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Kongruenz und Schnittfiguren einfach erklärt: So erkennst du deckungsgleiche Formen

Stell dir vor, du backst Weihnachtsplätzchen. Du drückst einen Stern-Ausstecher in den Teig – einmal, zweimal, dreimal. Jeder ausgestochene Stern hat exakt die gleiche Form und Grösse wie der Ausstecher. Wenn du zwei dieser Sterne übereinanderlegst, passen sie perfekt aufeinander. Kein Stern ist grösser, keiner hat längere Zacken.

Genau dieses Prinzip der perfekten Übereinstimmung nutzen Mathematiker täglich. Ob Architekten, die identische Fenster entwerfen, oder Ingenieure, die Ersatzteile für Maschinen konstruieren – überall braucht man die Gewissheit, dass zwei Formen wirklich exakt gleich sind. In der Mathematik nennen wir diese perfekte Deckungsgleichheit Kongruenz. Und wenn sich geometrische Figuren schneiden, entstehen dabei neue Formen – die Schnittfiguren. Heute lernst du, wie du Kongruenz erkennst und welche spannenden Eigenschaften Schnittfiguren haben.

Kehren wir zu unseren Plätzchen zurück. Der Ausstecher ist wie eine Schablone. Jedes Plätzchen, das du damit ausstichst, ist eine Kopie dieser Schablone. In der Geometrie funktioniert das ähnlich: Wenn zwei Figuren kongruent sind, dann ist eine Figur quasi die “Kopie” der anderen.

Aber was bedeutet das genau? Zwei Figuren sind kongruent, wenn du sie so verschieben, drehen oder spiegeln kannst, dass sie perfekt übereinanderliegen. Die Form bleibt dabei immer gleich – du veränderst nur die Position oder Ausrichtung.

Stell dir zwei Dreiecke vor. Das eine liegt auf deinem Tisch, das andere hängt an der Wand. Wenn du das Wanddreieck abnimmst, umdrehst und auf den Tisch legst, und es dann genau auf das andere Dreieck passt – dann sind beide kongruent.

EigenschaftBei Kongruenz
SeitenlängenAlle entsprechenden Seiten sind gleich lang
WinkelAlle entsprechenden Winkel sind gleich gross
FlächeninhaltIdentisch
FormIdentisch
DEFINITION

Zwei geometrische Figuren heissen kongruent (Zeichen: \cong), wenn sie durch Verschiebung, Drehung oder Spiegelung zur Deckung gebracht werden können. Kongruente Figuren haben die gleiche Form und die gleiche Grösse. Alle entsprechenden Seiten sind gleich lang, und alle entsprechenden Winkel sind gleich gross.

Das Zeichen \cong liest du als “ist kongruent zu”. Wenn Dreieck ABCABC kongruent zu Dreieck DEFDEF ist, schreibst du:

ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF

Wichtig: Die Reihenfolge der Buchstaben verrät dir, welche Ecken einander entsprechen. Bei ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF gilt:

  • Ecke AA entspricht Ecke DD
  • Ecke BB entspricht Ecke EE
  • Ecke CC entspricht Ecke FF

Das bedeutet auch:

  • Seite AB\overline{AB} entspricht Seite DE\overline{DE}
  • Seite BC\overline{BC} entspricht Seite EF\overline{EF}
  • Seite CA\overline{CA} entspricht Seite FD\overline{FD}

Wie beweist du, dass zwei Dreiecke kongruent sind? Musst du alle sechs Stücke (drei Seiten und drei Winkel) überprüfen? Zum Glück nicht! Die Mathematik hat herausgefunden, dass bestimmte Kombinationen von drei Stücken bereits ausreichen.

Wenn alle drei Seiten eines Dreiecks genauso lang sind wie die drei Seiten eines anderen Dreiecks, dann sind die Dreiecke kongruent.

a1=a2,b1=b2,c1=c212a_1 = a_2, \quad b_1 = b_2, \quad c_1 = c_2 \quad \Rightarrow \quad \triangle_1 \cong \triangle_2

Wenn zwei Seiten und der eingeschlossene Winkel eines Dreiecks mit zwei Seiten und dem eingeschlossenen Winkel eines anderen Dreiecks übereinstimmen, dann sind die Dreiecke kongruent.

