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Potenzfunktionen einfach erklärt: So erkennst und zeichnest du sie

Stell dir vor, du faltest ein Blatt Papier. Nach der ersten Faltung hast du 2 Schichten. Nach der zweiten sind es 4. Nach der dritten 8. Die Anzahl der Schichten wächst nicht gleichmässig – sie explodiert förmlich. Oder denk an einen Ball, den du fallen lässt: Je länger er fällt, desto schneller wird er. Die Geschwindigkeit nimmt nicht linear zu, sondern folgt einem ganz bestimmten Muster.

Dieses explosive Wachstum und diese besonderen Muster beschreibt die Mathematik mit Potenzfunktionen. Sie sind mächtige Werkzeuge, um Zusammenhänge zu beschreiben, bei denen sich Grössen nicht einfach verdoppeln oder verdreifachen – sondern potenzieren. In diesem Kapitel lernst du, was Potenzfunktionen sind, wie ihre Graphen aussehen und wie du sie sicher erkennst und zeichnest.

Beginnen wir mit etwas Vertrautem: der Fläche eines Quadrats. Wenn ein Quadrat die Seitenlänge xx hat, berechnet sich seine Fläche als A=x2A = x^2. Verdoppelst du die Seitenlänge, vervierfacht sich die Fläche. Das ist der Kern einer Potenzfunktion.

Schauen wir uns das systematisch an:

Seitenlänge xxFläche A=x2A = x^2
11
24
39
416
525

Die Fläche wächst viel schneller als die Seitenlänge. Dieser Zusammenhang ist nicht linear – er folgt einer Potenz. Genau solche Zusammenhänge beschreiben Potenzfunktionen.

Eine Potenzfunktion ist eine Funktion, bei der die Variable xx als Basis mit einem festen Exponenten nn potenziert wird. Die allgemeine Form lautet:

f(x)=xnf(x) = x^n

Der Exponent nn bestimmt das Verhalten der Funktion. In der 8. Klasse betrachten wir vor allem natürliche Zahlen als Exponenten: n=1,2,3,4,n = 1, 2, 3, 4, \ldots

DEFINITION

Eine Potenzfunktion hat die Form f(x)=xnf(x) = x^n, wobei nn eine natürliche Zahl ist. Die Variable xx heisst Basis, die Zahl nn heisst Exponent. Der Exponent bestimmt, wie stark die Funktion wächst und wie ihr Graph aussieht.

Für unterschiedliche Exponenten ergeben sich unterschiedliche Funktionstypen:

  • f(x)=x1f(x) = x^1: Die lineare Funktion (eine Gerade durch den Ursprung)
  • f(x)=x2f(x) = x^2: Die quadratische Funktion (eine Parabel)
  • f(x)=x3f(x) = x^3: Die kubische Funktion
  • f(x)=x4f(x) = x^4: Eine Funktion vierter Ordnung

Jede dieser Funktionen hat einen charakteristischen Graphen mit eigenen Eigenschaften.

Der Schlüssel zum Verständnis von Potenzfunktionen liegt in der Unterscheidung zwischen geraden und ungeraden Exponenten. Diese Unterscheidung bestimmt das gesamte Erscheinungsbild des Graphen.

Bei Funktionen wie f(x)=x2f(x) = x^2 oder f(x)=x4f(x) = x^4 ist der Exponent gerade. Das hat eine wichtige Konsequenz: Egal ob du eine positive oder negative Zahl einsetzt, das Ergebnis ist immer positiv.

Rechnen wir nach:

  • (2)2=(2)(2)=4(-2)^2 = (-2) \cdot (-2) = 4
  • (2)2=22=4(2)^2 = 2 \cdot 2 = 4

Beide Werte liefern dasselbe Ergebnis. Deshalb sind die Graphen achsensymmetrisch zur yy-Achse.

Eigenschaften bei geradem Exponenten:

  • Der Graph ist achsensymmetrisch zur yy-Achse
  • Alle Funktionswerte sind grösser oder gleich null: f(x)0f(x) \geq 0
  • Der Tiefpunkt liegt im Ursprung (00)(0|0)
  • Der Graph verläuft wie ein “U” – je höher der Exponent, desto flacher am Ursprung und steiler am Rand

Bei Funktionen wie f(x)=x3f(x) = x^3 oder f(x)=x5f(x) = x^5 ist der Exponent ungerade. Hier bleibt das Vorzeichen erhalten:

  • (2)3=(2)(2)(2)=8(-2)^3 = (-2) \cdot (-2) \cdot (-2) = -8
  • (2)3=222=8(2)^3 = 2 \cdot 2 \cdot 2 = 8

Die Ergebnisse haben unterschiedliche Vorzeichen. Der Graph zeigt eine andere Symmetrie.

Eigenschaften bei ungeradem Exponenten:

  • Der Graph ist punktsymmetrisch zum Ursprung
  • Die Funktionswerte können positiv und negativ sein
  • Der Graph verläuft von links unten nach rechts oben
  • Im Ursprung flacht der Graph ab – je höher der Exponent, desto ausgeprägter

Um den Graphen einer Potenzfunktion zu zeichnen, gehst du systematisch vor. Die Wertetabelle ist dein wichtigstes Hilfsmittel.

