den zweiten ebenfalls 66. Also 66=366 \cdot 6 = 36 Ergebnisse.

Schritt 3: Ereignisse formulieren

  • Ereignis AA: “Die Summe beider Würfe ist 7”
A={(1,6),(2,5),(3,4),(4,3),(5,2),(6,1)}A = \{(1,6), (2,5), (3,4), (4,3), (5,2), (6,1)\}

Das Ereignis enthält 66 Ergebnisse.

  • Ereignis BB: “Beide Würfe zeigen die gleiche Zahl” (Pasch)
B={(1,1),(2,2),(3,3),(4,4),(5,5),(6,6)}B = \{(1,1), (2,2), (3,3), (4,4), (5,5), (6,6)\}
  • Ereignis CC: “Der erste Wurf ist grösser als der zweite”
C={(2,1),(3,1),(3,2),(4,1),(4,2),(4,3),(5,1),(5,2),(5,3),(5,4),(6,1),(6,2),(6,3),(6,4),(6,5)}C = \{(2,1), (3,1), (3,2), (4,1), (4,2), (4,3), (5,1), (5,2), (5,3), (5,4), (6,1), (6,2), (6,3), (6,4), (6,5)\}

Das sind 1515 Ergebnisse.

Beispiel 3: Ziehen aus einer Urne

Situation: In einer Urne liegen 33 rote, 22 blaue und 11 grüne Kugel. Du ziehst eine Kugel, ohne hinzuschauen.

Schritt 1: Ergebnismenge bestimmen Hier gibt es zwei Sichtweisen:

Variante A: Wir unterscheiden nach Farben.

Ω={rot,blau,gru¨n}\Omega = \{\text{rot}, \text{blau}, \text{grün}\}

Variante B: Wir nummerieren die Kugeln (R1,R2,R3R_1, R_2, R_3 für rot usw.)

Ω={R1,R2,R3,B1,B2,G1}\Omega = \{R_1, R_2, R_3, B_1, B_2, G_1\}

Welche Variante ist richtig? Das hängt von der Fragestellung ab. Für die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist Variante B oft präziser, weil jede Kugel gleich wahrscheinlich gezogen wird.

Schritt 2: Ereignisse formulieren Mit Variante B:

  • Ereignis AA: “Eine rote Kugel ziehen”
A={R1,R2,R3}A = \{R_1, R_2, R_3\}
  • Ereignis BB: “Keine grüne Kugel ziehen”
B={R1,R2,R3,B1,B2}B = \{R_1, R_2, R_3, B_1, B_2\}
  • Ereignis CC: “Eine blaue oder grüne Kugel ziehen”
C={B1,B2,G1}C = \{B_1, B_2, G_1\}
Beispiel 4: Glücksrad mit Sektoren

Situation: Ein Glücksrad hat 88 gleich grosse Sektoren, nummeriert von 11 bis 88. Du drehst das Rad einmal.

Schritt 1: Ergebnismenge

Ω={1,2,3,4,5,6,7,8}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8\}

Schritt 2: Ereignisse

  • Ereignis AA: “Eine Primzahl drehen” Die Primzahlen von 11 bis 88 sind: 2,3,5,72, 3, 5, 7 (Achtung: 11 ist keine Primzahl!)
A={2,3,5,7}A = \{2, 3, 5, 7\}
  • Ereignis BB: “Eine Zahl grösser als 55 drehen”
B={6,7,8}B = \{6, 7, 8\}
  • Ereignis CC: “Eine durch 33 teilbare Zahl drehen”
C={3,6}C = \{3, 6\}
  • Ereignis DD: “Eine Zahl drehen, die Primzahl UND grösser als 55 ist” Wir suchen Zahlen, die in AA UND in BB liegen: AB={7}A \cap B = \{7\}
D={7}D = \{7\}
  • Ein Zufallsexperiment ist wiederholbar, hat mehrere mögliche Ausgänge und ein unvorhersagbares Ergebnis.
  • Die Ergebnismenge Ω\Omega enthält alle möglichen einzelnen Ergebnisse eines Zufallsexperiments.
  • Ein Ereignis ist eine Teilmenge von Ω\Omega. Es beschreibt eine bestimmte Bedingung, die eintreten kann oder nicht.
  • Das sichere Ereignis (Ω\Omega) tritt immer ein, das unmögliche Ereignis (\emptyset) niemals.
❓ Frage:

Ein Glücksrad hat die Felder 11, 22, 33, 44, 55. Du drehst einmal. Welches dieser Ereignisse ist das sichere Ereignis?

a) {1,2}\{1, 2\} b) {1,2,3,4,5}\{1, 2, 3, 4, 5\} c) {6}\{6\} d) {}\{\}

Lösung anzeigen

Richtig ist b) {1,2,3,4,5}\{1, 2, 3, 4, 5\}

Das sichere Ereignis enthält alle möglichen Ergebnisse – also die gesamte Ergebnismenge Ω\Omega. Da das Rad nur die Zahlen 11 bis 55 hat, ist Ω={1,2,3,4,5}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5\}. Dieses Ereignis tritt bei jedem Drehen garantiert ein.

Option c) und d) sind falsch: {6}\{6\} kann nicht eintreten (die 66 existiert nicht), und {}\{\} ist das unmögliche Ereignis.

❓ Frage:

Du wirfst zwei Münzen gleichzeitig. Wie viele Ergebnisse enthält die Ergebnismenge Ω\Omega?

Lösung anzeigen

Die Ergebnismenge enthält 44 Ergebnisse.

Bei zwei Münzen notieren wir für jede Münze das Ergebnis:

Ω={(K,K),(K,Z),(Z,K),(Z,Z)}\Omega = \{(K, K), (K, Z), (Z, K), (Z, Z)\}

Dabei steht KK für Kopf und ZZ für Zahl. Jede Münze hat 22 Möglichkeiten, also gibt es 22=42 \cdot 2 = 4 Kombinationen.

Wichtig: (K,Z)(K, Z) und (Z,K)(Z, K) sind verschiedene Ergebnisse! Die erste Münze zeigt jeweils etwas anderes als die zweite.

❓ Frage:

In einem Beutel sind 44 verschiedenfarbige Murmeln: rot, blau, gelb und grün. Du ziehst eine Murmel. Formuliere das Ereignis AA: “Die Murmel ist nicht blau” als Menge.

Lösung anzeigen
A={rot,gelb,gru¨n}A = \{\text{rot}, \text{gelb}, \text{grün}\}

Die Ergebnismenge ist Ω={rot,blau,gelb,gru¨n}\Omega = \{\text{rot}, \text{blau}, \text{gelb}, \text{grün}\}.

Das Ereignis “nicht blau” schliesst blau aus und enthält alle anderen Farben. Das Ereignis AA ist das Gegenereignis zu {blau}\{\text{blau}\}.

In der Mengenschreibweise: A=Ω{blau}A = \Omega \setminus \{\text{blau}\}

Du kennst jetzt die Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Du weisst, was ein Zufallsexperiment ist, wie du die Ergebnismenge aufstellst und wie du Ereignisse als Mengen beschreibst.

Der nächste logische Schritt ist die Frage: Wie wahrscheinlich ist ein bestimmtes Ereignis? Dafür lernst du im nächsten Thema den Wahrscheinlichkeitsbegriff kennen. Du wirst entdecken, wie man Wahrscheinlichkeiten berechnet – etwa mit der klassischen Formel für Laplace-Experimente:

P(A)=Anzahl der gu¨nstigen ErgebnisseAnzahl aller mo¨glichen ErgebnisseP(A) = \frac{\text{Anzahl der günstigen Ergebnisse}}{\text{Anzahl aller möglichen Ergebnisse}}

Mit diesem Werkzeug kannst du dann konkret berechnen, wie wahrscheinlich es ist, beim Würfeln eine 66 zu werfen oder beim Ziehen aus der Urne eine rote Kugel zu erwischen.

Ausserdem wirst du lernen, wie man zusammengesetzte Ereignisse behandelt: Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignis AA ODER Ereignis BB eintritt? Was, wenn AA UND BB eintreten sollen? Dafür brauchst du die Additions- und Multiplikationsregeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Das Fundament dafür hast du heute gelegt. Die Ergebnismenge und die Ereignisse sind dein Handwerkszeug – ohne sie geht in der Wahrscheinlichkeitsrechnung gar nichts.