Der eingeschlossene Winkel ist der Winkel zwischen den beiden betrachteten Seiten.

Wenn zwei Winkel und die eingeschlossene Seite eines Dreiecks mit zwei Winkeln und der eingeschlossenen Seite eines anderen Dreiecks übereinstimmen, dann sind die Dreiecke kongruent.

Wenn zwei Seiten und der Winkel gegenüber der längeren Seite übereinstimmen, dann sind die Dreiecke kongruent. Das kleine “s” erinnert dich daran, dass dieser Satz nur unter bestimmten Bedingungen gilt.

Was passiert, wenn sich zwei geometrische Figuren überlappen? Der Bereich, in dem beide Figuren gleichzeitig liegen, heisst Schnittfigur oder Schnittmenge.

DEFINITION

Die Schnittfigur (auch Schnittmenge genannt) zweier geometrischer Figuren AA und BB ist die Menge aller Punkte, die sowohl zu AA als auch zu BB gehören. Man schreibt: ABA \cap B (gelesen: “A geschnitten B”).

Stell dir vor, du legst ein rotes und ein blaues Blatt Papier übereinander, sodass sie sich teilweise überlappen. Der Bereich, der sowohl rot als auch blau ist (also lila erscheint), ist die Schnittfigur.

Je nachdem, welche Figuren sich schneiden und wie sie zueinander liegen, entstehen unterschiedliche Schnittfiguren:

AusgangsfigurenMögliche Schnittfigur
Zwei KreiseLinsenform, ein Punkt, leere Menge
Kreis und GeradeStrecke (Sehne), ein Punkt, leere Menge
Zwei RechteckeRechteck, Strecke, Punkt, leere Menge
Zwei DreieckeVieleck (3- bis 6-eckig), Strecke, Punkt, leere Menge

Die leere Menge bedeutet, dass sich die Figuren gar nicht berühren. Man schreibt dafür \emptyset oder {}\{\}.

Hier wird es richtig spannend: Schnittfiguren und Kongruenz hängen eng zusammen. Wenn du zwei kongruente Figuren auf bestimmte Weise übereinander legst, entstehen Schnittfiguren mit besonderen Eigenschaften.

Legst du zwei kongruente Figuren so übereinander, dass sie sich teilweise überlappen, ist die entstehende Schnittfigur oft symmetrisch. Das liegt daran, dass kongruente Figuren spiegelbildlich aufgebaut sind.

Wenn eine Gerade zwei parallele Geraden schneidet, entstehen interessante Winkelbeziehungen:

  • Stufenwinkel sind gleich gross
  • Wechselwinkel sind gleich gross
  • Nebenwinkel ergänzen sich zu 180°180°

Diese Eigenschaften nutzt du, um zu beweisen, dass bestimmte Dreiecke kongruent sind.

Fehler 1: Buchstabenreihenfolge ignorieren Bei ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF ist die Reihenfolge entscheidend! AA entspricht DD, BB entspricht EE, CC entspricht FF. Wenn du die Reihenfolge vertauschst, vergleichst du die falschen Seiten und Winkel miteinander.

Fehler 2: Ähnlichkeit mit Kongruenz verwechseln Ähnliche Figuren haben die gleiche Form, aber nicht unbedingt die gleiche Grösse. Ein kleines und ein grosses Quadrat sind ähnlich, aber nicht kongruent! Kongruenz erfordert gleiche Form und gleiche Grösse.

Fehler 3: Beim SsW-Satz den falschen Winkel wählen Der Winkel muss der längeren der beiden Seiten gegenüberliegen. Liegt er der kürzeren Seite gegenüber, kann es zwei verschiedene Dreiecke geben – dann gilt der Kongruenzsatz nicht!

