Baumdiagramme einfach erklärt: So behältst du bei Wahrscheinlichkeiten den Überblick
Stell dir vor, du stehst morgens vor deinem Kleiderschrank. Du hast drei T-Shirts zur Auswahl: ein rotes, ein blaues und ein schwarzes. Dazu kommen zwei Hosen: Jeans oder Jogginghose. Wie viele verschiedene Outfits kannst du kombinieren? Du könntest jetzt alle Möglichkeiten im Kopf durchgehen. Aber was, wenn noch Schuhe, Jacken und Accessoires dazukommen? Das wird schnell unübersichtlich. Genau hier kommt ein geniales Werkzeug ins Spiel: das Baumdiagramm. Es hilft dir, alle Möglichkeiten systematisch aufzuzeichnen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. In der Mathematik ist das Baumdiagramm dein bester Freund, wenn es um mehrstufige Zufallsexperimente geht.
Von der Garderobe zur Mathematik
Abschnitt betitelt „Von der Garderobe zur Mathematik“Kehren wir zu deinem Kleiderschrank zurück. Du greifst zuerst blind nach einem T-Shirt. Danach greifst du blind nach einer Hose. Das sind zwei aufeinanderfolgende Zufallsereignisse. Um alle möglichen Kombinationen zu sehen, zeichnen wir einen “Baum”.
Der Baum beginnt mit einem Startpunkt. Von dort gehen drei Äste ab – einer für jedes T-Shirt. Von jedem T-Shirt-Ast gehen wiederum zwei Äste ab – einer für jede Hose. Am Ende jedes Pfades steht eine vollständige Kombination.
So sieht das aus:
- Start → Rot → Jeans
- Start → Rot → Jogginghose
- Start → Blau → Jeans
- Start → Blau → Jogginghose
- Start → Schwarz → Jeans
- Start → Schwarz → Jogginghose
Du siehst sofort: Es gibt verschiedene Outfits. Das Baumdiagramm macht komplizierte Abzählungen kinderleicht.
Was ist ein Baumdiagramm?
Abschnitt betitelt „Was ist ein Baumdiagramm?“Ein Baumdiagramm ist eine grafische Darstellung aller möglichen Ergebnisse eines mehrstufigen Zufallsexperiments. Es besteht aus drei Elementen:
Knoten: Die Verzweigungspunkte. Der erste Knoten ist der Startpunkt.
Äste (Pfade): Die Verbindungslinien zwischen den Knoten. An jedem Ast steht die Wahrscheinlichkeit für dieses Teilergebnis.
Endpunkte: Die Enden der Pfade. Hier steht das vollständige Ergebnis der Versuchsreihe.
Ein Baumdiagramm stellt alle möglichen Ausgänge eines mehrstufigen Zufallsexperiments übersichtlich dar. Jeder Ast entspricht einem Teilergebnis mit seiner Wahrscheinlichkeit. Ein vollständiger Pfad von der Wurzel bis zum Endpunkt beschreibt ein Gesamtergebnis.
Die zwei goldenen Regeln: Pfadregel und Summenregel
Abschnitt betitelt „Die zwei goldenen Regeln: Pfadregel und Summenregel“Um Wahrscheinlichkeiten aus einem Baumdiagramm zu berechnen, brauchst du nur zwei Regeln. Diese Regeln sind das Herzstück der Arbeit mit Baumdiagrammen.
Die Pfadregel (Multiplikationsregel)
Abschnitt betitelt „Die Pfadregel (Multiplikationsregel)“Wenn du die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Gesamtergebnis wissen willst, gehst du den entsprechenden Pfad entlang. Du multiplizierst alle Wahrscheinlichkeiten der Äste auf diesem Pfad miteinander.
Warum funktioniert das? Bei unabhängigen Ereignissen multiplizierst du die Einzelwahrscheinlichkeiten. Die Pfadregel ist nichts anderes als diese Multiplikation, visualisiert durch den Baum.
Die Summenregel (Additionsregel)
Abschnitt betitelt „Die Summenregel (Additionsregel)“Manchmal interessiert dich nicht ein einzelnes Ergebnis, sondern mehrere. Zum Beispiel: “Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal Kopf zu werfen?” In diesem Fall addierst du die Wahrscheinlichkeiten aller Pfade, die zu diesem Ereignis gehören.