Schritt-für-Schritt-Anleitung:

  1. Bestimme den Exponenten: Ist er gerade oder ungerade? Das verrät dir die Grundform des Graphen.

  2. Erstelle eine Wertetabelle: Wähle sinnvolle xx-Werte. Beginne mit ganzen Zahlen wie 3,2,1,0,1,2,3-3, -2, -1, 0, 1, 2, 3.

  3. Berechne die Funktionswerte: Setze jeden xx-Wert in die Funktion ein und berechne f(x)f(x).

  4. Trage die Punkte ein: Zeichne ein Koordinatensystem und markiere alle berechneten Punkte.

  5. Verbinde die Punkte: Zeichne eine glatte Kurve durch alle Punkte. Potenzfunktionen haben keine Ecken oder Knicke.

Häufige Fehler bei Potenzfunktionen:

  1. Vorzeichenfehler bei negativen Basen: Bei (2)3(-2)^3 ist das Ergebnis 8-8, nicht 88. Denke daran: Eine ungerade Anzahl negativer Faktoren ergibt ein negatives Produkt.

  2. Verwechslung von x2-x^2 und (x)2(-x)^2: Der Ausdruck x2-x^2 bedeutet (x2)-(x^2), also das Negative von x2x^2. Der Ausdruck (x)2(-x)^2 bedeutet, dass zuerst das Vorzeichen von xx geändert und dann quadriert wird. Bei x=3x = 3: 32=9-3^2 = -9, aber (3)2=9(-3)^2 = 9.

  3. Symmetrie falsch anwenden: Gerade Exponenten erzeugen Achsensymmetrie, ungerade Exponenten erzeugen Punktsymmetrie. Verwechsle diese nicht.

Beispiel 1: Die quadratische Funktion

Zeichne den Graphen der Funktion f(x)=x2f(x) = x^2.

Schritt 1: Der Exponent ist 2, also gerade. Der Graph wird achsensymmetrisch zur yy-Achse sein.

Schritt 2 und 3: Wertetabelle erstellen

xxf(x)=x2f(x) = x^2
3-399
2-244
1-111
0000
1111
2244
3399

Schritt 4 und 5: Die Punkte (39)(-3|9), (24)(-2|4), (11)(-1|1), (00)(0|0), (11)(1|1), (24)(2|4), (39)(3|9) einzeichnen und mit einer glatten Kurve verbinden.

Ergebnis: Der Graph ist eine nach oben geöffnete Parabel mit Scheitelpunkt im Ursprung.

Beispiel 2: Die kubische Funktion

Zeichne den Graphen der Funktion f(x)=x3f(x) = x^3.

Schritt 1: Der Exponent ist 3, also ungerade. Der Graph wird punktsymmetrisch zum Ursprung sein.

Schritt 2 und 3: Wertetabelle erstellen

xxf(x)=x3f(x) = x^3
2-28-8
1-11-1
0000
1111
2288

Schritt 4 und 5: Die Punkte (28)(-2|-8), (11)(-1|-1), (00)(0|0), (11)(1|1), (28)(2|8) einzeichnen und mit einer glatten Kurve verbinden.

Ergebnis: Der Graph verläuft von links unten nach rechts oben. Im Ursprung flacht er kurz ab, bevor er steil ansteigt.

Beispiel 3: Vergleich von Exponenten

Vergleiche die Funktionen f(x)=x2f(x) = x^2 und g(x)=x4g(x) = x^4 für verschiedene xx-Werte.

xxf(x)=x2f(x) = x^2g(x)=x4g(x) = x^4
000000
0.50.50.250.250.06250.0625
111111
22441616
33998181

Beobachtungen:

Für x<1|x| < 1: Die Funktion mit dem höheren Exponenten liefert kleinere Werte. Hier ist x4<x2x^4 < x^2.

Für x=1|x| = 1: Beide Funktionen haben denselben Wert. Das ist der Schnittpunkt beider Graphen.

Für x>1|x| > 1: Die Funktion mit dem höheren Exponenten liefert grössere Werte. Hier ist x4>x2x^4 > x^2.

Fazit: Der Graph von x4x^4 liegt zwischen 1-1 und 11 unterhalb des Graphen von x2x^2, schneidet ihn bei x=±1x = \pm 1 und liegt ausserhalb dieses Bereichs darüber.

Beispiel 4: Anwendung in der Physik

Ein Stein fällt aus grosser Höhe. Die Fallstrecke ss (in Metern) nach tt Sekunden berechnet sich näherungsweise durch:

s(t)=5t2s(t) = 5 \cdot t^2

a) Wie weit ist der Stein nach 1, 2 und 3 Sekunden gefallen?

b) Wie verhält sich die Fallstrecke, wenn sich die Zeit verdoppelt?