Beispiel 1: Kongruenz mit dem SSS-Satz nachweisen

Aufgabe: Zeige, dass die Dreiecke ABCABC und DEFDEF kongruent sind, wenn gilt: AB=5cm\overline{AB} = 5 \, \text{cm}, BC=7cm\overline{BC} = 7 \, \text{cm}, CA=6cm\overline{CA} = 6 \, \text{cm} DE=5cm\overline{DE} = 5 \, \text{cm}, EF=7cm\overline{EF} = 7 \, \text{cm}, FD=6cm\overline{FD} = 6 \, \text{cm}

Lösung:

Wir vergleichen die entsprechenden Seiten:

AB=DE=5cm\overline{AB} = \overline{DE} = 5 \, \text{cm}

BC=EF=7cm\overline{BC} = \overline{EF} = 7 \, \text{cm}

CA=FD=6cm\overline{CA} = \overline{FD} = 6 \, \text{cm}

Alle drei Seitenpaare sind gleich lang. Nach dem SSS-Satz gilt:

ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF

Beispiel 2: Kongruenzsatz identifizieren

Aufgabe: Welcher Kongruenzsatz passt? Gegeben sind zwei Dreiecke mit:

  • Seite a=8cma = 8 \, \text{cm}
  • Seite b=6cmb = 6 \, \text{cm}
  • Der eingeschlossene Winkel γ=45°\gamma = 45°

Lösung:

Wir haben zwei Seiten (aa und bb) und einen Winkel (γ\gamma).

Der Winkel γ\gamma liegt bei der Ecke CC. Das ist genau die Ecke, an der die Seiten aa und bb zusammentreffen.

Also ist γ\gamma der eingeschlossene Winkel zwischen aa und bb.

Das entspricht dem SWS-Satz (Seite-Winkel-Seite).

Wenn ein zweites Dreieck dieselben Masse hat (a=8cma = 8 \, \text{cm}, b=6cmb = 6 \, \text{cm}, γ=45°\gamma = 45°), dann sind beide Dreiecke kongruent.

Beispiel 3: Schnittfigur zweier Quadrate bestimmen

Aufgabe: Zwei kongruente Quadrate mit Seitenlänge 4cm4 \, \text{cm} überlappen sich. Das zweite Quadrat ist um 1cm1 \, \text{cm} nach rechts und 1cm1 \, \text{cm} nach oben verschoben. Bestimme die Form und den Flächeninhalt der Schnittfigur.

Lösung:

Schritt 1: Die Ausgangssituation verstehen

Das erste Quadrat hat die Ecken bei (0,0)(0, 0), (4,0)(4, 0), (4,4)(4, 4) und (0,4)(0, 4).

Das zweite Quadrat ist verschoben und hat die Ecken bei (1,1)(1, 1), (5,1)(5, 1), (5,5)(5, 5) und (1,5)(1, 5).

Schritt 2: Die Schnittfigur bestimmen

Die Überlappung liegt dort, wo beide Quadrate gleichzeitig sind:

  • Horizontal: von x=1x = 1 bis x=4x = 4 (Breite: 3cm3 \, \text{cm})
  • Vertikal: von y=1y = 1 bis y=4y = 4 (Höhe: 3cm3 \, \text{cm})

Die Schnittfigur ist ein Quadrat mit Seitenlänge 3cm3 \, \text{cm}.

Schritt 3: Den Flächeninhalt berechnen

A=3cm3cm=9cm2A = 3 \, \text{cm} \cdot 3 \, \text{cm} = 9 \, \text{cm}^2

Die Schnittfigur ist ein Quadrat mit dem Flächeninhalt 9cm29 \, \text{cm}^2.

Beispiel 4: Kongruente Dreiecke in einer Schnittfigur finden

Aufgabe: Zwei Geraden gg und hh schneiden sich im Punkt SS. Zeige, dass die gegenüberliegenden Dreiecke, die durch eine weitere Gerade entstehen, kongruent sind.

Lösung:

Wenn sich zwei Geraden schneiden, entstehen vier Winkel. Die gegenüberliegenden Winkel heissen Scheitelwinkel und sind immer gleich gross.

Schritt 1: Winkel benennen

Bezeichne die Winkel bei SS als α\alpha, β\beta, α\alpha' und β\beta'.

Es gilt: α=α\alpha = \alpha' und β=β\beta = \beta' (Scheitelwinkel).

Schritt 2: Eine dritte Gerade hinzufügen

Eine Gerade ff schneidet gg in Punkt PP und hh in Punkt QQ.

Es entstehen zwei Dreiecke: SPX1\triangle SP X_1 und SQX2\triangle SQ X_2 auf gegenüberliegenden Seiten.