Pfadregel: Die Wahrscheinlichkeit eines Pfades ist das Produkt aller Astwahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades.
Summenregel: Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses ist die Summe der Wahrscheinlichkeiten aller Pfade, die zu diesem Ereignis führen.
So zeichnest du ein Baumdiagramm: Schritt für Schritt
Abschnitt betitelt „So zeichnest du ein Baumdiagramm: Schritt für Schritt“Hier ist dein Kochrezept für perfekte Baumdiagramme:
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Identifiziere die Stufen: Wie viele Zufallsexperimente finden nacheinander statt? Jedes Experiment bildet eine Stufe.
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Bestimme die Ausgänge pro Stufe: Welche Ergebnisse sind bei jedem Experiment möglich?
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Zeichne den Baum: Beginne links mit einem Startpunkt. Zeichne für jeden möglichen Ausgang der ersten Stufe einen Ast nach rechts. Wiederhole das für jede weitere Stufe.
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Beschrifte die Äste: Schreibe an jeden Ast die zugehörige Wahrscheinlichkeit.
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Kontrolliere jede Verzweigung: Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten an einer Verzweigung muss immer ergeben.
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Berechne die Pfadwahrscheinlichkeiten: Multipliziere die Wahrscheinlichkeiten entlang jedes Pfades.
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Finale Kontrolle: Die Summe aller Pfadwahrscheinlichkeiten muss ergeben.
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
Abschnitt betitelt „Häufige Fehler und wie du sie vermeidest“Fehler 1: Addition statt Multiplikation auf dem Pfad
Viele Schüler addieren die Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades. Das ist falsch! Entlang eines Pfades wird immer multipliziert. Die Addition verwendest du nur, wenn du mehrere Pfade zusammenfasst.
Fehler 2: Wahrscheinlichkeiten summieren sich nicht zu 1
An jeder Verzweigung müssen alle abgehenden Äste zusammen die Wahrscheinlichkeit ergeben. Prüfe das bei jeder Verzweigung. Auch die Summe aller Endwahrscheinlichkeiten muss sein.
Fehler 3: Vergessene Pfade
Bei der Frage “Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit für mindestens ein…” werden oft Pfade vergessen. Markiere alle relevanten Pfade im Diagramm, bevor du rechnest.
Fehler 4: Abhängige Ereignisse ignorieren
Beim Ziehen ohne Zurücklegen ändern sich die Wahrscheinlichkeiten von Stufe zu Stufe. Die Gesamtzahl der Objekte und die Anzahl der “günstigen” Objekte verringern sich. Achte genau darauf!
Beispiele
Abschnitt betitelt „Beispiele“Du wirfst eine faire Münze zweimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, zweimal Kopf zu erhalten?
Schritt 1: Baumdiagramm aufstellen
Stufe 1 (1. Wurf): Kopf (K) oder Zahl (Z), jeweils mit
Stufe 2 (2. Wurf): Wieder K oder Z, jeweils mit
Die vier möglichen Pfade sind:
- K → K
- K → Z
- Z → K
- Z → Z
Schritt 2: Pfadwahrscheinlichkeit berechnen
Wir suchen den Pfad K → K.
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, zweimal Kopf zu werfen, beträgt oder .
Gleiche Situation: Du wirfst eine faire Münze zweimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal Kopf zu erhalten?
Schritt 1: Relevante Pfade identifizieren
“Mindestens einmal Kopf” bedeutet: ein- oder zweimal Kopf. Das sind die Pfade:
- K → K (zweimal Kopf)
- K → Z (einmal Kopf)
- Z → K (einmal Kopf)
Der einzige Pfad, der nicht dazugehört, ist Z → Z.
Schritt 2: Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen
Schritt 3: Summenregel anwenden
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder .
Alternativ: Du kannst auch das Gegenereignis nutzen.
In einer Schachtel liegen 3 rote und 2 blaue Kugeln. Du ziehst nacheinander zwei Kugeln, ohne die erste zurückzulegen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, zwei rote Kugeln zu ziehen?