Lösung zu a):

Setze die Zeitwerte in die Formel ein:

s(1)=512=5ms(1) = 5 \cdot 1^2 = 5 \, \text{m}

s(2)=522=54=20ms(2) = 5 \cdot 2^2 = 5 \cdot 4 = 20 \, \text{m}

s(3)=532=59=45ms(3) = 5 \cdot 3^2 = 5 \cdot 9 = 45 \, \text{m}

Nach 1 Sekunde: 5 Meter. Nach 2 Sekunden: 20 Meter. Nach 3 Sekunden: 45 Meter.

Lösung zu b):

Vergleichen wir s(1)=5s(1) = 5 m mit s(2)=20s(2) = 20 m. Die Zeit verdoppelt sich von 1 auf 2 Sekunden.

Die Fallstrecke vervierfacht sich: 205=4\frac{20}{5} = 4.

Das liegt an der quadratischen Beziehung: Wenn sich tt verdoppelt, wird t2t^2 viermal so gross. Dieses Verhalten ist typisch für Potenzfunktionen mit Exponent 2.

In der Praxis treten Potenzfunktionen oft mit einem Vorfaktor aa auf:

f(x)=axnf(x) = a \cdot x^n

Der Vorfaktor streckt oder staucht den Graphen:

  • a>1|a| > 1: Der Graph wird in yy-Richtung gestreckt (steiler)
  • 0<a<10 < |a| < 1: Der Graph wird in yy-Richtung gestaucht (flacher)
  • a<0a < 0: Der Graph wird an der xx-Achse gespiegelt

Betrachten wir drei Beispiele mit n=2n = 2:

xxf(x)=x2f(x) = x^2g(x)=2x2g(x) = 2x^2h(x)=x2h(x) = -x^2
1111221-1
2244884-4

Bei g(x)=2x2g(x) = 2x^2 sind alle Funktionswerte doppelt so gross – der Graph ist steiler.

Bei h(x)=x2h(x) = -x^2 sind alle Funktionswerte negativ – der Graph ist nach unten geöffnet.

  • Eine Potenzfunktion hat die Form f(x)=xnf(x) = x^n mit natürlichem Exponenten nn
  • Gerade Exponenten (n=2,4,6,n = 2, 4, 6, \ldots) erzeugen achsensymmetrische Graphen zur yy-Achse mit Tiefpunkt im Ursprung
  • Ungerade Exponenten (n=1,3,5,n = 1, 3, 5, \ldots) erzeugen punktsymmetrische Graphen zum Ursprung
  • Je höher der Exponent, desto flacher ist der Graph nahe dem Ursprung und desto steiler ausserhalb
  • Der Vorfaktor aa in f(x)=axnf(x) = a \cdot x^n streckt, staucht oder spiegelt den Graphen
❓ Frage: Welche Symmetrie hat der Graph der Funktion f(x)=x5f(x) = x^5?
Lösung anzeigen

Der Graph ist punktsymmetrisch zum Ursprung.

Begründung: Der Exponent 5 ist ungerade. Bei ungeraden Exponenten gilt: f(x)=(x)5=x5=f(x)f(-x) = (-x)^5 = -x^5 = -f(x). Diese Eigenschaft kennzeichnet Punktsymmetrie zum Ursprung.

❓ Frage: Berechne f(3)f(-3) für die Funktion f(x)=x4f(x) = x^4.
Lösung anzeigen

f(3)=(3)4=(3)(3)(3)(3)=81f(-3) = (-3)^4 = (-3) \cdot (-3) \cdot (-3) \cdot (-3) = 81

Der Funktionswert ist 81. Da der Exponent gerade ist, ergibt sich ein positiver Wert.

❓ Frage: Die Graphen von f(x)=x2f(x) = x^2 und g(x)=x4g(x) = x^4 schneiden sich in zwei Punkten (ausser dem Ursprung). Bestimme diese Schnittpunkte.
Lösung anzeigen

Setze f(x)=g(x)f(x) = g(x):

x2=x4x^2 = x^4

x2x4=0x^2 - x^4 = 0

x2(1x2)=0x^2 \cdot (1 - x^2) = 0

Daraus folgt: x2=0x^2 = 0 oder 1x2=01 - x^2 = 0

Die Lösungen sind: x=0x = 0, x=1x = 1 und x=1x = -1

Die Schnittpunkte (ausser dem Ursprung) sind (11)(-1|1) und (11)(1|1).

Du hast jetzt die Grundlagen der Potenzfunktionen kennengelernt. Als Nächstes wirst du die quadratische Funktion f(x)=x2f(x) = x^2 noch genauer untersuchen. Du lernst, wie sich der Graph verschiebt, wenn du Parameter hinzufügst: f(x)=a(xd)2+ef(x) = a \cdot (x - d)^2 + e. Diese erweiterte Form der Parabel ist ein zentrales Thema in der Algebra und bildet die Basis für das Lösen quadratischer Gleichungen. Ausserdem wirst du Potenzfunktionen mit negativen und gebrochenen Exponenten kennenlernen – ein spannendes Gebiet, das ganz neue Graphenformen eröffnet.