Schritt 3: Kongruenz prüfen

In den gegenüberliegenden Dreiecken gilt:

  • Scheitelwinkel bei SS sind gleich
  • Wenn SP=SQ\overline{SP} = \overline{SQ}, haben wir gleiche Seiten
  • Die Winkel bei PP und QQ können als Wechselwinkel gleich sein

Nach dem WSW-Satz oder SWS-Satz (je nach gegebenen Informationen) sind die Dreiecke kongruent.

  • Kongruenz bedeutet Deckungsgleichheit: Zwei Figuren sind kongruent (\cong), wenn sie durch Verschieben, Drehen oder Spiegeln zur Deckung gebracht werden können.
  • Die Kongruenzsätze (SSS, SWS, WSW, SsW) erlauben es, die Kongruenz von Dreiecken mit nur drei passenden Angaben zu beweisen.
  • Die Schnittfigur zweier geometrischer Figuren ist die Fläche, die zu beiden Figuren gehört (Schreibweise: ABA \cap B).
  • Bei der Buchstabenreihenfolge (z.B. ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF) entsprechen die Buchstaben an gleicher Position einander.
❓ Frage: Welcher Kongruenzsatz gilt, wenn zwei Dreiecke in allen drei Seitenlängen übereinstimmen?
Lösung anzeigen

Der SSS-Satz (Seite-Seite-Seite). Wenn alle drei Seiten eines Dreiecks genauso lang sind wie die entsprechenden drei Seiten eines anderen Dreiecks, dann sind die beiden Dreiecke kongruent.

❓ Frage: Ein Dreieck ABCABC hat die Seiten AB=5cm\overline{AB} = 5 \, \text{cm}, BC=8cm\overline{BC} = 8 \, \text{cm} und den Winkel ABC=60°\angle ABC = 60°. Ein zweites Dreieck DEFDEF hat DE=5cm\overline{DE} = 5 \, \text{cm}, EF=8cm\overline{EF} = 8 \, \text{cm} und DEF=60°\angle DEF = 60°. Sind die Dreiecke kongruent? Begründe!
Lösung anzeigen

Ja, die Dreiecke sind kongruent nach dem SWS-Satz.

Der Winkel ABC\angle ABC liegt bei Ecke BB, also zwischen den Seiten AB\overline{AB} und BC\overline{BC}. Es handelt sich um den eingeschlossenen Winkel zwischen zwei bekannten Seiten.

Ebenso liegt DEF\angle DEF zwischen DE\overline{DE} und EF\overline{EF}.

Da zwei Seiten und der eingeschlossene Winkel übereinstimmen, gilt: ABCDEF\triangle ABC \cong \triangle DEF.

❓ Frage: Zwei Kreise mit Radius r=3cmr = 3 \, \text{cm} haben ihre Mittelpunkte 4cm4 \, \text{cm} voneinander entfernt. Beschreibe die Schnittfigur.
Lösung anzeigen

Die Schnittfigur hat die Form einer Linse (auch “Vesica Piscis” genannt).

Da der Abstand der Mittelpunkte (4cm4 \, \text{cm}) kleiner ist als die Summe der Radien (3+3=6cm3 + 3 = 6 \, \text{cm}), aber grösser als die Differenz (33=0cm3 - 3 = 0 \, \text{cm}), überlappen sich die Kreise teilweise.

Die Schnittfigur wird von zwei Kreisbögen begrenzt und sieht aus wie ein Auge oder eine Linse. Sie hat zwei Spitzen, dort wo sich die Kreisränder schneiden.

Du hast jetzt gelernt, wann zwei Figuren kongruent sind und wie du Schnittfiguren bestimmst. Im nächsten Schritt wirst du dich mit Ähnlichkeit beschäftigen. Während kongruente Figuren exakt gleich gross sind, haben ähnliche Figuren nur die gleiche Form – sie können aber unterschiedlich gross sein.

Die Ähnlichkeit ist das Werkzeug, mit dem du masstabsgetreue Vergrösserungen und Verkleinerungen verstehst. Du wirst den Strahlensatz kennenlernen und ihn nutzen, um Längen zu berechnen, die du nicht direkt messen kannst – zum Beispiel die Höhe eines Baumes oder die Breite eines Flusses. Die Konzepte der Kongruenz bilden dafür die perfekte Grundlage!