Schritt 1: Wahrscheinlichkeiten für die erste Stufe
Insgesamt 5 Kugeln, davon 3 rote und 2 blaue.
Schritt 2: Wahrscheinlichkeiten für die zweite Stufe
Hier wird es interessant! Die Wahrscheinlichkeiten hängen davon ab, was zuerst gezogen wurde.
Falls die erste Kugel rot war:
- Es bleiben 4 Kugeln übrig, davon 2 rote und 2 blaue.
Falls die erste Kugel blau war:
- Es bleiben 4 Kugeln übrig, davon 3 rote und 1 blaue.
Schritt 3: Pfadwahrscheinlichkeit berechnen
Wir suchen den Pfad rot → rot.
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, zwei rote Kugeln zu ziehen, beträgt oder .
Eine Fabrik produziert Smartphones. Erfahrungsgemäss sind aller Geräte defekt. Ein Prüfer testet zwei zufällig ausgewählte Geräte. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau eines der beiden Geräte defekt ist?
Schritt 1: Wahrscheinlichkeiten festlegen
Da die Produktion sehr gross ist, betrachten wir die Ziehungen als unabhängig.
Schritt 2: Relevante Pfade identifizieren
“Genau ein defektes Gerät” bedeutet:
- Pfad 1: defekt → funktioniert
- Pfad 2: funktioniert → defekt
Schritt 3: Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen
Schritt 4: Summenregel anwenden
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder .
Ein Glücksrad hat drei gleich grosse Felder: Rot, Gelb und Blau. Du drehst das Rad dreimal. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass du genau zweimal Rot erhältst?
Schritt 1: Wahrscheinlichkeiten festlegen
Schritt 2: Relevante Pfade identifizieren
“Genau zweimal Rot” kann auf drei Arten eintreten:
- R → R → nicht R
- R → nicht R → R
- nicht R → R → R
Schritt 3: Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen
Schritt 4: Summenregel anwenden
Antwort: Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder etwa .
Das Wichtigste in Kürze
Abschnitt betitelt „Das Wichtigste in Kürze“-
Ein Baumdiagramm visualisiert alle möglichen Ergebnisse eines mehrstufigen Zufallsexperiments übersichtlich.
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Die Pfadregel besagt: Multipliziere alle Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades, um die Wahrscheinlichkeit dieses Gesamtergebnisses zu erhalten.
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Die Summenregel besagt: Addiere die Pfadwahrscheinlichkeiten, wenn ein Ereignis durch mehrere Pfade erreicht werden kann.
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Kontrolle: An jeder Verzweigung summieren sich die Wahrscheinlichkeiten zu . Auch die Summe aller Endwahrscheinlichkeiten muss sein.
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Bei Ziehen ohne Zurücklegen ändern sich die Wahrscheinlichkeiten von Stufe zu Stufe.
Dein Wissen im Test
Abschnitt betitelt „Dein Wissen im Test“Lösung anzeigen
Die Wahrscheinlichkeit für eine 6 ist . Nach der Pfadregel gilt:
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder etwa .
Lösung anzeigen
Erste Ziehung:
Nach einer weissen Kugel bleiben 3 weisse von 9 Kugeln.
Zweite Ziehung:
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder etwa .
Lösung anzeigen
Am einfachsten über das Gegenereignis:
und
Die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal zu gewinnen, beträgt .
Alternativ direkt:
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Abschnitt betitelt „Ausblick: Was kommt als Nächstes?“Du hast jetzt das Baumdiagramm als mächtiges Werkzeug kennengelernt. In den kommenden Themen wirst du auf dieses Wissen aufbauen. Das nächste grosse Thema ist die Binomialverteilung. Sie beschreibt Situationen, in denen du ein Zufallsexperiment sehr oft wiederholst. Stell dir vor, du würdest eine Münze nicht zweimal, sondern hundertmal werfen. Ein Baumdiagramm wäre dann unpraktisch. Die Binomialverteilung liefert dir eine elegante Formel für genau solche Fälle. Die Grundidee bleibt aber dieselbe: Du nutzt die Pfadregel und die Summenregel – nur in einer kompakteren Form.